Textatelier
BLOG vom: 18.05.2006

Liebe zur Weisheit: Philosophie und Ungereimtheiten

Autor: Emil Baschnonga
„Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selber ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit dem Mitmenschen, über Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben.“ So schrieb Karl Jaspers (geboren 1883 Odenburg, gestorben 1969 Basel) in seinem Werk „Der philosophische Glaube“.
 
Schon 1931 setzte er sich in seiner Schrift „Die geistige Situation der Zeit“ u. a. kritisch mit der Massengesellschaft und der Entfremdung des Menschen durch die Technologie auseinander.
 
In der von der Globalisierung gefährdeten Welt fehlt heute seine Stimme leider. Mir scheint, dass die Philosophie, also die „Liebe zur Weisheit“, eingeengt und an die Wand gedrängt ist. Genau das, was die Philosophie zur Erkenntnis braucht, Musse, Ruhe, Selbstbesinnung, fehlen uns heute. Das Streben nach Weisheit, Wahrheit und Erkenntnis ist Bestrebungen ganz anderer Art gewichen − einem Rattenschwanz von Übeln, womit die „schönste aller Welten“ verhunzt wird. Auguste Rodins „Denker“ sitzt stumm und versteinert auf seinem Sockel.
 
„Der philosophische Glaube“ ist für mich eine Alternative zur Religion mit ihren Absolutheitsansprüchen. Rasch muss ich einschränken: Mit philosophischen Denkmodellen komme ich schlecht zurecht und verstehe sie meistens nicht. Ich finde sie von der Zeit überholt und zu abstrakt. Aber das ist mein Fehler mangels philosophischer Denkschulung. Erst wenn die Philosophen in die Alltagsphilosophie umsteigen, kann ich wieder mithalten. Besonders gern lese ich ihre Sentenzen und Aphorismen. Von diesen ist es ein Katzensprung zur Literatur: mein Tummelfeld.
 
Weg von meinen persönlichen Vorlieben, nenne ich hier meine Lieblingsphilosophen nicht, sondern frage mich, wie schon oft zuvor, wozu sich die Philosophie denn eignet. Irgendwo habe ich gelesen, dass es keine Philosophie gegen Zahnschmerzen gibt. Bei Zahnweh und anderen Leiden, besonders auch seelischen Schmerzen, kommt die Philosophie erst nachher, wenn das Schlimmste überstanden ist. Sie unterstützt und fördert den Heilungsprozess. Philosophie stimmt versöhnlich. Dank ihr erlernen wir die Gabe zu verzeihen – sogar sich selbst gegenüber …
 
Dennoch ist Philosophie, wie aus der Geistesgeschichte hervorgeht, kein Friedensstifter. Friedrich Nietzsche wurde missverstanden und missbraucht im Zusammenhang mit dem „Herrenrassenwahn“ der Nazi. Immer wieder wird einer kommen, der die Logik bricht und die Ethik vergewaltigt zu seinem eigenen Nutzen – weit, weit ab von der Liebe zur Wahrhaftigkeit. Die Multinationalen machen ihre Geschäfte mit der Unternehmensphilosophie, voller Phrasen, wie sie so oft in Geschäftsberichten herumspuken.
 
Sprachphilosophie ist ein Zweig der Philosophie und analysiert die Verbindungen zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit. Damit liesse sich vielleicht viel Ungereimtes in der Welt entlarven und anprangern – und, so glaube ich als Zuversichtlicher, nach und nach berichtigen.
 
Der philosophische Glaube ist eine unentbehrliche Denkschulung dazu. Erwache die Philosophie aus ihrem Dornröschenschlaf!
 
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