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BLOG vom 10.07.2006


Nordkorea – ein Land, das mich irgendwie beeindruckt
Autor: Walter Hess
 
Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il lässt gerade mit Raketen herumschiessen. Zwar etwas unbeholfen – der Start der Taepodong-2-Rakete ist gescheitert. Aber immerhin macht die Sache Eindruck. Und die restliche Welt ist sich endlich wieder einmal einig: So etwas darf nicht sein. Bush sammelt die Schäfchen wieder zur Koalition der Mitläufer. Einigkeit macht stark. Selbstverständlich würden die nordkoreanischen Regenten gescheiter dafür sorgen, dass das verarmte Volk genügend zu essen hat und die Krankheitsversorgung einigermassen klappt.
 
Aber das Getue der so genannten Weltgemeinschaft unter US-Führung widert mich dennoch an, auch den Mut im Verurteilen, welche die Medien Nordkorea gegenüber markieren. Das Schweizer Fernsehen DRS apostrophierte Kim Jong Il sogar als einen Geistesgestörten. Allerdings vermisst man derart prägnante Worte, wenn die Atommacht Israel wegen eines einzigen entführten Soldaten in Palästina das Völkerrecht verletzt und eine ganze Bevölkerung weiter ins Elend treibt, wenn die USA mit militärischer Gewalt ihre Erdölinteressen durchsetzen, an der Front der Klimazerstörer marschieren und eine globale Ausbeutung von unermesslichen Dimensionen auch auf dem Finanzsektor betreiben. Das alles wird schweigend hingenommen. Und das würde die Glaubwürdigkeit untergraben, wenn es sie noch gäbe. Dabei gibt es keine grössere Weltbedrohung als das totalitäre Regime der USA, das zudem durch sein Verhalten das Aufrüsten in aller Welt provoziert, ein permanent glühender Unruheherd ist, aufrüstet wie noch nie und immer schrecklichere Waffen erfinden lässt. Man beachte die Proportionen.
 
Zu den kleinen, unbedeutenden provozierten Provokateuren gehört Nordkorea: Den dortigen Bösen wird von den Guten verboten, zu tun, was bei letzteren an der Tagesordnung ist und im grossen Stil betrieben wird. Die Regierung in Pjöngjang hatte zuvor mit Gegenmassnahmen gedroht, falls versucht werden solle, Nordkorea das Recht auf Tests abzusprechen oder Druck auf das Land auszuüben. Ich habe dafür Verständnis. Nordkorea werde keine andere Wahl haben, als auf „härtere physische Aktionen in anderer Form“ zurückzugreifen, hiess es in einer Erklärung des Aussenministeriums.
 
Aufrüstungen, Provokationen und Kriegsgerassel müssen verurteilt werden – aber bitte auch auf der Achse jener, die sich als die Guten bezeichnen. Ich würde diese Guten als Wölfe im Schafspelz bezeichnen, wenn man dadurch den liebenswürdigen Wölfen nicht Unrecht täte – das wäre für diese Tiere ehrverletzend. Und sie leiden, wie die Bären auch, unter der unbändigen abendländischen Abschussfreude ohnehin genug.
 
Spass muss dennoch sein: „Ich befürchte, die USA und der Rest der Welt haben keinen Sinn für Humor“, witzelte in Tokio Kim Myong-chol, ein in Japan lebender Nordkoreaner, Direktor des Center for Korean-American Peace und selbsternannter inoffizieller Sprecher von Nordkoreas Führer Kim Jong Il, nach den Raketentests. Nordkorea habe den USA zum Unabhängigkeitstag und US-Präsident George W. Bush zu seinem 60. Geburtstag nur ein Gratulationsfeuerwerk schicken wollen, sagte Kim. Eine nette Geste also. „Daher haben wir die Raketen ins Meer stürzen lassen.“ Besonders zuvorkommend. Gewollt wohlgemerkt, fügte er bei, und nicht, weil die Rakete versagt habe, wie in den Medien zu lesen war. „Diesmal haben wir sehr grosse Zurückhaltung geübt“, sagt er dann laut Focus online. „Wenn es uns ernst wäre, hätten wir niemals unsere Reichweite beschränkt.“
 
Spass beiseite: Ich will hier ehrlich gestehen, dass ich zu Nordkorea, das sich nicht der US-Administration unterordnete, schon immer eine gewisse Sympathie hatte. Auch wenn das in unserem Kulturkreis wahrscheinlich nicht gestattet ist. Dieses mausarme und dennoch selbstbewusste kommunistische Land war vor vielen Jahren Gast an der Mustermesse (Muba) in Basel. Dort war ein grossformatiges (90 × 135 cm) Wandbild ausgestellt. Die filigrane Seidenstickerei zeigte eine riesige, unter der Schneelast gebeugte Kiefer in einer Winterlandschaft mit 2 Pagoden im Hintergrund; Blau-, Grau- und Beigetöne herrschen vor. Solch eine Kiefer kommt in der nordkoreanischen Nationalhymne vor: „Wie die wetterfeste Kiefer auf dem Nam-san, wie die unveränderbare Stimme des Windes, so sei unser Wesen, fest und unbeugbar.“ Selbstverständlich habe ich das Bild gekauft, und seither verbreitet es seine ruhige, angenehme Atmosphäre in unserem Essraum. Und im Winter, wenn ich von dort, an einem grossen Nussbaum vorbei, übers verschneite Aaretal schaue, erkenne ich gewisse Übereinstimmungen mit dem nordkoreanischen Kunstwerk: herrliche Landschaften, faszinierende Bilder.
 
Nordkorea ist ein Überrest aus der kommunistischen Welt. Vielleicht ist dieses Land unbewusst zu einem aktuellen Vorreiter geworden: Die Einheitswelt, die jetzt unter US-Diktat erzwungen wird, weist viele Eigenarten mit dem Kommunismus auf: Eine führende Oberschicht, die sich bereichern kann, und ein verarmendes breites Volk, das bespitzelt, unterdrückt und ausgebeutet wird.
 
Wahrscheinlich könnte man von diesem Nordkorea doch einiges lernen, wenn man wollte und die Lage hier und dort richtig interpretieren würde. Vor allem hinsichtlich Widerstandskraft, Unbeugsamkeit, Selbstbewusstsein.
 
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