Textatelier
BLOG vom: 03.07.2006

Entlaubungen in Vietnam, Palästina und in der Provence

Autor: Walter Hess
 
Die meines Wissens perfideste und grossräumigste Naturzerstörung, welche sich Abkömmlinge des Menschengeschlechts auf diesem Erdball geleistet haben, waren die „Entlaubungen“ durch den Einsatz des berüchtigten Gifts Agent Orange mit Dioxin als Verunreinigungsmittel während des Vietnamkriegs von 1962 bis zum Mai 1970.
 
Der Begriff „Entlaubung“ ist ein Euphemismus, eine Beschönigung. Denn es ging nicht einfach darum, das Laub von Bäumen herunterzuholen, wie es der Herbst normalerweise tut, sondern um eine totale Naturvernichtung durch einen grossflächigen Einsatz von Pflanzenabtötungsmitteln (Herbiziden). Das Ziel kranker Strategenhirne war, die angegriffenen Menschen, die sich für ihr Land mit all ihren bescheidenen Möglichkeiten wehrten, der Nahrung und der Deckungsmöglichkeiten zu berauben. Ich habe im Bericht über meine Vietnam-Exkursion 1996 auf diesen Chemiekrieg hingewiesen, der etwa 3 Millionen Tote, 600 000 Verkrüppelte und 800 000 Waisen hinterliess.
 
Noch in der 3. Generation nach dem Gifteinsatz durch die Amerikaner kommt es in Vietnam zu Missbildungen bei Menschen; die herzlichen, unschuldigen Vietnamesen, die zusammen mit ihrem Lebensraum aus Flugzeugen besprüht wurden, tun mir furchtbar Leid. Die Amerikaner haben sich noch nicht zu einer Entschuldigung aufraffen können, geschweige denn zu Schadenersatzzahlungen, wie sie sie im Übrigen von der ganzen Welt bei jeder (auch frei erfundenen) Gelegenheit einzufordern pflegen.
 
Detaillierte Angaben zu den Sprühflügen finden sich auf der Webseite http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Vietnam/fabig.html neben dem Hinweis, „dass die militärische Idee eines Krieges mit Entlaubungen einen Präzedenzfall hatte: Britische Truppen hatten 1948 in Malaysia die Ernten und den schützenden Urwald in Gebieten, wo Aufständische lebten, zerstört. Nach diesem Vorbild wurde vom Pentagon bzw. von der ihm unterstellten ‚Advanced Research Project Agency’ (APRA) ein Projekt ,Agile' gestartet. In Tests mit Stoffen und Sprühsystemen wurde herausgefunden, dass 28 Liter Herbizide pro Hektar Land nötig seien, um die gesamte Vegetation zu vernichten. Dass es nicht nur um die Vegetation ging, könnte daraus hervorgehen, dass ein ‚Hamlet Evaluation System’ (HES) entwickelt wurde, nach dem die Volkszählungsdaten der Dörfer ausgewertet wurden, um die Exposition der Bevölkerung zu berechnen. 1959 wurden in Camp Drum (Bundesstaat New York) die ersten Entlaubungsexperimente mit Agent Purple in grösserem Stil durchgeführt. Damals wurde das für Vietnam übliche Sprühgerät auf Tauglichkeit getestet.“
 
An diese Entlaubungen erinnern die Zerstörungen der Olivenhaine in Palästina, über die ich im Blog vom 4. Januar 2005 („Die zerstörten Olivenhaine in Palästina geben zu denken“) geschrieben habe. Die israelische Armee hat in den vergangenen Jahren im Westjordanland maschinell systematisch Olivenhaine zerstört, da Palästina dadurch empfindlich getroffen werden konnte: Durch den Entzug einer der landwirtschaftlich bedeutendsten, geheiligten Nahrungsgrundlage; auch hier wurde selbstredend die Zerstörung von Deckungsmöglichkeiten für Widerstandskämpfer vorgeschoben.
 
In all den erwähnten Baumzerstörungen, die von gravierenden Kollateralschäden begleitet waren, ging es um Strategien, die an Perfidie kaum zu überbieten waren, gegen Unschuldige, die sich die Frechheit erlaubten, für ihren Besitz zu kämpfen.
 
Ich weiss nicht warum, aber ich habe in meinem Leben starke Beziehungen zu Pflanzen aufgebaut. Diese Zuneigung ist mir nicht in die Wiege gelegt worden, und auch der schulische Biologieunterricht alter Schule trug kaum etwas dazu bei. Ich weiss eigentlich nicht, wie es dazu kommen konnte – wahrscheinlich durch Lesen und die Teilnahme an naturkundlichen Exkursionen, die mir immer atemberaubende neue Einsichten eröffneten. Jedenfalls schätze ich mich glücklich, dass die Liebe zur Natur stetig gewachsen ist und schon der Baumschnitt im Winter bei mir schwere Bedenken hervorruft; denn wenn die Bäume nicht im Saft sind, können die Wunden nicht heilen, weshalb der Sommerschnitt vorzuziehen wäre. Der Winterschnitt setzte sich wahrscheinlich durch, weil die Bauern dann mehr Zeit zum Bäumeschneiden haben als im Sommer. Ich habe inzwischen auch einsehen müssen, dass manchmal ein Baum zurückgestutzt oder gar gefällt werden muss, wenn man sich nicht vollkommen einwachsen lassen will. Aber man sollte das mit Anstand und Zurückhaltung tun und sich beim Baum, der einem so viel Gutes tat, entschuldigen.
 
Bei der Vorbereitung aufs Blog „Von den alten Männern, die noch Bäume pflanzten“ (6. Februar 2006) habe ich bei Jean Giono (1895–1970) nachgelesen und bin in diesem Zusammenhang auf seine wunderschöne Landschaftsbeschreibung „Provence“ gestossen, in der es 2 Kapitel „Über die toten Olivenbäume“ aus dem Jahr 1956 gibt. Giono bezieht sich darin auf den vorangegangenen, 3 Wochen lang dauernden „Frost ohnegleichen“, bei dem viele Bäume – 2 500 000 Olivenbäume, aber auch Eichen und Pinien – erfroren oder anschliessend am Frostbrand gestorben sind. Die Landschaften Alpes-Maritimes, das Var, die Rhône-Mündungen, das Vaucluse und das Drôme-Gebiet boten einen herzzerbrechenden Anblick; denn „ganz im Gegenteil zu dem, was mit Menschen geschieht, bleiben tote Bäume aufrecht stehen“. Die oben erfrorenen Olivenbäume mussten bis zum Boden zurückgeschnitten werden – „und erst in gut 100 Jahren wird man wieder so grosse Bäume sehen, ähnlich denen, die gerade gestorben sind“ (Giono).
 
Aber wer wird sie mit Geduld und Beharrlichkeit so lange pflegen? Nur schon Wartezeiten von 20 Jahren lässt unsere Zeit der Ungeduld, der oft auf Gedankenlosigkeit beruhenden Erneuerungswut („Innovation“) nicht mehr zu. Man kann nicht mehr 20 Jahre lang Geld und Arbeit investieren, um den Landschaften ihr Gesicht wiederzugeben, ohne zu wissen, wie dann die Olivenölpreise sein werden.
 
Diese Ungeduld, der man auch Schnelllebigkeit sagt, verändert den ganzen Lebensstil der Gesellschaft. Naturwerte und Traditionen verschwinden, und es entstehen Zivilisationssteppen, die auch eine Beleidigung fürs Auge sind. Giono: „Zu wem werden wir fortan aufblicken bei unserem Abstieg ins Reich der Hölle?“
 
Die verzivilisierten Menschen sind desorientiert, fühlen sich krank und sind krank – ich vermische jetzt eigene Gedanken mit jenen des französischen Schriftstellers. Die Architekturen, aus denen eine lebenswerte Welt erschaffen waren, werden mutwillig zerstört oder nach vernichtenden Eingriffen durch die Natur, wie es sie auch immer wieder gibt, nicht mehr wiederhergestellt. Die Förster haben aus einem kurzsichtigen Ertragsdenken heraus die alten, vielfältigen Wälder mit den unterschiedlichen Baumgenerationen in Fichtenplantagen umgewandelt; bei Nutzpflanzen und -tieren werden Wachstumsbeschleuniger eingesetzt. Die festen Gerüste, die einst Stabilität garantierten, stürzen ein oder werden vandalisch eingerissen.
 
Wenn es nichts mehr gibt, das unsere Sinne erfreut und das zu schützen sich lohnt, werden alle Schutzbemühungen illusorisch.
*
Wirken solche Gedanken zum Tage über den Tag hinaus? Ist vielleicht auch unser nachhaltiges, differenziertes Denken ein Opfer von geistigen Entlaubungen grossen Stils? Ist nicht auch die Bombardierung des einzigen Elektrizitätswerks und der Saladin-Brücke in Gaza durch Israels Armee wegen eines verschleppten Soldaten eine Art Entlaubung? Auch damit werden Lebensgrundlagen zerstört.
 
Solche Aktionen, welche indirekt das Leben von Zivilisten bedrohen und zerstören, sind nicht völkerrechtskonform, auch wenn die Wertegemeinschaft, abgesehen von ein paar zaghaften Ermahnungen, wieder einmal alle Augen zudrückt und sich dadurch mitschuldig macht. Medizinisch bereits unterversorgte Menschen in Palästina werden zunehmend in Bedrängnis gebracht. Mit solchen Überreaktionen, welche der Zivilbevölkerung Leid und Tod bringen, laden die Israelis eine schwere Schuld auf sich. Wo immer die Ursachen eines Kriegs sind und wie immer er sich auch entwickeln mag,
das bewusste Herbeiführen von humanitären Katastrophen durch die Zerstörung von Nahrungsgrundlagen und lebenswichtiger ziviler Infrastrukturen und die weitgehende Verunmöglichung humanitärer Hilfe lässt auf eine miserable ethische Gesinnung schliessen, die in einer aufgeklärten Welt niemals hingenommen werden darf – auch wenn es Israelis oder Amerikaner sind, die derartige Verbrechen begehen. Und auch wenn sie sich als „Auserwählte" der Strafjustiz zu entziehen vermögen, solch eine Vergangenheit wird sie in anderer Form einholen.
 
Sie sollten im eigenen Interesse darüber einmal nachdenken.
 
Hinweise auf Blogs zum Thema Umgang mit den Bäumen
 
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