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BLOG vom 31.07.2006


Unfug erzeugt Ökoschäden: Feuerwerke als Giftschleudern
Autor: Walter Hess
 
Hitze und Dürre haben für einmal auch ihr Gutes: Viele (leider nicht alle) Kantone und Gemeinden der Schweiz haben im Hinblick auf den Bundesfeiertag 2006 (1. August) das Abbrennen von Feuerwerk und auch die traditionellen Höhenfeuer, die manchmal zu Entsorgungszwecken missbraucht worden sind, verboten. Das ist erfreulich. Die einfältige Feuerwerkerei müsste auch in Nässeperioden untersagt werden. Zur Waldbrand- kommen ja immer auch die Unfallgefahr, der ohrenbetäubende Lärm und die gravierenden ökologischen Schäden. Alljährlich werden allein in der Schweiz nach Schätzungen des Bundes rund 1500 Tonnen (1 500 000 kg) Feuerwerkskörper abgebrannt, bei zirka 360 Tonnen handelt es sich um pyrotechnische Feuerwerkssätze. Diese enthalten neben Schwarzpulver auch farbgebende Metallverbindungen. Diese Substanzen gelangen als Niederschlag in Boden und Gewässer.
 
Wenn ich jeweils die synthetischen, farbigen Blitze am Himmel und die Knallerei höre, erinnert mich das an die CNN-Übertragungen von Bombardierungen durch die USA, Grossbritannien und Israel auf militärische und zivile Anlagen und Personen. Und Raketen, die bei ihrer Explosion einen ganzen Sternehagel auslösen, erinnern mich an Streubomben, wie sie von den USA und ihrem Vasall Israel noch heute eingesetzt werden. Und so hält sich denn meine Begeisterung für den ganzen Feuerzauber in Grenzen.
 
Aber offenbar sind die abgestumpften Menschen auf Leucht- und Knalleffekte geil, in Kriegs- und Friedenszeiten gleichermassen. Auch die Werbeindustrie hat sich darauf eingestellt, und Grossstadtstrassen sind zu permanenten Feuerwerken geworden: Die Reklamen schreien uns förmlich an: Kauft! Kauft! Kauft immer mehr! Die Medien lassen sich in ihrer Aufmachung davon inspirieren. Das Schweizer Fernsehen hat Millionen herausgeworfen, damit in Pausen, in denen etwas Ruhe gut tun würde, irgendwelche rot eingefärbten geometrischen Körper auf dem Bildschirm herumfliegen, ein optischer Terror, der tief blicken lässt.
 
Die ständigen Aktionen und Explosionen in Form von Werbemixturen und aus den Medien führen zu einer Abstumpfung. Wer auf sich aufmerksam machen will, muss deshalb immer auffälliger in Erscheinung treten, noch aufdrehen. Das ist auch bei Feuerwerken der Fall, die zunehmend umfangreichere Dimensionen annehmen und häufig im eigenen Rauch untergehen beziehungsweise ersticken. Aufgrund einschlägiger Beobachtungen, insbesondere aus Fernsehübertragungen an der Jahreswende 1999/2000, habe ich damals das Buwal (das schweizerische Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft) angefragt, ob denn während der Zeit des Abbrennens von Feuerwerken sämtliche Massnahmen zur Reinhaltung der Luft ausser Kraft gesetzt seien. Denn da verbreitet sich ja lungengängiger Feinstaub in Massen.
 
„Wir teilen mit Ihnen Ihre Sorge um die Umwelt“, antwortete mir Urs von Arx von der Buwal-„Sektion umweltgefährdende Stoffe verharmlosend: „Aus diesem Grund haben wir eine Studie über ‚Umwelt- und Sicherheitsauswirkungen von Feuerwerkskörpern‘ in Auftrag gegeben.“ Zu gegebener Zeit werden wir ein Exemplar davon erhalten.“ Ferner schrieb von Arx: „Bestehende Umweltvorschriften verbieten den Verkauf und die Verwendung von Feuerwerkskörpern nicht. Sie stellen hingegen sicher, dass keine für den Menschen und die Umwelt besonders problematischen Stoffe eingesetzt werden. Feuerwerkskörper sind im Sprengstoffgesetz und der darauf abgestützten Verordnung über explosionsgefährliche Stoffe geregelt. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass sich die Sprengstoffverordnung in einer Gesamtrevision befindet. Die Gesamtrevision erfolgt voraussichtlich Anfang 2000. Wir empfehlen Ihnen, im Rahmen dieses Verfahrens Ihre Interessen auch über Organisationen wie Umweltverbände einzubringen.“
 
Die erwähnte Studie ist 2001 tatsächlich erschienen. Aber sie war natürlich ein Rohrkrepierer, indem die während relativ kurzen Zeiten produzierten Umweltgifte aufs Jahr hochgerechnet wurden. Das Buwal zur Studie: „Im Vergleich mit anderen Schadstoffemittenten (z. B. Verkehr) ist die Schadstoffbelastung durch Feuerwerkskörper, übers ganze Jahr betrachtet, eher gering. Bei grossen Feuerwerken entstehen jedoch kurzfristig beträchtliche Mengen von Feinstaub und an diese gebundene Metallverbindungen.
 
Feine Partikel (so genannte PM10 = Particulate Matter mit Durchmesser kleiner 10 Mikrometer) können tief in die Lunge eindringen und bei empfindlichen Personen zu Atembeschwerden und Husten führen. Personen mit Erkrankungen der Atemwege und mit Kreislauferkrankungen sollten deshalb Feuerwerke meiden. Die Kantone haben die Kompetenz, den Verkauf und das Abbrennen von Feuerwerkskörpern zeitlich und örtlich zu begrenzen.“
 
Soweit das Buwal, das sich um den heissen, ja explosiven Brei verängstigt herumdrückt, den Dreck herunterspielt und es mit niemand verderben will. Die erwähnten Metallverbindungen sind in Tat und Wahrheit meistens Schwermetallverbindungen, die sich irgendwo in unserer Biosphäre ansammeln und unabbaubar sind. Und die Feinstäube mit den daran gebundenen (Schwer-)Metallverbindungen reichern sich in Personen mit erkrankten Atemwegen, insbesondere in den Lungen, aber selbstverständlich auch in dem Organen kerngesunder Menschen an. Das habe ich persönlich durch intensives Nachdenken herausgefunden; ob die Wissenschaft zu anderen Ergebnissen kommt, weiss ich nicht.
 
Jedenfalls wäre das Gefahrenpotenzial mehr als gross genug, um die Feuerwerkerei überhaupt vollkommen zu verbieten. Doch weil damit Millionengeschäfte verbunden sind, wagt niemand, das auszusprechen. Umso mehr freut mach das in der halben Schweiz geltende Verbot 2006: Coop und Migros nehmen freundlicherweise bereits verkauftes Feuerwerk in der Originalpackung wieder zurück, und so wird denn für diese Grossvertreiber ausser Spesen wenig gewesen sein. Hoffentlich nutzen sie diese Erfahrung, um in Zukunft die Hände vom Feuerwerk-Handel zu lassen und den Kunden sinnvollere Produkte, die nicht Krankheiten Vorschub leisten, andrehen. Auch solche marktbeherrschenden Unternehmen müssten ihre Verantwortung wahrnehmen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit auf Dauer über die Runden bringen wollen.
 
Feuerwerkskörper genauer betrachtet
Feuerwerkskörper erzeugen Licht-, Funken und Knallwirkungen, und sie werden durch die Rückstosswirkung ausströmender Gase bewegt, woraus auch Unfallgefahren resultieren. Zudem sind daran zahlreiche giftige Chemikalien beteiligt; schon früher verwendete man Strontiumsalze für Rot- und Bariumsalze für Grünfärbungen; im „bengalischen Feuer“, das auch zu Signalzwecken eingesetzt wurde, verbrannten daneben auch Kohle, Russ, Schellack, Schwefel, Kaliumchlorat und Salpeter.
 
Die brillantesten Mischungen sind in der Regel die gefährlichsten. Zum Einsatz kommen u. a. Aluminiumsalze (wegen der intensiv grellen Flammen), das giftige Antimon(tri)sulfid für Glitzer-Effekte, das giftige Bariumcarbonat, das früher als Rattengift verwendet wurde, das ebenso gefährliche Bariumnitrat für Leuchtwasserfälle, Bleioxid für Knallstern-Kerne, giftige Kupfersalze usw., ein riesiger toxischer Cocktail, der über die ohnehin verseuchte Natur ausgebreitet wird und zu unabsehbaren neuen chemischen Reaktionen führen kann. Das ist zudem ein Beitrag zum Verpesten unserer Nahrungsgrundlagen.
 
Die pyrotechnischen Sitten und Gebräuche entstanden bei höfischen Spielen im späten Mittelalter, und die von Blitzen begleiteten Knallereien, die in der Kriegs- und insbesondere der Artillerietechnik ihren Ursprung haben, nehmen aufgrund der weiterentwickelten Pyrotechnik immer grössere, eindrücklichere und bedrohlichere Formen an. Der fürchterliche Rauch und Gestank bei modernen Feuerwerkereien lässt darauf schliessen, dass Umweltschutzgesetzgebung auch hinsichtlich des Lärms massiv verletzt wird. Die fürchterliche Knallerei ist zudem eine schwere, fast unerträgliche Belästigung für die Tierwelt; bei Tieren sind die Sinnesorgane besonders fein ausgebildet, und selbst Hunde und Katzen ertragen die verfluchten geräuschvollen Explosionen kaum. Zudem gerät post festum oft Verpackungsabfall ins Tierfutter. Es ist wohl kaum möglich, das Riesenarsenal von ausländischen Knall- und Feuerwerkskörpern auf ihre Inhaltsstoffe exakt genug zu analysieren. Man drückt alle Augen, Ohren und Nasen zu.
 
Vielleicht gibt es phantasievolle Menschen, die Lösungen entwickeln, um ihre Fest- und Lebensfreude in einer angenehmen statt einer zum Husten und Erbrechen reizenden Atmosphäre auszuleben. Wenn schon gekotzt und gehustet werden soll, dann aber bitte gleich richtig: Wie wärs mit einem Indoor-Feuerwerk bei geschlossenen Türen und Fenstern, wenn in diesem Event-Zeitalter schon Bedarf nach noch mehr Action und Gestank bestehen sollte?
 
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