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BLOG vom 21.05.2006


Wie „Die Lorelei“ den Geduldsfaden schützen kann
Autor: Emil Baschnonga
 
Die Leute haben heute einfach keine Geduld mehr. Ich gehöre zu ihnen. In England wird dieser Mangel an Geduld neuerdings „time rage“ genannt – und das ausgerechnet im Land des„stiff upper lip“ (Haltung bewahren) und der Duldsamkeit. Von dieser „time rage“ werden Jung und Alt gleichermassen befallen.
 
Wenn ich mich in der Schweiz aufhalte, bin ich weitaus geduldiger als in der Londoner Metropole. Aber jetzt bin ich in London, wo meine Geduld laufend strapaziert wird. Damit ich noch einen Anschein von guten Manieren bewahre, meide ich soweit wie möglich Bankschalter, die Post, Supermärkte und die meisten anderen Kettenläden auch, Stosszeiten, Flughäfen und ganz besonders auch das Telefon. Werde ich nicht sofort bedient, beginne ich zu knurren. Es dauert nicht lange, bis ich kläffe. Bisher habe ich immerhin noch niemand gebissen.
 
Noch etwas: Lärmquellen können mich ebenfalls leicht in Rage versetzen wie die Schmirgelmaschine, die draussen schon seit Stunden kreischt. Das wird ja immer besser, indem sich jetzt gerade noch ein Schlagbohrhammer dazu gesellt und eine Kakophonie daraus macht … und, beide vereint, eine Hausalarmanlage auslösen.
 
Bevor Sie schlecht von mir denken, gestehe ich, dass ich etwas übertrieben habe, ein bisschen, ein klein bisschen. Wirklich, ich kann auch sehr geduldig sein, selbst unter Zeitdruck. Ich will eben im Auto wegfahren. Doch die Nachbarskatze erscheint, und ich muss mich ihr widmen, sie kraulen, mich erkundigen, was sie getrieben hat und ihr einschärfen, die Vögel in Ruhe zu lassen. Wenn ich eine wahre Engelsgeduld hätte, würde ich so lange im Garten bleiben, bis ich Wurzeln treibe. Dann hätte ich meine Ruhe und Spass an den Vögeln in meinem Gezweige und am Rascheln meiner Blätter.
 
Das Wort ist gefallen: Blätter = Texte. Die Selbstvergessenheit befreit mich am wirksamsten vom Stress, wenn ich meinen Gedanken nachhänge. Das Thema „Geduld und Ungeduld“ beschäftigt mich immer wieder. Besser, sich selbst die Zeit zu nehmen als sie den Zeitdieben zu überlassen, lautet das Motto eines meiner Hausmittelchen. Dazu gehört aber auch, Zeit für andere Leute abzweigen zu können.
 
Die Lorelei
Gern verweile ich jeweils am Samstagmorgen auf dem nahen Flohmarkt. Das entspannt mich sehr. Dort begegne ich immer wieder einem Mann, der wie ein Wilder von Stand zu Stand trabt, so rasch, dass er die besten Gelegenheiten verpasst. Ich selbst flaniere am liebsten langsam voran, denn es gilt nicht nur Gegenstände, sondern mehr noch die mich umringende Menschenvielfalt ins Auge zu fassen und da und dort einige Worte mit Zufallsbekannten zu wechseln: John, der jetzt viel Freude an seiner Enkelin hat; Andrew, ein polnischer Architekt, der Bücher hamstert; ein Italiener, der immer eine Geschichte auf Lager hat oder etliche vorderhand noch „Namenlose“, die mir gern ihre Fundstücke unter die Nase reiben.
 
Vor 4 oder 5 Wochen bin ich dort einer alten Dame begegnet. Sie liess sich unendlich viel Zeit, als sie einige Kristallobjekte begutachtete. „Baccarat“, sagte sie sich an mich wendend, und hielt eine Friedenstaube aus Kristall in der Hand. Was mir sofort auffiel, war ihr Queens-Englisch in tadelloser Diktion. Noch immer hielt sie die Taube in der Hand, mit der auch ich liebäugelte.
 
„Schade“, meinte sie, „dass sie eine Inschrift trägt, die ich nicht verstehe“, und überreichte mir die Taube. „Das ist auf Arabisch datiert“, sagte ich und entzifferte „21. März 1984. Die übrigen Zeichen sind vermutlich Initialen.“
 
„Schade, diese Gravuren entwerten die Taube.“ Ich wollte ihr die Taube wieder reichen, doch sie sagte: „Ich werde sie deswegen nicht kaufen.“
 
Mir war das mehr als recht. Das Datum war der Frühlingsbeginn und markiert gleichzeitig das persische Neujahr „Noruz“ – eindeutig ein Geschenk für meine Frau. Jemand hatte wohl, wie es Brauch ist, diese Baccarat-Taube mit Widmung verschenkt.
 
Unser Gespräch setzte sich fort. Ich erfuhr, dass sie über 40 Jahre als Antiquitätenhändlerin in Paris gelebt hatte. So wechselten wir sofort ins Französische über und plauderten noch ein Weilchen weiter, ehe ich mich verabschiedete und die Taube kaufte.
 
Unser Pfad kreuzte sich wieder am folgenden Samstag. Sie sass etwas erschöpft in einem Sessel mitsamt ihrer gefüllten Tragtasche. „Gut eingekauft?“ fragte ich sie. Sie nickte. „So haben Sie Ihre Ruhepause verdient“, sagte ich und wollte schon weitergehen. „Ich sitze hier wegen meinen Rückenschmerzen.“ Meine Neugier war gestupst. Wie wir ins Thema Literatur einbogen, das weiss ich nicht mehr.
 
Diese alte Dame, fast kugelrund und mit glitzernden fahlblauen Augen hinter ihrer kleinen, ebenfalls kugelrund stahlumfassten Brille, war hochgebildet. Ich erwähnte nebenbei Heinrich Heine, weil auch er lange in Paris gelebt hatte. Leider spreche sie kein Deutsch ausser – und zu meiner Überraschung zitierte sie akzentfrei und in einem Guss „Die Lorelei“: 
Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl, und es dunkelt,
Und ruhig fliesst der Rhein ...
 Jetzt liege es an mir, ihrem Vorbild zu folgen und etwas Gutes aufzustöbern, verabschiedete ich mich schliesslich. „Bonne chance!“ schickte sie mir nach.
 
Das hatte gewirkt, jubelte ich insgeheim, wie ich eine reich mit Intarsien geschmückte edwardsche Kaminuhr sichtete. Ich öffnete das Gehäuse und bemerkte erst noch ein wunderbares, nummeriertes Schweizer Uhrwerk. Nur die ‚Unruhe’ war verbogen, ein Schaden, der sich, so hoffe ich, leicht ausbessern lässt. Zum Glück kenne ich einen Uhrmacher. Hartnäckig marktete ich den Preis auf ein erschwingliches Niveau herunter, und der Handel gelang.
 
Auf dem Heimweg versuchte ich, „Die Lorelei“ zu zitieren, aber blieb schon in der 4. Zeile stecken. Also werde ich mir die Zeit nehmen, um „Die Lorelei“ auswendig zu lernen. Wenn mir der dafür zuständige Faden will, werde ich mir die Geduld erhalten, indem ich „Die Lorelei“ fast wie ein Gebet abspule.
 
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