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BLOG vom 18.08.2006


Besuch im Schneiderhof: Wo die Zeit stehen geblieben ist
Autor: Heinz Scholz
 
Unweit des Vogelparks Steinen (Kreis Lörrach D) befindet sich ein einzigartiges Bauernhofmuseum. Es ist der Schneiderhof in Kirchhausen (Steinen-Endenburg). Dieses Schwarzwaldhaus der Vorbergzone, ein Hochsäulenhaus, stammt aus dem Jahre 1696. Es wurde in seiner Ursprünglichkeit bis in unsere Zeit fast unverändert erhalten. Bis 1985 bewirtschaftete Fräulein Berta Schneider (1895−1986) den Hof. Nach ihrem Tod – sie starb 1986 mit 91 Jahren – wurde der „Verein zur Erhaltung des Schneiderhofes in Kirchhausen e.V.“ gegründet. Vom Landesdenkmalamt wurde der Hof als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, an dessen Erhaltung ein gesteigertes öffentliches Interesse besteht“, eingestuft.
 
Dem sehr rührigen Verein gelang es in 9 Jahren mühevoller Arbeit, das baufällige Gehöft in den ursprünglichen Zustand zu verwandeln. So wurde beispielsweise ein mächtiges Roggen-Strohdach im vorderen Teil des Hauses errichtet. Die Wohn- und Schlafbereiche, der Stall und die Tenne wurden auf Vordermann gebracht und für den Publikumsverkehr freigegeben.
 
Das Museum enthält im Keller eine Nagelschmiede, im Erdgeschoss eine schwarze, zweistöckige Rauchküche mit 3 Hurten (das Haus hatte nie einen Schornstein). Hier kochte Berta Schneider in der fensterlosen und russgeschwärzten Küche ihre Süppchen und sonstige Speisen. An der Wand hängen kupferne und gusseiserne Haushaltsgegenstände, und auf dem Herd stehen einige Küchenutensilien. Man könnte meinen, sogleich komme Berta Schneider nach Hause und beginne mit dem Kochen.
 
Als 1922 das elektrische Licht nach Kirchhausen kam, kauften die Schneiders 5 15-Watt-Birnen. Diese mussten zur Ausleuchtung der dunklen Räume genügen. Zuvor waren die Zimmer mit Lichtspänen und Petroleumlampen notdürftig erhellt worden.
 
Dort wo der Rauch abzog, wurden Schinken geräuchert. In der hinteren Küche wurde Schnaps gebrannt. Hier befinden sich die alten Schnapsbrenngeräte, die noch hervorragend funktionieren. Unweit des Herds ist ein alter Brotbackofen zu sehen. Dahinter befindet sich das Herzstück des 300 Jahre alten Hauses, eine schmucke grosse Stube mit Kunst, Kachelofen und Herrgottswinkel. Im Obergeschoss sind 2 Schlafkammern eingerichtet. Die eine Kammer war für die ganze Familie und die hintere für den Knecht bestimmt.
 
Das Geheimnis der Klappe im Boden
Als ich mit meinem Enkel Manuele anlässlich einer Aktionswoche, die vom 31. Juli bis 6. August 2006 veranstaltet wurde, den Schneiderhof besuchte, bemerkte er in der vorderen Schlafkammer in einer Ecke eine Klappe (diese unscheinbare Klappe hatte vorher keiner der Gruppe entdeckt!). Neugierig und wissbegierig, wie er immer ist, öffnete er die Klappe und sah in ein tiefes Loch. Ich rätselte noch, welche Funktion diese sonderbare Einrichtung wohl hatte. Kaum gedacht, kam unser Führer Rudi Schneider schon heran und erklärte, warum sich dort ein Loch befindet: Es ist ein Schacht, der die Wärme von der unten beheizten Stube in die Schlafkammer führt. So hatten die Bewohner immer etwas Wärme in der dunklen und sonst im Winter sicher kalten Kammer. Erwärmt wurden die Bewohner zusätzlich durch Bettflaschen, die in den Schlafräumen zu sehen waren.
 
Rudi Schneider zeigte den Besuchern noch eine Besonderheit: Ein Unterhemdchen aus Flachsfasern. Aus den Flachsfasern wurde früher Garn gesponnen und diese zu Leinwand verwoben.
 
Rendel und Deuchelbohrer
Interessant war auch die Führung durch den Stall. Hier standen einst Hinterwälder-Kühe. In der Scheune fanden die landwirtschaftlichen Geräte und Werkzeuge aus alter Zeit das Interesse der Besucher. So konnten besonders die jungen Gäste – es waren viele Kinder dabei – wohl zum ersten Mal einige sonderbare Gegenstände erblicken, während ältere Besucher sich an viele dieser Werkzeuge erinnerten. Zu besichtigen waren zum Beispiel ein Schneidstuhl, Dreschflegel und eine Rendel. Der Schneidstuhl ist eine Einspannvorrichtung, so dass man damit Holz gut bearbeiten kann. Da dieser bei der Betätigung im Drehpunkt wie ein Esel geräuschvoll sich bemerkbar macht („iah, iah“), wird dieses Gerät auch „Schnidesel“ genannt. Mit Hilfe des Schneidstuhls wurden Werkzeugstiele, Stuhlbeine, Zähne für Holzdecken gefertigt und er diente zur Schindelglättung.
 
Die Rendel ist ein Gerät zum Trennen von Getreidekorn und Spreu. Früher mussten die Kinder und Jugendlichen die Rendel bedienen. Es war eine Tätigkeit, die nicht beliebt war, denn es staubte dabei gewaltig. Tagelang mussten dann die Buben und Mädchen Staub spucken und husten.
 
Widerstandsfähiges Strohdach
Wir erfuhren auch, dass aus den gebündelten Strohhalmen des Winterroggens Dacheindeckungen gefertigt wurden. Rudi Schneider wies darauf hin, dass es heute kaum noch ausreichend lange Roggenhalme bei uns gibt, da das Getreide mit Absicht kurz gehalten wird (dickere und kürzere Halme des Getreides lassen sich mit dem Mähdrescher besser bearbeiten). Das Material für die Dacheindeckung bezogen die Vereinsmitglieder aus Polen. In Polen gibt es nämlich noch unverfälschtes Saatgut. Jürgen Kammerer, der Vorsitzende des Vereins und Initiator des Bauernhofmuseums, ist der Ansicht, dass es vielleicht in 10 Jahren auch in Polen diese Roggenart nicht mehr gibt.
 
Für die Dacheindeckung benötigte man 7 Tonnen Stroh. Eine Spezialfirma aus Wolfach fertigte das Dach. Wie widerstandsfähig ein solches Dach ist, zeigte sich nach dem Sturm „Lothar“, der einst über das Land fegte. Während in der Umgebung Dachziegel abgedeckt wurden, blieb das Strohdach heil. Ein solches Strohdach hat übrigens eine Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren.
 
Wasserleitungen aus Holz
Besondere Aufmerksamkeit erweckten ein altes morsches Holzrohr und ein 2 m langer „Deuchelbohrer“, die aussen an der Scheune hingen. Mit dem geschärften Spezialeisen, dem Deuchelbohrer, trieb der Bauer eine Höhlung in das Kiefernholz. Diese diente dann als Wasserleitung. Das gut haltbare Kiefernholz wurde wegen des weichen inneren Kerns bevorzugt. Der weiche Kern liess sich nämlich besser bearbeiten.
 
Unsere Altvorderen wussten sich mit kleinen Erfindungen sehr gut zu helfen. So wurde ein schräg gestelltes Fenster im Stall mit Keilen gesichert, so dass kein Klappern bei einem Windstoss zu hören war. Die Keile hatten auch noch eine andere Funktion. Wenn sie umgedreht wurden, wurde das Fenster geschlossen gehalten. Eine gute Sicherung ohne Haken und Schlösser.
 
Im Hof gab es keine Wasserleitung. Das Wasser wurde von einem Brunnen vor dem Stall geholt. Aus diesem Brunnen sprudelt heute noch frisches Quellwasser in einen steinernen Trog.
 
Als 1958 die zentrale Wasserversorgung in Kirchhausen eingeführt wurde, wehrte sich Berta Schneider als Einzige gegen den Zwangsanschluss. Sie hatte ja gutes Quellwasser – und das umsonst.
 
Wäschewaschen war harte Arbeit
In der geschilderten Aktionswoche wurde ein Waschtag wie vor 100 Jahren vermittelt. Als Waschmittel diente Buchenholzasche. Da wurde jedem Besucher klar, wie mühevoll das Waschen war. Die Bäuerinnen mussten harte körperliche Arbeit verrichten. Seifenlauge, Zuber und Waschbrett waren bis in die Nachkriegszeit gang und gäbe.
 
So erinnere ich mich an die Waschtage meiner Mutter kurz nach dem 2. Weltkrieg. Die Kochwäsche wurde zusammen mit Seifenlauge, später mit Waschpulver, in einem grossen Kessel in der Waschküche erhitzt. Dann wurde die Wäsche mit einem grossen Holzlöffel herausgenommen, gewässert, ausgewrungen und dann zum Trocknen vor dem Haus aufgehängt. Besonders verschmutzte Wäsche wurde in einem Zuber mit einem Waschbrett gehörig geschrubbt. In anderen Gegenden wurde die Wäsche in Bächen gewaschen und dann zum Bleichen auf einer nahen Wiese ausgelegt.
 
In weiteren Aktionen wurde das Herstellen von Seife, das Drehen von Seegrasseilen, das Brennen von Schnaps, das Hobeln von Lichtspänen und das Spinnen von Schafwolle gezeigt. Auf dem Programm standen auch das Filzen für Kinder, das Korbflechten, Brotbacken und das „Schdraufinke mache“ (Herstellen von Strohschuhen für die kalte Jahreszeit).
 
Wir waren im Museum, als Seegrasseile gedreht wurden. Von Jürgen Kammerer erfuhren wir das Herstellungsverfahren und die vielseitige Verwendung von Seegrasseilen. Als Ausgangsmaterial diente das mit kleinen Widerhaken versehene falsche Seegras oder Waldseegras, das auf Waldlichtungen der Umgebung reichlich wächst. Mit Hilfe eines Drehgerätes, das sich früher in vielen Bauernhäusern befand, wurden die Seile gedreht. Mit dem Verkauf dieser Seile wurde die Haushaltskasse aufgebessert.
 
Seegras diente neben Stroh auch als Matratzenfüllung und zur Füllung von Kuhkummets. Bauern fertigten „Zöpfe“ aus Seegras und gaben sie den Sattlern zur Weiterverarbeitung.
 
Die Seegrasseile wurden vielseitig in der Landwirtschaft benötigt, so zum Garbenbinden oder als Kälberstrick.
 
Der Schneiderhof hat auch einen sehr schönen Bauerngarten zu bieten. Dieser wird von Dr. Ruth Noack aus Lehnacker gepflegt und genutzt.
 
Aus dem Leben von Berta Schneider
„Berta war mit sich und ihrer kleinen Welt zufrieden. Sie begnügte sich zeitlebens mit den Gegebenheiten ihrer Kindheit. ‚Mir längt’s! ’S goht au so! I bi z’friede!’ Sie zeigte persönliche Stärke, indem sie sich nicht dem allgemein üblichen Zwang unterwarf, im materiellen Bereich mit ihren Zeitgenossen zu wetteifern. Berta hat sich nicht angepasst, sie blieb in ihrem langen Leben immer sie selbst“, bemerkt Jürgen Kammerer in seiner Schrift.
In dieser Publikation sind etliche Anekdoten aus dem arbeitsreichen Leben der ledigen Berta Schneider aufgeführt. Hier einige Begebenheiten aus ihrem Leben.
 
Berta liebte ihre Tiere über alles. Sie gab ihren Tieren Namen wie Ricki, Fanni, Lieseli, de Hansel. Sie brachte es nicht über ihr Herz, ein Tier zu schlachten. Immer, wenn sie auf das Nichtschlachten angesprochen wurde, entgegnete sie: „Familienmitglieder schlachtet man nicht.“ Die Tiere starben letztendlich an Altersschwäche. Mit Seilwinden mussten die grösseren Tiere dann aus dem Stall geschafft werden.
 
Einmal erwies sie den Frauen Emmy Holz und Bertel Merz aus Steinen, die einen Gemischtwarenhandel betrieben, einen Gefallen, den sie später bitter bereute. Die Frauen hatten im Obergeschoss ihres Ladens ein Schwein in einem Verschlag untergebracht. Als das Ferkel heranwuchs, konnte es im engen Verlies nicht mehr bleiben. Sie riefen Berta zu Hilfe. Sie erklärte sich bereit, das Schwein aufzuziehen. Die Sau fühlte sich im Stall von Berta wohl, und es wuchs zu einem stattlichen Tier heran. Berta wollte partout keinen Metzger holen, um das Schwein schlachten zu lassen. Als die 4-Zentner-Sau überreif zum Schlachten war, musste es doch sein! Berta hatte Tränen in den Augen als der Metzger zur Tat schritt. Sie schwor sich, nie mehr ein Schwein aufzuziehen.
 
Nach dem Krieg kamen auch französische Besatzungssoldaten nach Kirchhausen. Ein Marokkaner im Dienste Frankreichs machte Jagd auf ihr Federvieh. Als er den Hahn einfing, stürzte sich die couragierte Berta auf den Mann, klopfte ihm auf die Finger und machte ihm klar, er solle den Hahn in Ruhe lassen und lieber Hühner fangen. Dies tat er dann auch.
 
Als ein Besucher in einer Schlafkammer im Obergeschoss einquartiert wurde, entdeckte er in seinem Bett etliche Hühnereier. Da die Schlafkammer seit langem nicht mehr benutzt wurde, quartierten sich hier die Hühner ein und benutzten das Bett als Nest.
 
Als Berta Schneider im Oktober 1984 einen Schlaganfall erlitten hatte, erklärte sich die in Lehnacker wohnende Berta Kiefer, der Witwe von Ernst Kiefer (Sohn von Bertas ältester Schwester Emilie), bereit, sie aufzunehmen. An ihrem 90. Geburtstag, dem 10. April 1985, besuchte sie mit Jürgen Kammerer ihren geliebten Hof. Es war für beide ein bewegender Abschied. Berta Schneider machte sich jedoch immer wieder alleine auf den Weg, um ihr halb zerfallenes Gehöft zu besuchen. Nach einem 2. Schlaganfall im Januar 1986 erholte sie sich nicht mehr. Nach einem Krankenhausaufenthalt in Zell im Wiesental starb sie am 1. Mai 1986.
 
Kulturgut ersten Ranges
Der als Kulturgut eingestufte Schneiderhof präsentiert sich heute als ein Bauernhofmuseum, das seines Gleichen sucht. Jeder, der das Gehöft betritt, der fühlt sich unweigerlich in die Vergangenheit versetzt. Man bekommt einen guten Einblick, wie unsere Vorfahren auf dem Land gelebt haben und wie mühsam ihre Arbeit war.
 
„Berta Schneider ist es zu verdanken, dass im Schneiderhof die Zeit stehen blieb; dass wir das Anwesen in seiner Ursprünglichkeit, im Zustand vergangener Jahrhunderte, in die Gegenwart retten konnten“, schrieb Jürgen Kammerer im Vorwort seines Büchleins „Berta Schneider – Ihr Leben – Erinnerungen“.
*
Informationen im Internet
 
Schrift
Jürgen Kammerer: „Berta Schneider – Ihr Leben – Erinnerungen“, Endenburg im März 1999. Die Broschüre ist für 5 Euro im Schneiderhof zu bekommen.
 
Öffnungszeiten
Ostern bis November
Sonntag und Feiertage von 13.00 bis 17.00 Uhr
Mittwoch und Samstag von 15.00 bis 17.00 Uhr
Alle Besichtigungen und Führungen beginnen zu jeder vollen Stunde (letzte Führung 16.00 Uhr).
Aktionen finden jeden 1. Samstag im Monat und die jährliche Aktionswoche im Juli und August während der Ferienzeit statt.
 
Für Gruppen besteht auch ausserhalb der Öffnungszeiten – das ganze Jahr über – die Möglichkeit, den Schneiderhof anzusehen (bitte rechtzeitig den Termin vereinbaren).
Anschrift: Schneiderhof in Kirchhausen, D-79585 Steinen-Endenburg,
Tel.: 0049 7629 1553; Fax: 0049 7629 912747.
 
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