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BLOG vom 30.08.2006


Die traurige Geschichte vom restlos glücklichen Mann
Autor: Walter Hess
 
„In einem schönen Heim in Ankara erzählte man mir türkische Legenden. Darunter war eine, die mich besonders ansprach“, sagte Friedrich Traugott Wahlen (1899−1985) in einem Vortrag vor der Neuen Helvetische Gesellschaft am 23. September 1956. (Wahlen leitete von 1929 bis 1943 als Direktor die Eidgenössische Landwirtschaftliche Versuchsanstalt Zürich-Oerlikon, stellte ab 1939 nebenbei seine Dienste dem Eidgenössischen Kriegsernährungsamt zur Verfügung und war zwischen 1958 und 1965 Bundesrat.)
 
Er fuhr fort: „Die Legende handelte von einem Sultan, dessen Lieblingstochter an einer unerklärlichen Krankheit dahinsiechte. Die ärztlichen Ratgeber, deren Rezepte versagten, erklärten dem angstgepeinigten Vater, dass die Tochter nur dann dem sicheren Tod entgehe, wenn sie in das Hemd eines Mannes gewickelt werden könne, der Zeit seines Lebens restlos glücklich gewesen sei. Der Sultan bestellte Ausrufer in allen Städten und Dörfern des Reiches. Tage und Wochen vergingen ergebnislos, bis endlich, endlich aus einem abgelegenen Dorf die Nachricht eintraf, der restlos glückliche Mann sei gefunden. Aber – so fügte die Botschaft bei – er sei Zeit seines Lebens so arm gewesen, dass er nie ein Hemd besessen habe.“
 
Ende der Geschichte, die nach Belieben interpretiert werden kann. Sie ist in Wahlens Buch „Dem Gewissen verpflichtet“ (1966 bei Ex Libris, Zürich, erschienen) aufgezeichnet. Wahlen, der während des 2. Weltkriegs im Auftrag des Bundesrats die so genannte Anbauschlacht („Anbauwerk“) in der Schweiz durchgesetzt hatte, damit sich das Land trotz weitgehend geschlossener Grenzen selber ernähren konnte (sogar Sportplätze kamen unter den Pflug), überliess seine Zuhörer nicht ihren eigenen Gedanken. Sondern er fügte bei: „Ist es etwa so, dass wir, denen nicht nur ein Hemd gefehlt hat, sondern all das, was wir als selbstverständlichen Komfort betrachten, gerne solche Legenden weitererzählen, weil sie das Gewissen beruhigen? Man fragt mich oft, fast im Tone des Vorwurfs, warum der Westen denn den Massen Asiens und Afrikas seinen fragwürdigen ,Fortschritt’ bringen wolle, wo es doch erwiesen sei, dass diese Leute ohne die zweifelhaften Gaben der westlichen Wissenschaft, Technik und Zivilisation glücklicher lebten.“
 
Und Wahlen kam zum Schluss, dass dies bis vor kurzem noch für einige Südsee-Inseln zugetroffen haben mag, doch sei ein Minimum an materieller Wohlfahrt für ein Leben in Freiheit und Menschenwürde und die Verwirklichung jeder höheren Aspiration der Gesellschaft unabdingbare Voraussetzung.
 
Heute, 50 Jahre nach F. T. Wahlens Vortrag, gibt es mehr Männer ohne Hemden als damals. Die westliche Zivilisation, die zur neoliberalen Globalisierung entartet ist, und ihre Technik haben die Armen ärmer und die Reichen reicher gemacht. Das Glück ist für sie alle kaum im rein materiellen Bereich. Der bäuerliche Familienbetrieb, der sich während Jahrhunderten bewährt hatte, und die Möglichkeit zur Selbstversorgung, die Wahlen so sehr am Herzen lagen, werden systematisch vernichtet. Und obschon das Resultat erfahrungsgemäss negativ ist, wird der Westen nicht müde, seine Auffassungen von Zivilisation, Massenproduktion und Demokratie, welch letztere im Inneren morsch geworden ist, der Welt nötigenfalls mit handelspolitischer und kriegerischer Gewalt aufzuzwingen – Vorgänge, die an sich schon das Elend heraufbeschwören.
 
Auf ein Hemd kann man zur Not verzichten, auf Nahrung und Wasser nicht.
 
Es bedürfte eines langen Prozesses, bis das eingesehen und entsprechend gehandelt wird. Im Moment finden sich noch keine entsprechenden Anzeichen.
 
Hinweis auf ein Buch mit Bezug auf F. T. Wahlen
Ammann, Gerhard, et. al. : „Konsumwelt mit Naturanschluss“, Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2006. ISBN 3-9523015-3-1.
 
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