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BLOG vom 30.06.2006


Weshalb ich den Fussballsport für puren Nonsens halte
Autor: Walter Hess
 
Ich habe nichts gegen Fussballbegeisterte. Schliesslich kann man sich für alles begeistern, auch für Kaffeerahmdeckeli oder gar für amerikanische Gangsterfilme und Kriegsvideos.
 
Spielregeln
Als Total-Fussball-Muffel habe ich im bisherigen Verlauf der Fussball-WM in Deutschland sicher insgesamt beinahe gegen 50 Minuten vor dem Fernseher dahingedöst und flüchtig beobachtet, was sich auf dem Rasen so abzuspielen pflegt: Da springen offensichtlich gut trainierte erwachsene Männer in den besten Jahren aus 2 unterschiedlichen Lagern hinter einem Ball her und versuchen, diesen in genau entgegengesetzte Richtungen zu kicken. Häufig kommen 2 Schnellläufer mit ihren vollkommen unterschiedlichen Zielen gleichzeitig beim einzigen Ball an und stossen mit einem Fuss mit aller Kraft in das Rund, das selber von Unruhe erfüllt zu sein scheint. Wer schätzt es schon, wenn immer auf ihm herumgetreten wird! Bei Fehltreffern führt das dann dazu, dass kräftige Fusstritte im Schienbein des Gegners landen, falls die beiden nicht schon beim Anlaufen Richtung Ball über die vorgestreckten Beine des anderen gestolpert und gestürzt sind und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen wälzen. Nach besonders dramatischen Flugakrobatik-Einlagen rasen Männer mit einer Bahre herbei und tragen den einen oder anderen weg, eine Stimmung wie im Vorhof eines Leichenhauses, an der sich das Publikum ergötzt. Vor allem wenn es eine Koryphäe von der Gegenseite getroffen hat. In richtigen Zirkussen sieht man allerdings gepflegtere Flug-Nummern. Der Schiedsrichter winkt begeistert mit einer farbigen Karte, die er aus der Brusttasche zaubert, und pfeift dazu mit dem Talent eines langjährigen Kondukteurs schrill, während dem lädierte Gliedmassen mit Eisspray schockgefroren werden.
 
Gute Fussballer müssen auch schauspielerisches Talent haben, um z. B. Fouls perfekt simulieren zu können. Wenn der Schiedsrichter auf der richtigen Seite steht und mitmacht, können sie einen Penalty herausschinden und die falsche Mannschaft gewinnen lassen. Ja, selbst im Schiedsrichterwesen ist einiges faul (foul), wie gerade italienische Klubs entgegenkommenderweise eben noch rechtzeitig demonstriert haben: Juventus Turin, AC Milan, Lazio Rom und Fiorentina – der Prozess gegen die Fussball-Mafia läuft gerade. Vielleicht war auch das alles bloss gespielt. So wird es denn richtig spannend.
 
Ich bitte unsere verehrten Nutzer dringend zu beachten, dass ich von Fussball sowie auch von Sportmedizin und Foultechniken nichts verstehe, rein gar nichts, was durch eben dieses Blog erneut unter Beweis gestellt wird. Schon mein Bruder hat mich mit Bezug auf mein Blog vom 12. Juni 2006 über „mein merkwürdiges Fussball-Fehlverhalten“ ernsthaft darauf hingewiesen, dass wenigstens für Weltmeisterschaftsspiele nicht einfach Spieler in aller Welt zusammengekauft werden könnten, sondern sie müssten Angehörige der entsprechenden Nation sein. Ich habe gelernt. Seither weiss ich, dass die ehemalige Kolonialmacht Frankreich vor allem aus Schwarzen besteht – oder andersherum: Die Schwarzen haben Frankreich offensichtlich kolonisiert. Gerechtigkeit muss sein.
 
Unfallförderung
Doch lassen wir die Weltgeschichte in Frieden und wenden wir uns anderen Brutalitäten zu: Die ganze Zivilisationsgesellschaft ist mit Unfallverhütung beschäftigt. Bevor ich mit meinem Auto abfahren kann, muss ich mich angurten und am Bildschirm bestätigen, dass ich mich auf die Strasse und nicht auf die Positions- und Benzinverbrauchsanzeigen im Screen konzentrieren werde. Selbst wenn ich mit dem Velo ein Päckli zur nahen Post bringe, muss ich einen Sturzhelm aufsetzen. Waldarbeiter sehen wie Astronauten aus. Und falls ich eine Pille schlucken würde, wogegen ich mich selbstverständlich standhaft weigere, müsste ich eine ganze Packungsbeilage mit Warnhinweisen lesen. Bei mir würde das definitiv zum Entschluss führen, mich nicht vergiften zu lassen, auf wessen Geheiss auch immer.
 
Beim Fussball ist alles anders. Da darf gekickt und geschossen werden, selbst mit dem Kopf. So springen etwa unbehelmte Giganten des runden Leders manchmal mit den Köpfen Richtung Ball, als ob sie geil auf Kopfnüsse oder Schwedenküsse wären. Gelegentlich, wenn der Ball solchen Doppelattacken im letzten Moment ausgewichen ist, prallen die Köpfe zusammen. Und diese Köpfe sind, wie ich in Erinnerung rufen möchte, genau der Ort, wo üblicherweise ein Gehirn angesiedelt ist, abgesehen von Ausnahmen. Aber selbst wenn der airbaglose Zusammenprall zweier gegnerischer Köpfe ausbleibt, dürfte bei wohlgezielten Kopfbällen der angeflogene Ball einen harten Schlag auf die Schädeldecke verüben und dabei für etwelche Turbulenzen in den Gehirnwindungen sorgen. Des Nutzers Fantasie mag sich die Folgen bitte selber ausmalen.
 
Der Fussball sei ein lukratives Geschäft, liest man gelegentlich zwischen den Zeilen, und lukrative Geschäfte vertragen sich wahrscheinlich nicht mit Sicherheitsbemühungen, ansonsten das Lukrative leiden würde. Das abgeknöpfte Publikum will für sein Geld nicht etwa Musterbeispiele von Unfallverhütung erleben (die Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU habe ich in den besagten 50 Minuten nirgends gesehen), sondern Action wie damals in den Amphitheatern des römischen Reichs in dessen Untergangsphase. Deshalb kann ich schwer nachvollziehen, dass man den Hooligans das Leben so sehr erschwert, die ja diesbezüglich alles geben.
 
Strategisches
Ich räume unumwunden ein, dass geschickte Züge auch bei der Fussball-Strategie wie etwa beim Schachspiel nötig sind: Die Ballhelden müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort stehen, den Ball wenn immer möglich an gleichfarbige Teamkameraden weitergeben und – ganz wichtig – das richtige Tor treffen, was nicht immer gelingt (siehe Kopfball-Folgen). Eigentor lautet der Fachausdruck.
 
Im Tor, so habe ich herausgefunden, steht ein Spieler, der die Bälle beim Anflug abfangen muss, wahrscheinlich damit das Netz, das wie ein grobmaschiges Kaninchengitter aussieht, nicht beschädigt wird. Offenbar ist noch niemand auf die Idee gekommen, mit geeigneten Hebeeinrichtungen einen mehrere Zentner schweren US-Amerikaner anzukarren, der sich nur von Hormonfleisch (Zutat: Wachstumshormone) in Form von Hamburgern und Coca Cola ernährt hat. Er würde das Tor mit seinem Körpervolumen weitgehend ausfüllen, so dass der Ball einfach keinen Platz fände, im Gitter zu landen. So würde die Weltmacht USA, die ja alles beherrscht, endlich auch Fussball-Weltmeister. Aber sie ist selbstlos und will uns das Hormonfleisch andrehen, damit auch wir aufgehen.
 
Die fussballernden US-Boys sind in Deutschland gleich ausgeschieden; ihr einziger Triumph war, dass sie ausgerechnet und schon wieder Hamburg in einen kriegerischen Notstand versetzen konnten – denn den Amerikanern darf nichts passieren. Ihr Wert beträgt ein Mehrfachen des bei normalen Erdenbürgern Üblichen. In Sachen Bombenwerfen (inklusive Atombomben) sind die USA unangefochtener Weltmeister, ebenso im Erdölausbeuten, der Zerstörung von Kulturgütern und Spionieren auch via SWIFT und beim Abhören, weshalb die Telekommunikation gefördert werden muss, usf. Das alles sind Disziplinen, die noch in olympische Ränge zu erheben sein werden. Auch bei solchen potenziellen Sportarten gibt es viele Fehlentscheide, genau wie auf Fussballplätzen auch. Und die Fussball-Schiedsrichter haben einen bush-ähnlichen Status. Sie dürfen alles (siehe das moderne Rom und Umgebung) und werden in der Regel nicht zur Rechenschaft gezogen. Sie sind anonym.
 
Empathie
Spass beiseite. Geradezu lustig ist es, wie das Modewort Empathie (Mitgefühl) auch die Fussballwelt erfasst hat: Man weint vor Freude, wenn der Ball ins richtige Netz geflogen ist, und man weint vor Trauer, wenn er im falschen gelandet ist. Die schweissgebadeten Helden umarmen, ja herzen und küssen sich ständig und bilden Spielerknäuel, wenn ein Ball versenkt ist. Die Kommentare der Reporter und Verantwortlichen erfolgen mit tränenerstickter Stimme, wenn der Ball auf der falschen Seite gelandet ist, Abdankungen und Beerdigungen sind vergleichsweise fröhliche Anlässe. Und man arbeitet Niederlagen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte und die das Mass des Erträglichen überschreiten, anschliessen psychiatrisch auf, auf dass die am Boden zerschmetterten Helden und ihre Fans aus dem Jammertal vielleicht noch einmal herausfinden werden. Sind sie vielleicht halt doch ganz gewöhnliche Weicheier? Warum macht man den Ball dann nicht konsequenterweise eiförmig. Aber da bekäme man es wahrscheinlich mit den ehrenwerten Hühnern zu tun.
 
Man sieht, ich bin nicht der ausgesprochene Fussballtyp, nicht einmal als Fan-Schnupperlehrling geeignet, und ich bin nicht sicher, ob ich die restlichen 10 Minuten TV-Zuschauen vor dem WM-Ende noch schaffe, um es zu einer vollen Stunde zu bringen. Wohl kaum. Diese Sommerabende sind so schön und so mild, dass ich sie nicht mit Hurrapatriotismus und Huronengebrüll, das nicht einmal vom nordamerikanischen Indianerstamm der Huronen stammt, und disharmonischen Fangesängen vermiesen lassen möchte.
 
Man gestatte mir stattdessen, mich den schönen Seiten des Lebens und Lesens zuzuwenden, ohne mir Schweizer Kreuze auf die Wangen malen und ohne eine rot-weisse Mütze aufsetzen zu müssen.
 
Dank an die Ukraine
Abschliessend noch ein Wort des aufrichtigen Danks an die Fussballhelden aus der Ukraine, welche den Schweizer Weltmeisterschaftstraum freundlicherweise eben noch rechtzeitig beenden konnten. Wären die Schweizer Runde um Runde weitergekommen, unser kleines Land würde mit Fussballstadien zugepflastert, und es gäbe in Zukunft nur noch ein einziges Thema. Ich hätte auswandern müssen.
 
Djakuju, schtschyro djakuju – vielen, vielen Dank, liebe Ukrainer. Mir gefällt es in dieser Schweiz mit unseren Nationalhelden Wilhelm Tell, ebenfalls ein guter Schütze, und Köbi Kuhn jetzt wieder sehr gut.
 
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