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BLOG vom 21.05.2006


CH-Abstimmung: Einheits-Bildungsmarkt und das Entsetzen
Autor: Walter Hess
 
Für Schweizer Verhältnisse schon fast einstimmig haben die Stimmberechtigten der Schweiz der weitgehenden nationalen Vereinheitlichung des Bildungswesens zugestimmt, wie ich vorausgesehen habe. Diese weise Voraussicht (siehe Blog vom 15. Mai 2006) war denn auch nicht besonders schwierig: Der GATS-tauglichen Vorlage war kaum Widerstand erwachsen, und der „Bildungsraum Schweiz“ war kaum einer Diskussion wert. Sogar die Leute aus dem konservativen Halbkanton Appenzell-Innerrhoden sagten mit 59,2 % der Stimmen Ja, der Kanton Bern gar mit 92,9 %, die Schweiz insgesamt mit 85,6 % − bei einer ausgesprochen schwachen Stimmbeteiligung (27,2 %), der zweittiefsten in der Geschichte des Bundesstaats. Der Tiefenrekord war am 4. Juni 1972 erreicht worden, als die Stimmbeteiligung auf 26,7 % abtauchte. Der Schutz der Währung und die Stabilisierung des Baumarkts liessen die Schweizer trotz Sommertemperaturen kalt.
 
Die akzeptierten neuen Verfassungsartikel werden dafür sorgen, dass Schuleintrittsalter, Schulpflicht, Dauer und Ziele der Bildungsstufen gesamtschweizerisch harmonisiert werden. Und sind einzelne der 26 Kantone nicht willig, so kann der Bund Gewalt anwenden und sagen, wos langgeht.
 
Ob diese praktisch stillschweigende Zustimmung zur Einbindung in ein nationales und anschliessend in ein internationales Bildungssystem von hoher Bildung und politischer Reife zeugte, wird sich in Zukunft weisen. Alt SP-Nationalrat Hans Zbinden gab am SF DRS nach der Abstimmung zu, dass es um einen internationalen Einheits-Bildungsraum geht: „Die Schweiz ist ein Teil der Welt und ins internationale Bildungswesen eingebettet." Jetzt darf man es ja sagen.Viele Vereinheitlichungen (auch Gemeindefusionen) laufen heute einfach unter dem Obertitel „Kosteneinsparung“ – und so werden gewissermassen demokratische Einflussmöglichkeiten an den Meistbietenden verkauft. Genau davon profitiert die neoliberale Globalisierungsidee. Die sich am Ende als die teuerste Lösung herausstellen wird.
 
Aber bis das deutlich genug spürbar wird, braucht es noch etwas Geduld. Inzwischen kann man sich die Zeit des Wartens mit dem Genuss von Musik der finnischen siegreichen Heavy-Metal-Monsterrocker mit ihren Teufelshörnern und -masken und dem Hackbeil versüssen. Nach dem Schlagerfestival der Eurovision 2006 („Eurovision Song Contest“) vom Vortagabend (20. Mai 2006) weiss man jetzt, dass es für viele moderne Menschen nichts Angenehmeres als das blanke Entsetzen nach dem international gültigen Vorbild der Hollywood-Gruselfilme gibt.
 
Auch das GATS wird ihnen dazu verhelfen.
 
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