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BLOG vom 12.05.2006


Zum Beispiel Darfur: Unsere gigantische Desinformiertheit

Autor: Walter Hess

Vieles, was wir wissen, wissen wir aus den Medien, vielleicht ist es das meiste. Aber was wir aus den Medien erfahren, ist nicht das meiste, sondern es sind ein paar Bruchstücke, die aus verkaufsstrategischen Gründen in der Regel auch noch falsch gewertet sind.

Es ist beispielsweise hinlänglich bekannt, dass das Leben eines Amerikaners im Vergleich zu anderen Erdenbürger ein Mehrfaches gilt; das weiss man auch von Schadenersatzforderungen her. Im Irak-Krieg werden nur die im Kampf direkt getöteten Amerikaner gezählt (die Gesamtzahl der Toten US-Boys und -Girls wird aus propagandistischen Gründen geheimgehalten); die weit grössere Zahl der einheimischen, irakischen Opfer (meistens Zivilisten wegen flächenhafter Bombardierungen) ist weiter nicht von Belang. „Wenn es gilt, eine Geisel aus den Vereinigten Staaten zu retten, riskiert das US-Militär viele Tote ‚minderwertiger’ Nationalität“, schrieb Wolf Schneider in sein „Tagebuch fürs Wesentliche“. Und weiter: „Von weisser Hautfarbe zu sein, europäischer oder nordamerikanischer Abstammung (das dort herrschende Volk ist ja auch europäischer Abstammung) und ausserdem reich und mächtig zu sein, das verhilft zu einem guten Platz auf der Werteskala.“
 
Dazu ein Beispiel aus der aktuellen Weltpolitik: In der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur starben innerhalb von 2 Jahren seit 2003 angeblich etwa 180 000 bis 300 000 Menschen (wer mag sie gezählt haben?) und rund 6 Millionen wurden vertrieben (zum Teil in Lager im Tschad) – das sind Schätzungen. Alles deutet auf einen Völkermord hin. Seit 2005 gibt es nicht einmal mehr Schätzungen über die Zahl der Opfer in Darfur. Die Uno geht davon aus, dass angesichts der schwierigen Versorgungslage bis zu 10 000 Menschen pro Woche sterben, weil sie nicht mit Nahrung, Wasser und medizinischer Hilfe versorgt werden (können). Jan Egeland, Vizegeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheiten und Koordinator der Uno-Nothilfe, spricht sogar davon, dass sich insgesamt gegen 2 Millionen Menschen – rund ein Drittel der Bevölkerung in der Region – mehr oder weniger in einer unmittelbaren Lebensgefahr befänden (Quelle: Amnesty International AI).
 
Wenn die untere Zahl der Todesopfer (180 000) in Darfur zutreffen sollte, wären das 60-mal mehr als bei den Terroranschlägen auf die WTC-Türme in New York vom 11. September 2001 umgekommen sind. Man beachte die unterschiedliche Medienpräsenz. Bei den Anschlägen kam natürlich die Beleidigung der Supermacht hinzu, die den medialen Grossaufruhr zusätzlich anheizte.
 
Darfur umfasst die sudanesischen Bundesstaaten Gharb Darfur (West-Darfur), Schamal Darfur (Nord-Darfur) und Dschanub Darfur (Süd-Darfur). (West-Darfur), (Nord-Darfur) und (Süd-Darfur). (West-Darfur), (Nord-Darfur) und (Süd-Darfur). (West-Darfur), (Nord-Darfur) und (Süd-Darfur). Die eingeborenen Afrikaner kämpfen dort gegen die Araber und gegen die arabisch-dominierte Regierung in Khartum. In diesem grössten Land Afrikas gab es seit der Unabhängigkeit 1956 immer wieder Bürgerkriege, auch wegen der Einführung der islamischen Rechtsprechung im christlich-animistischen Süden. Der Streit um die Erdöleinkünfte (China ist ein Grosskunde und investiert seit 1984 in die sudanesische Erdölförderung) verschärfte die lange schwelenden Konflikte noch. Die Regierung antwortete mit Bombardements und Bodenangriffen, durchgeführt von der arabischen Miliz Dschandsschawid (Djandjawid), die im grossen Stil brandschatzte, plünderte, Frauen vergewaltigte und mordete (Quellen: AI und Human Rights Watch). Menschenrechtler, die wichtigsten Informationsquellen, meldeten 2005/06 verstärkte Kämpfe und Grossoffensiven regierungstreuer Kräfte. Ein einziges Riesen-Drama.
 
In den ersten 4 Monaten von 2006 wurde in amerikanischen Nachrichtensendungen nur insgesamt 10 Minuten über die Darfur-Krise berichtet. Verschiedene Schauspieler wie George Clooney und Angelina Jolie ertrugen dieses Totschweigen einer tödlichen Krise von gigantischem Ausmass nicht mehr und nutzten ihre Popularität, um die US-Bevölkerung auf das Morden aufmerksam zu machen. Der britische „Economist“ und die „FAZ“ berichteten kompetent und regelmässig; im Übrigen war die europäische Presse in ihrer Afrika-Berichterstattung mehr als zurückhaltend, zumal sie den amerikanischen Vorgaben folgt („CNN“, welcher der US-Regierung sehr nahe steht, ist der internationale Leitsender).
 
Ein bekannter Redakteur habe die mediale Ignoranz von Afrika einmal mit den Worten „Neger sind Kiosk-Gift“ ausgedrückt, sagte Gabriele Faber-Wiener von Ärzte ohne Grenzen in einem Interview mit der Agentur Pressetext (pte). So sind denn Medienleute umso dankbarer, wenn ein Friedensabkommen auftaucht, weil dann ein ohnehin vernachlässigtes Gebiet definitiv abgehakt werden kann. Ein solches Abkommen ist am 29. April 2006 von der grösseren Fraktion der Sudanesischen Befreiungsarmee (Sudan Liberation Movement SLA) unter Minni Minnawie sowie dem Chefunterhändler der sudanesischen Regierung, Magsub el Chalifa, „unter Vorbehalt“ unterzeichnet worden. Die Vorbehalte betreffen unter anderem die Art der Integration der Rebellen in die sudanesischen Streitkräfte und ihre Zahl sowie die Modalitäten der vorgesehenen Entwaffnung der regierungstreuen Djandjawid-Milizen. Auch eine Splittergruppe der SLA unter Abdel Wahid Mohammed el Nur, die zunächst die Verhandlungen unter Protest verlassen hatte, unterzeichnete das Abkommen dann doch noch. Die Rebellengruppe Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit JEM hat das Dokument zunächst nicht unterschrieben. Das Abkommen sieht ein Referendum über die Zukunft der Region im Westsudan vor, die auch mehr Beteiligung am Reichtum des Landes erhalten soll.
 
Die USA haben viel Druck gemacht, damit es zu einem Friedensabkommen kommen konnte, auch wenn dessen Wirkung noch unbestimmt ist. Die Hoffnung besteht im Schurkenstaat USA, dass die Sanktionen gegen den Schurkenstaat Sudan bald aufgehoben werden können, damit die Amerikaner die Geschäfte mit dieser erdölreichen Region bald wieder aufzunehmen in der Lage sind. Der herzensgute, friedliebende George W. Bush hat den Menschen in Darfur gerade Hilfe zugesagt: „Amerika wird sich von dieser Region nicht abwenden.“ Aussenministerin Condoleezza Rice hat bei den Vereinten Nationen in New York eine Resolution für die raschere Entsendung einer Friedenstruppe, z. B. die US-dominierte Nato, in die Region eingebracht. Die kann dann die zurzeit stationierten Truppen (2000 Soldaten) der Afrikanischen Union (AU) ablösen und gleich auch noch die Rohstoffquellen bewachen. Egeland würde die AU-Präsenz vergrössern, was ja naheliegender wäre.
 
Besonders wenn etwas zu holen ist, wird der Sudan in den Medien wieder häufiger präsent sein als wenn bloss gemordet, gehungert und verhungert wird.
 
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