Textatelier
BLOG vom: 04.08.2006

Rülps: Was die Chinesen von uns keineswegs lernen sollten

Autor: Walter Hess
 
Im Zusammenhang mit einem publizistischen Auftrag habe ich mich in den letzten Tagen gründlich mit der Funktion des menschlichen Magens, diesem multifunktionalen Speisebreibehälter als ausgeweitetem Bestandteil des Verdauungsschlauchs, befasst. Dabei ist mir die so genannte Magenblase, der obere mit Luft gefüllte Abschnitt des Magens, in Erinnerung gerufen worden, die Gastric bubble oder Stomach bubble, wie diesem Hohlraum mit seinem Geblubber in unserer neuen Sprache gesagt wird. Die Luft wird bei der Verdauung freigesetzt (es sind eigentlich Verdauungsgase), und die Luftansammlung kann auch durch das Verschlucken von Luft vergrössert werden. Kohlensäurehaltige Getränke tragen ebenfalls dazu bei. Irgendwann muss die Luft natürlich irgendwo entweichen können, ansonsten ein Blähmagen mit Explosionsgefahr entstehen könnte.
 
Dass nun die überflüssige Luft abgelassen werden muss, versteht sich von selbst; im Idealfall geschieht dies durch das befreiende Rülpsen, ein mehr oder weniger geräuschvolles Aufstossen. Nach der Abfütterung unserer Töchter mit dem Schoppen (Babyflasche) hatte ich als stolzer Vater den strikten Auftrag zuzuwarten, bis das Görpsli (schweizerisch für einen kleinen Rülpser) gekommen war; erst dann durften die Babys hingelegt werden.
 
Das Aufstossen ist eine vollkommen natürliche Erscheinung und wird deshalb beispielsweise von den Chinesen auch bei Tische ohne weiteres toleriert, es muss ja nicht gerade so donnergrollend sein, dass der Eindruck erweckt wird, gleich mehrere Gänge hätten den Rückweg angetreten. Aber dieser schöne Brauch wird jetzt der führenden chinesischen Oberschicht, die mit dem Westen ihre Geschäfte machen möchte, gerade in so genannten Benimmkursen, die ein Schweizer in Schanghai anbietet, ausgetrieben. Die Medien haben darüber ausführlich berichtet und durchblicken lassen, wie unendlich zivilisierter wir halt sind. Zudem: Die westliche Kultur muss durchgesetzt werden, auch wenn sie noch so einfältige Auswüchse zeigt. Stattdessen könnten wir ja vielleicht auch einmal etwas von den Asiaten lernen.
 
In Japan und auch in China wird gern geschlürft (vor allem Suppen) und schmatzend gegessen. Das zeugt von echter Kultur. Die Erklärung ist einfach: Wer etwas vom Degustieren zum Beispiel von Wein versteht, weiss genau, dass zusammen mit dem Getränk etwas Luft eingesaugt werden muss, damit sich die Duftstoffe prächtig entfalten können. Die Formen von Degustiergläsern provozieren das gerade (eine Ausnahme sind der Champagner und andere Schaumweine, weil sonst zu viel Kohlensäure freigesetzt würde, die als beissend in Erscheinung träte). Und infolgedessen erhöhen das Schlürfen und Schmatzen den Genuss beim Essen und Trinken, auch wenn das westlichen Sittenaposteln, die von Lebenskunst keine Ahnung haben, in die falsche Kehle gerät. Heute ist das Herunterschlingen von aromatisierter und knallig eingefärbter Industrieware üblich, bei dem höchstens noch die auffälligsten Kunstaromen wahrgenommen werden – nach feinen Nuancen im Geruch und Geschmack würde man bei der Fabrikware ohnehin vergebens suchen. Diese Banausentum entsprungenen Schnellfrass-Philosophien sind ebenfalls ein erfolgreicher westlicher Kulturexport.
 
Natürlich möchte ich nicht alle Sitten und Gebräuche Chinas übernehmen. Zu den ekelhaftesten chinesischen Gebräuchen gehört das ewige Spucken. Und dieses Schleimabsondern will gar nicht zur chinesischen Abneigung gegen das Schneuzen (neue Schreibweise: Schnäuzen) bei Tische passen. Besonders verpönt ist es in China, wenn man seinen Nasenschleim einem Stofftaschentuch überantwortet und dieses anschliessend samt Inhalt in die Hosentasche schiebt.
 
Das ewige grausige Spucken ist mir auch bei einigen Fragmenten der Fussball-Weltmeisterschaften, die ich am Fernsehen gesehen habe, aufgefallen: Was da für Auswurf auf den Rasen geschleudert wurde, übertraf das Mass des Erträglichen bei weitem. Dass die herumspuckenden Ballakrobaten auf der glitschigen Rasengrundlage laufend hinfielen, mag auch darin eine Erklärung finden. Und dass es noch Leute gibt, die für das Live-Miterleben dieser abstossenden Speichelabsonderungen noch Geld ausgeben, ist für mich eines der grossen Rätsel dieser Sportwelt mit ihren eigenen Gesetzen. Der Vorteil: Man kann sich darum futieren.
 
Vor Herrn Knigge und seinen Jüngern bin ich noch nie in die Knie gegangen. Denn sie haben viele Verkrampfungen und Lächerlichkeiten unter dem Oberbegriff der Noblesse in die Welt hinausgetragen. Für mich hört der Anstand dort auf, wo andere Menschen belästigt werden. Auch alles, was anderswo Ekel, ein Gefühl des Abscheus also, hervorrufen kann oder eben als Belästigtwerden empfunden wird, sollte unterlassen werden. Aber ein genüssliches Schmatzen und Schlürfen und ein kleiner Rülpser müssten meines Erachtens immerhin noch erlaubt sein.
 
Zudem ist es überhaupt nicht zwingend, dass sich alle Kulturen angleichen müssen. Zur interkulturellen Kompetenz, um die heutige Sprachregelung zu benutzen, gehört es auch zu wissen, dass in anderen Ländern eben andere Sitten herrschen und diese zu akzeptieren sind. Wenn bei uns beispielsweise der Händedruck fest und in China ein kräftiger Händedruck als unhöflich gilt, dann erwarte ich von einer aufgeschlossenen chinesischen Gesellschaft, dass sie ein kräftiges Drücken durch einen Abendländer akzeptiert, auch wenn dabei zarte Chinesinnen-Hände selbstverständlich nicht Schaden nehmen dürfen. Umgekehrt erwarte ich von einer gebildeten abendländischen Bevölkerung, dass sie eine schlaffe Handberührung nach chinesischer Art ebenfalls nicht als beleidigend empfindet, sondern als landestypisch erkennt und akzeptiert.
 
Wenn ich aber in China bin, habe ich mich so weit als möglich den dortigen Gebräuchen anzupassen, ohne zu verleugnen, dass wir Schweizer Alpinisten unsere speziellen Eigenarten haben. Und umgekehrt sollte es genau gleich sein. Ich wünsche keine Chinesen in unserem Hause, die auf den Boden spucken. Ansonsten ich mich mit einem anhaltenden Schneuzen in ein handgewobenes Taschentuch revanchieren würde.
 
Doch ist es relativ einfach, den kulturellen Frieden nicht zu gefährden, indem man einen Lebensstil pflegt, der von Rücksichtnahme auf andere Gepflogenheiten geprägt ist und indem man etwas Gefühl dafür entwickelt, was anderswo als anstössig empfunden werden könnte oder wird. Und so werde ich denn bei einheimischen Tafelrunden das Rülpsen weiterhin unter Kontrolle halten. Damit meine Anwesenheit nicht anderswo auf den Magen schlägt.
 
Freunde und Bekannte dürfen mich also bedenkenlos weiterhin einladen.
 
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