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BLOG vom 15.05.2006


Bildungsraum Schweiz: Schule und Schüler total vermarkten

Autor: Walter Hess

Im Moment hat die Vereinheitlichungskultur in Richtung neoliberale Einheitswelt in der Schweiz gerade Hochkonjunktur. Die neue Regional- und Agglomerationspolitik hat zentralistische Züge, Gemeinden fusionieren, damit die demokratischen Einflussmöglichkeiten des Volks verringert werden können (spektakulärstes Beispiel: Kantons Glarus). Und neben allem anderen, was so an Grundbedürfnissen zu befriedigen ist, soll nun auch das kantonal individuell strukturierte Schulwesen einen grossen Schritt Richtung nationale Einheitsschule (Einheitskultur, Einheitswelt) vorangetrieben werden: Am 21. Mai 2006 wird das Schweizervolk wahrscheinlich zustimmend über die „Neuordnung der Verfassungsbestimmungen zur Bildung“ abstimmen.

Der Trick besteht bei dieser Vorlage darin, dass die Kantone zwar eine gewisse „Schulhoheit“ behalten dürfen; ihre Handlungsfreiheit aber gilt nur solange als sie freiwillig vereinheitlichen. Sobald sie sich die Frechheit zu eigenen, regional, kulturell und demographisch angepassten Lösungen herausnehmen und sich nicht in den „Bildungsraum Schweiz“ eingliedern, werden sie dazu gezwungen. Bund und Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) sagen dann, wos lang geht; dazu wird voraussichtlich ein neues Bildungsdepartement geschaffen. Das Muster ist aus der grossen Politik bekannt: Man plädiert unverdrossen für Demokratie, aber wenn Völker dann die falschen politischen Repräsentanten wählen, werden sie mit wirtschaftlichen Strafmassnahmen stranguliert und gefügig gemacht (siehe Palästina).
 
Die Abstimmung zur Beseitigung des Bildungsföderalismus in den Bereichen Schule, Forschung, Lehre, Weiterbildung usf. läuft unter der verheimlichten Devise „Alle Bildungsmacht dem Bund“, auf dass die lästigen Einflussnahmen des Volks niedergehalten werden können – und zwar im ganzen Bildungssektor (inklusive Hochschulstufe). Natürlich gibt es bei der heutigen Situation verschiedene Unzulänglichkeiten und unmotivierte, erschwerende Verschiedenartigkeiten, die aber durch einfühlsamere Korrekturen von unten statt von oben aus den Schulzimmern, die immer mehr zu Freizeitpärken zur Auslebung des Spieltriebs werden, aus der Welt geschafft werden könnten. Das Schweizer Schulwesen ist dennoch im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich gut, weil (laut OECD-Bericht 1989) Engagement, Motivation, Verantwortungsgefühl und Handlungsfähigkeit) vorhanden sind – eine „Ethik der Schule“. Doch damit soll nun definitiv Schluss sein. Die Einführungsworte in der Bundesbroschüre zur Abstimmung tönen unter diesen Vorzeichen wie Hohn: „Eine gute Bildung macht den Menschen selbstständig und befähigt ihn, sich in Gesellschaft und Arbeitswelt zu integrieren. Ein hoher Bildungsstand ist die Basis für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit eines Landes.“ Warum tut man denn nicht alles, um die Bildungsqualität zu erhalten?
 
Was nur wenige Schweizer zu erkennen in der Lage sind, weil die Vorgänge von Politik und den eingebetteten Systemmedien nicht beim Namen genannt werden: Die Vorlage ist ein Bestandteil des grausamen GATS-Abkommens (General Treatment on Trade in Services = Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen), kurz des WTO-Dienstleistungsabkommens, das auch alle öffentlichen Bereiche von der Telekommunikation (der Nationalrat hat soeben bezüglich Swisscom-Verscherbelung bremsend eingegriffen), Transport, Krankheitsversorgung bis hin zur Trinkwasserversorgung privatisieren und damit zur Übernahme durch US-kontrollierte, multinational tätige Konzerne tauglich machen will, damit Investoren zulasten des Volks ihre Beute ständig vergrössern können. Selbst die sonst politisch mündige Schweiz ist 1995 mit fliegenden Fahnen auf das GATS-Abkommen hereingefallen; allerdings war das Volk vorsichtshalber nicht befragt worden. Die Schritte dazu sind die Aushebelung der Mitbestimmung durch Kantone (sie haben aber noch Vollzugsaufgaben) und Zentralisierung beim Bund. Sobald dieser Zwischenschritt getan ist, geht es um eine internationale Vereinheitlichung, damit ausländische Investoren nach Lust und Laune tätig werden und absahnen können. Dabei kommt man selbstverständlich nicht um zentralistisch standardisierte Regelungskompetenzen herum.
 
Die Schweiz hat dummerweise im Bildungsbereich fast alle GATS-Vorschriften angenommen (Ausnahme: ausländisches Lehr- und Fachpersonal, bei dem Akademiker aus EU- und EFTA-Ländern bevorzugt werden können). Somit müssen auch Subventionen an ausländische Bildungsunternehmen bezahlt werden, oder aber Kantone und Bund müssen auf Subventionen überhaupt verzichten; das ergibt sich aus dem Gleichbehandlungsgebot. Dies ist der springende Punkt zur Ermöglichung des Einzugs von Sponsoren und damit von Werbung ins Schulwesen – bis ins Unterrichtsmaterial herein. Denn die Schule wird in Zukunft ja gezwungen sein, nach Geldgebern aus Industrie und Wirtschaft Ausschau zu halten, und es versteht sich von selbst, dass diese für ihren pekuniären Einsatz einen Gegenwert sehen möchten. Als ob nicht schon mehr als genug werbestrategische Holzhammermethoden über die Kinder hereinbrechen würden. Und als ob Wissenschaft und Forschung noch nicht genug von Geldgebern abhängig wären; das begründet auch, weshalb praktisch alles, was dem Volk nützlich wäre, aber keinen Ertrag abwirft oder Einkünfte verhindert (wie die Forschung über gesundheitsfördernde Massnahmen) auf der Strecke bleiben: Nur ein kranker, womöglich chronischkranker Mensch ist ein volkswirtschaftlich nützlicher, das Bruttosozialprodukt überdurchschnittlich steigernder und damit guter neoliberaler Mensch.
 
Dem Volk wird jetzt wohlweislich verschwiegen, dass die „Bildungsreform“ die logische Folge des GATS-Abkommens ist und dass der internationale Handel auch im Bildungssektor nur funktioniert, wenn alles über einen einzigen Leisten geschlagen worden ist: Koordinieren und vereinheitlichen lautet die Devise. Und am Schluss muss alles den US-amerikanisch diktierten WTO-Regeln (Welthandelsorganisation) unterstellt werden, an die sich alle zu halten haben, nur die USA nicht, die auf ihren Raubzügen selbstverständlich ohnehin machen dürfen, was sie wollen. Die Führungsnation ist unangreifbar.
 
Aus alledem wird ersichtlich, dass die Schweizer Schule der neoliberalen Globalisierung angepasst und nicht auf die Bedürfnisse der Schüler ausgerichtet werden soll. Die schöne neue Welt im Klassenzimmer, in dem alle 45 Minuten die Glocken und später einmal alle 3 Monate die Kassen für Investoren klingeln werden, kommen von dort, wo alles Gute herkommt. Schon vor über 10 Jahren schrieb Seymour Papert, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in seinem Buch „The Children’s Machine“: „Wir brauchen eine neue Lernkultur“ – aber die Schule ganz abschaffen wollte er vorläufig noch nicht. Zuerst ging er auf die Lehrpläne los, weil sie seiner Ansicht nach die Kreativität ersticken, und er erreichte, dass Lernen, Leben und Lieben nicht mehr getrennt wurden. Die Kinder können wählen, ob sie lernen oder einfach spielen wollen (man kann sich lebhaft vorstellen, wofür sie sich entscheiden) – daraus hat sich inzwischen die Spassgesellschaft entwickelt. Laut Papert ist der Computer (wohl die Maschine der Kinder) der bessere Lehrer, weil er ermöglicht, „sinnvoller, phantasiereicher und effektiver zu lehren“. Aus der Paukfabrik wurde unter solchen Vorgaben eine reine Vergnügungsinstitution zur Entlastung der Eltern, die schon bis jetzt dazu führte, dass etwa ein Fünftel der 15-jährigen Schweizer unfähig sind, einfachste Texte zu verstehen. Der Prozentsatz lässt sich ohne weiteres Richtung 100 % noch anheben. So breiten sich wirklich US-amerikanische Zustände aus.
 
Die Schulen, die nach internationalen Vorgaben zurzeit gerade heruntergewirtschaftet werden, braucht es bald einmal nicht mehr. In den USA hat sich schon seit 1994 eine Ladenkette („Learning Smith“) dem Geschäft mit dem vergnüglichen Lernen (Edutainment) verschrieben. Aber auch diese Ausgaben kann man sich sparen. Man kann gleich am TV ein Millionenspielchen nachverfolgen, bei Fragen über biografische Daten von Film- und Popstars mitraten und hinterher dann das Gefühl haben, etwas für die Bildung getan zu haben.
 
Wenn man die Menschen einmal so weit hat, werden sie auch den verhängnisvollsten Vorlagen zustimmen und idiotischsten politischen Ansinnen zujubeln, unentwegt US-Fähnchen schwenkend. Dass dies bereits heute funktioniert, wird wahrscheinlich der Abstimmungsausgang am 21. Mai 2006 in der Schweiz zeigen.
 
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