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BLOG vom 06.06.2006


Grosses Fressen: 4 Europa-Börsen von NYSE geschluckt
Autor: Walter Hess
 
Natürlich bedurfte es dieses Beweises, dass Europa trotz EU ein USA-Vasall im Range eines Juniorpartners ist und bleiben wird, nicht mehr. Er wurde dennoch erbracht: Am 1. Juni 2006 wurde bekannt, dass die New York Stock Exchange (NYSE) und der europäische Vier-Länder-Börsenverbund Euronext mit Sitz in Paris (dem die Börsen von Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon angehören sowie die Londoner Terminbörse LIFFE) ein Abkommen unterzeichnet haben, das den Zusammenschluss der beiden Unternehmen vorsieht. Damit erhält die Wall-Street des Geldes, die ohnehin tonangebend war, noch mehr Gewicht, ausgerechnet, die Zustimmung der Aktionäre und der Wettbewerbshüter vorausgesetzt.
 
Das transatlantische Abkommen sieht vor, dass jeder Euronext-Aktionär 0,98 Aktien der NYSE erhält sowie eine Bar-Zahlung in der Höhe von 21,32 Euro. Die NSYE ist ja selbst an der NYSE notiert. Euronext-Chef Jean-François Theodore und NYSE-Chef John Thain betonten, dass es sich dabei um eine „Fusion unter Gleichen“ handelt. Denkste! Selbst wenn eine völlige Gleichbehandlung vorgesehen wäre (was nicht der Fall ist), hätten die Europäer ohnehin nichts zu sagen.
 
Die Börsen in aller Welt pflegen ein sklavisches Herlaufen hinter den „Vorgaben“ aus Amerika. Wenn von dort die Meldung kommt, die Amerikaner würden weniger Plastikspielzeug kaufen, fühlen sich die Finanzmärkte in aller Welt zum Zusammenbrechen verpflichtet. Aber wenn der US-Liegenschaftsmarkt um einen halben Prozentpunkt anzieht, dann frohlocken die Börsianer in aller Welt und kaufen Aktien wie frische Brötchen. Wirtschaftsdaten aus anderen Ländern tun nichts zur Sache. Als der Dax, das deutsche Börsenbarometer, am Pfingstmontagvormittag, 5. Juni 2006, stark gefallen war, sagte ein Händler laut „Handelszeitung": „Erst wenn am Nachmittag die Wall Street eröffnet wird es wieder spannender.“ Ausschliesslich die Amerikaner können da für Spannung sorgen. Doch diese hatten gerade einen Schrecken abbekommen, da das geistliche Oberhaupt des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, sein Land nicht wehrlos den Amerikanern zum Ausprobieren neuer Waffen überlassen will und mit der Erdölwaffe drohte. Die Erdölpreise stiegen, und die Börsenindexe fielen schon wieder. Endlich ein Land, das sich von der Kriegsmacht USA nicht einschüchtern und ausbeuten lässt.
 
Geradezu lustig zu beobachten ist, wie sich die europäischen Mitläufer-Börsen im Tagesverlauf verhalten; denn die Zeitverschiebung erschwert ihnen das durchgehende Nachäffen. Am Morgen können sie sich jeweils noch auf das Ergebnis der US-Standardwerte Dow Jones Index (110 Jahre alt) und der US-Technologiebörse Nastaq vom Vorabend abstützen. Bis um 15.30 Uhr MEZ, der Öffnungszeit der wegweisenden New Yorker Leitbörsen, müssen sie ihre Richtung dann selber finden. Das hatte am 2. Juni 2006 auch die Schweizer Börse in Zürich zu tun: Der SMI erreichte ein Tageshoch von über 1,2 % im Plus, bis dann eben 15.30 Uhr die Warnglocken aus New York erklangen. Der SMI stürzte in treuer Ergebenheit zwischen 15.30 und 16 Uhr dramatisch auf 0,3 % (um 2/3) ab, um die Amerikaner in ihrem Elend nicht allein zu lassen, erholte sich dann aber noch leicht (auf ein Plus von 0,63 %). Dabei muss ich immerhin festhalten, dass sich die Schweizer Börse in den vergangenen Monaten noch als verhältnismässig eigenwillig gezeigt hat – es war einfach zu viel Geld da, das gewinnversprechend angelegt werden musste. Und Schweizer Aktien sind ja etwas vom sichersten, das man in seinem Portefeuille haben kann, auch wenn sie Crash-Situationen ebenfalls mitmachen.
 
Ich hoffe nur, dass sich die Schweizer Börse mit dem anheimelnden Namen Swiss Exchange (SWX) nach der Unterwerfung in sprachlicher Beziehung unters Anglo-Amerikanische wenigstens nicht auch noch als Institution von Amerika vereinnahmen lässt. Zwar schrieb der Spiegel-online im Ton des Bedauerns, dass der deutschen Börse Übernahmekandidaten abhanden gekommen seien: „Gerade die grossen institutionellen Anleger drängen darauf, den Handel effizienter, schneller und günstiger abzuwickeln. Im weltweiten Börsenpoker zählt so immer mehr Grösse: Kleinere Handelsplätze, die nicht das nötige Volumen bieten, geraten ins Hintertreffen und werden selbst zu Übernahmekandidaten.“
 
Mit solchen hohlen Zweck-Sprüchen wird die Welt globalisierungswillig gemacht. Nach meinem Wissen litt niemand an den nationalen europäischen Börsen unter mangelhaften Kauf- oder Verkaufgelegenheiten, abgesehen von Randwerten, die aber auch innerhalb eines vergrösserten Börsengebildes keine einzige Aktie mehr umsetzen würden, noch längere elektronische Laufbänder hin oder her. Und schnell ist der computergestützte Handel auf unserem Kontinent seit der Einführung des Computerhandels; diesbezüglich ist Europa den Amerikanern voraus, wo es immer noch den Parketthandel mit seinen Fresszettelschlachten gibt (die Euronext ist vollelektronisch) , wohl auch was die Seriosität anbelangt – ich verweise nur auf die spektakulären Börsenskandale wie Worldcom, Enron oder Tyco.
 
Und dem auf einem schwächelnden Dollar, der Währung einer verarmten Kriegsnation, basierenden Finanzzentrum des Kapitalismus beziehungsweise Neoliberalismus traue ich schon längst nicht mehr über den Weg. Aber der Ruf der USA und seine Wirtschaftsaussichten mögen noch so miserabel sein, die Finanzwelt verharrt in blödsinniger Abhängigkeit – ja sie verstärkt diese noch.
 
Bisher haben die USA alle Kriege verloren (einschliesslich Vietnam, Kuba, Afghanistan und im Irak, und im 2. Weltkrieg zerstörten sie noch Städte, als alles bereits entschieden war), Tote, missgebildete Menschen, Trümmer auch von ersetzlichem Kulturgut und radioaktiven Staub hinterlassend. Aber im Ausbeuten der übrigen Welt, die ihnen zu Füssen liegt, sind sie die Sieger. Mich stört die ungebrochene Einfalt der europäischen Nationen und der übrigen Willigen.
 
PS: Die Aktien der NYSE Group legten im Hinblick auf die Einverleibung von 4 europäischen Börsen zu.
 
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