Textatelier
BLOG vom: 28.07.2006

Die Botschaft des Brillenetuis: Mein Verhältnis zu Marken

Autor: Emil Baschnonga
 
Marken sind Symbole, die unseren Selbstwert stärken und ihn identifizieren helfen, selbst wenn wir dies, etwa als ausgeprägte Individualisten, nicht wahrhaben wollen.
 
Über die Macht und den Einfluss der Marken liegt eine Unmenge von Untersuchungen auf, worauf ich nicht eingehen will. Vielmehr nehme ich mich hier selbst unter die Lupe.
 
Gestern fuhr ich im Auto − unsere bevorzugte Marke ist gegenwärtig der „VW Polo“ (blau und aus 2. Hand − vom Wimbledon Hill abwärts Richtung Wimbledon Broadway. Als auf beiden Strassenseiten der Verkehr vor den Ampeln stockte, sah ich genau mir gegenüber einen Jüngling, der stolz und selbstbewusst eine tolle rote Basketball-Mütze mit Schweizer Kreuz trug. Er grinste, als ich ihn beäugte. Gerne hätte ich ihm etwa zugerufen: „Noch ein Schweizer!“ Auf der hinteren Scheibe unseres Polos ist das Schweizer Wappen aufgeklebt mit dem Vermerk „SUISSE“. Trotz aller Aufgeschlossenheit, die ich der Welt entgegenbringe, ist meine Heimat die stärkste Marke geblieben.
 
Selbstredend habe ich auch eine gewisse Schwäche für Schweizer Uhren, an 1. Stelle ist meine „Doxa“, die heute ihren einstigen Markenbegriff eingebüsst hat, aber seit weit über 30 Jahren zuverlässig tickt („touch wood“). Gegenwärtig trage ich die Stahluhr meines Vaters – eine Omega Seamaster.
 
Marken aus dem Bereich der Herrenmode sind mir eher gleichgültig. Meine Frau bestimmt diese in der Regel, so lange sie für Qualität bürgen. Ich kann damit rechnen, dass ich auf Weihnachten oder zum Geburtstag etwa ein Burberry-Hemd oder -Pullover geschenkt kriege, oder, wie vor kurzem, eine „Autograph“-Jacke von Marks & Spencer.
 
Aber es gibt Ausnahmen, wenn es dem Zufall beliebt, wie im Blog vom 11.03.2006 „Maskeraden und die Bewandtnis mit dem Lodenmantel“ erzählt. Schliesslich muss auch ich dann und wann etwas vorstellen. Aber am wohlsten fühle ich mich in meinen alten Klamotten zuhause.
 
Ich bin gewiss nicht der Einzige, der bei jeder Gelegenheit seine Brille verlegt. Ich leite dann eine Suchaktion ein und lasse nicht locker, bis ich sie wieder gefunden habe. Vor etwa 2 Jahren musste ich meine Suche als hoffnungslos aufgeben. Ausverkäufe oder Sonderaktionen sind das ganze Jahr über gang und gäbe, so auch im Geschäft einer Optikerkette, das ich anderntags aufsuchte. Die Gläser waren bald bestimmt. Das Brillengestell der Marke „Boss“ stach mir in die Augen, soweit ich es sehen konnte. Es war gediegen und zum halben Preis zu haben. Ehe ich das Optikergeschäft betreten hatte, schaute ich mich in einem nahen „Charity Shop“ um und entdeckte dabei ein neues weichledriges Brillenetui von „Calvin Klein“. Ich suchte den Laden nach dem Brillenkauf auf und ersetzte das klobige Optikeretui mit der „Calvin Klein“-Version. Kostenpunkt: 50 Pence.
 
Am gleichen Tag setzte ich mich mit der Zeitung auf die Gartenbank. Da glitzerte etwas zwischen dem hohen Gras: Die Gläser meiner alten Brille blinzelten mir schelmisch zu. Gut, jetzt hatte ich 2 Brillen, eine für den Werktag, eine andere für den Ausgang oder für Geschäftsbesuche vorbehalten. Das ist bis heute so geblieben. Ja, ich kann auch ein Snob sein … Ich entnehme ostentativ die Brille aus dem Etui und lege es neben meine Papiere. Wer eine „Calvin Klein“-Brille besitzt, verdient Beachtung.
 
Unter den ersten 20 Supermarken in England wird an 2. Stelle die BBC (Media/Fernsehen) genannt. Damit kann ich mich identifizieren. „Google“ ist an 7. Stelle und für mich ein wichtiges Arbeitsinstrument. „British Airways“, an 3. Stelle, beschwört schlechte Erinnerungen auf – zu teuer und unzuverlässig. „McDonald’s, an 17. Stelle, kann ich nicht ausstehen, desgleichen „Burger King“ an 62. Stelle und ähnliche Fressketten wie „KFC“ (65.). Gesöffe wie Coca Cola (29.) oder Pepsi (103.) trinke ich hin und wieder, sozusagen versehentlich, einfach weil ich sie als Kind gern getrunken hatte. Aus dem gleichem Grund vergreife ich mich hin und wieder an der „Toblerone“ (247.), jetzt Teil der Kraft Foods (466.). Wenn es um Schokolade geht, bevorzuge ich als Schweizer die Marke „Lindt“ (286.).
 
Mehr will ich nicht über meine markenbezogenen Vorlieben und Abneigungen ausplaudern, damit niemand ein Psychogramm über mich zusammenstellen kann.
 
Abschliessend kann gesagt werden, dass Marken zu Gewohnheiten verführen und auch aus Bequemlichkeit gekauft werden wie zum Beispiel „Nescafé“ statt Bohnenkaffee. Um bei den Nahrungsmitteln zu bleiben, haben sich gewisse Marken wie „Oxo“ (Bouillonwürfel), „Marmite“ (Brotaufstrich) und „Bisto“ (Fleischsosse) in England als Nostalgieprodukte bis auf heute erhalten.
 
Ansonsten ist im harten Markenkampf ein stetes Kommen und Gehen feststellbar, wie sich die Lebensgewohnheiten verändern. Kleinstmarken übertreffen oft die Markenstärksten. Ein letztes Eingeständnis meinerseits: Mir ist David lieber als Goliath.
 
Hinweise auf weitere Blogs zu lebensphilosophischen Themen
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