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BLOG vom 17.09.2006


Von Intelligenz, Evolutionisten, Kreationisten und Animisten
Autor: Walter Hess
 
Sind wir Menschen wirklich intelligenter als Bakterien, Pflanzen und Tiere? Wir haben Waschmaschinen, Raumfahrzeuge, Computer und Kenntnisse von den feinsten Gesetzen der Biologie. Aber im Umgang mit der Natur richten wir enorme Zerstörungen an – im Gegensatz zu den übrigen Lebewesen. Und das hat dann schon weniger mit besagter Intelligenz zu tun.
 
Im Rahmen meiner ernsthaften Zweifel an der menschlichen Intelligenz habe ich mir das neue Buch „Intelligenz in der Natur. Eine Spurensuche an den Grenzen des Wissens“ beschafft und sogar gelesen. Der in Kanada geborene und gelegentlich auch in der Schweiz lebende Autor Jeremy Narby hat die Natur beobachtet, viele Naturvölker besucht und auch mit der wissenschaftlichen Avantgarde gesprochen. Und er hat überall in der Natur ein intelligentes Verhalten beobachtet, wohl am wenigsten, wie ich aus freier Interpretation beifügen möchte, beim Menschen, selbst wenn dieser unter den Primaten der einzige Zweibeiner ist. Ich nehme mich da nicht aus, auch was die Zahl der Beine anbelangt.
 
Diese fragwürdige Intelligenz kam auch beim französischen Philosophen René Descartes an den Tag. Er behauptete in seinem 1637 erschienenen Buch „Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung“ Tiere seien Maschinen. Ihm hatte also die eigene Intelligenz einen üblen Streich gespielt, als er schrieb: „Dies (dass Tiere Automaten sind) wird dem keineswegs sonderbar vorkommen, der weiss, wie viele verschiedene Automaten oder bewegungsfähige Maschinen menschliche Geschicklichkeit zustande bringen kann, und dies unter Verwendung nur sehr weniger Einzelteile, verglichen mit der grossen Anzahl von Knochen, Muskeln, Nerven, Arterien, Venen und all den anderen Bestandteilen, die sich im Leib jedes Tieres finden.“ Zwar erkannte selbst Descartes, dass diese Tier-Maschinen einiges besser machen als der Mensch, aber das sei nicht die Folge eines Geists, davon hätten sie nämlich gar keinen. Es sei die Natur, „die in ihnen je nach Einrichtung ihrer Organe wirkt“. Und so hat denn seit Descartes nach unserem westlichen Wissen nur der Mensch eine Seele und auch ein Schmerzempfinden. Deshalb zerschnitt der Einfaltspinsel Descartes lebendige Tiere (Vivisektion) und ignorierte deren Aufheulen. Erst Charles Darwin (1809−1882) gelang es rund 200 Jahre später, diesen Bocksmist zu entkräften. Denn wenn der Mensch von den Tieren abstamme, schloss er messerscharf, können Tiere keine Maschinen sein.
 
Darwin beobachtete die Tiere genau und schrieb beispielsweise in seinem Buch („Die Abstammung des Menschen“) über die Ameisen u. a: „Sicher ist, dass Ameisen einander Mitteilung machen; oft vereinigen sich mehrere zu derselben Arbeit oder zu gemeinsamem Spiel. Sie führen grosse Bauten auf, halten sie sauber, schliessen des Abends die Eingänge und stellen Schildwachen auf (...) Sie halten sich Blattläuse und andere Insekten als Milchkühe. Sie ziehen in regulären Heeren aus zu ihren Kriegen und opfern freiwillig ihr Leben für das gemeinsame Wohl.“ Angesichts eines solchen Beweismaterials, das in Fülle vorhanden ist, kam Darwin zum Schluss, dass die „intellektuellen Fähigkeiten des Menschen sich von denen der Tiere nicht der Art nach, wenn auch dem Grad nach ganz ungeheuer, unterscheiden".
 
Doch auch er konnte nicht mit der Auffassung aufräumen, dass der Mensch ein von der Natur getrenntes Lebewesen sei. Die mechanische Denkweise, welche sich auch in den vergangenen rund 200 Jahren breit machte, hielt sich auch in der Wissenschaft hartnäckig, und wenn man die moderne Reparaturmedizin betrachtet, die ja auch hervorragende chirurgische Leistungen vollbringt, erhält man trotz alledem das Gefühl, das auf die Mechanik reduzierte Denken sei noch nicht ganz überwunden. Zumindest dauerte in der westlichen Wissenschaft die Auffassung, Tiere seien lediglich mechanische Apparate, laut Narby bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts an.
 
Solche Verirrungen mit all ihren verheerenden Folgen gab es zum Glück nicht überall. Die Naturvölker empfanden den gesamten Kosmos immer als Einheit und wurden wahrscheinlich gerade wegen solcher Ansichten von den westlichen Eroberern und raffgierigen Plündern wie Tiere niedergemetzelt, wenn sie irgendwelchen Ansinnen der „Zivilisierten“ im Wege standen. Wie die Urvölker tendieren auch japanische Wissenschaftler aufgrund ihrer Kultur, welche die Menschen und Tiere auf die gleiche Stufe stellt, nicht zur mechanischen Naturauffassung. Nach Narbys Worten ist der allgemeine kulturelle Hintergrund Japans „ein durch das Chinesische modifizierter Buddhismus, bei dem Menschen, Tiere und Götter auf einer Stufe stehen und sich auch ineinander verwandeln können. Man glaubt nicht, dass nur der Mensch eine Seele besitzt.“
 
Inzwischen haben viele moderne Naturforscher die Ansichten der Naturvölker bestätigt, dass auch Pflanzen Sinne haben; der Animismus (die Allesbeseeltheit), den wir in unserer dummen Überheblichkeit oft mit dem Attribut primitiv begleitet haben, wird allmählich auch wissenschaftlich salonfähig. So können Pflanzen zahlreiche äussere Variablen wahrnehmen, etwa Licht, Wasser, Temperatur, chemische Stoffe, Schwingungen, Gravitation und Töne. Zudem sind sie in der Lage, innerhalb einer gegebenen Bandbreite auf solche Faktoren zu reagieren, indem sie ihr Wachstum darauf einstellen. Sie können sogar chemische Hilfssignale aussenden, um die Feinde ihrer Angreifer zu mobilisieren.
 
Pflanzen können auch ein zielstrebiges Verhalten entwickeln, das mit Bezug auf den Biologen Anthony Trewavas am Beispiel der Fächerpalme beschrieben ist: „Dieser tropische Baum hat einen auf Stützwurzeln ruhenden Stamm. Er bewegt sich in Richtung Sonnenlicht, indem er immer neue Stützwurzeln auf der Sonnenseite ausbildet und die im Schatten liegenden absterben lässt. So verändert die Fächerpalme im Lauf mehrerer Monate tatsächlich ihren Standort. Sie ‚wandert’ auf diese Weise umher, schützt sich gegen konkurrenzierende Nachbarn und sucht möglichst viel Licht abzubekommen – nur dass sie all dies mit für den Menschen nicht wahrnehmbarer Geschwindigkeit tut.“
 
So ist also die Pflanze in der Lage, sich zweckmässg zu verhalten; sie hat durchaus eine Intelligenz. Die Pflanzen besitzen zwar keine Nervenzelle; aber ihre Zellen besitzen ein ähnliches Signalisierungssystem wie jene des Menschen. Sie berechnen und treffen Entscheidungen.
 
Das Buch über „Die Intelligenz in der Natur“, das teilweise als Reisebericht zu fernen Kulturen, Wissenschaftlern der Avantgarde in kaum bekannte Welten anmutet, enthält im hinterer Teil eine Fülle von Anmerkungen zu den behandelten Themen. Es ist ein guter und wegweisender Beitrag zur Diskussion zwischen den Evolutionisten und Kreationisten, die den biblischen Schöpfungsbericht mehr oder weniger wörtlich nehmen.
 
Gerade gestern waren eine nette Dame und ein älterer Herr an unserer Haustür, die sich als Zeugen Jehovas entpuppten. Sie drückten ihre „Erwachet!“-Sonderausgabe in die Hand: „Gibt es einen Schöpfer?“ Die Amerikaner, wo die straff organisierte, weltweit tätige Watchower-Organisation (Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania) ihre Zentrale hat, glauben mehrheitlich auf Bibelbasis an einen Schöpfer.
 
Was mir persönlich wichtig zu sein scheint: das Wunderwerk Natur, weshalb und wie immer es auch entstanden und sich entwickelt haben mag, in Ehren zu halten und uns in es einzubinden und uns darin anständig aufzuführen. Wenn ich aber sehe, wie sich das Kreationisten-Amerika aufführt, wie locker dieses Naturwerte ausbeutet, verschwendet und zerstört (bis zur klimatischen Katastrophe), dann zeigt mir die Kreationisten-Praxis mit erschreckender Klarheit, dass sie keinen Grund hat, sich über die unbedarfte Evolutionisten-Theorie zu erheben. Beiden gemeinsam ist, dass sie die Naturgeheimnisse nicht im Entferntesten zu durchschauen vermögen.
 
Wie wärs, wenn wir etwas bescheidener würden und mehr Ehrfurcht vor der Biosphäre im Allgemeinen und jedem einzelnen Lebewesen bekunden würden? Mir scheint der Animismus eine sinnvollere Philosophie als der Darwinismus und der Kreationismus zusammen zu sein. Das Praktizieren einer Naturethik, wie sie möglicherweise im Inneren jedes Menschen sitzt, wäre wahrscheinlich dem Lesen der Bibel und all ihren Derivaten vorzuziehen. Dann würden wir uns vielleicht vom biblischen Auftrag in 1. Mose 1, 28 endlich verabschieden: „... und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alles Getier, das auf Erden kriecht.“
 
Der Auftrag ist hinlänglich erfüllt: Die Meere sind leergefischt, die Vögel haben Vogelgrippe, das Vieh ist überzüchtet und mit Chemikalien vollgestopft, und auf der vergifteten Erde kriecht bald kein Getier mehr.
 
Zuerst müssen (sollten) wir einmal unsere fehlgeleitete Moral einer Generalrevision unterziehen.
 
Buchhinweis
Narby, Jeremy: „Intelligenz in der Natur. Eine Spurensuche an den Grenzen des Wissens“, 272 Seiten, AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 3-03800-257-7, CHF 34.–.
 
Hinweis auf ein Referat von Walter Hess
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