Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     23. September 2018, 00:54 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 09.09.2006


Wie die missbrauchte Zunge zum „Lällekönig“ wurde
Autor: Emil Baschnonga
 
Zwar kann ich nicht verbürgen, ob die alte Chronik echt ist oder bloss ein „hoax“ wie der Engländer sagte (ein Schabernack). Mit diesem Vorbehalt lasse ich diese Groteske vom Stapel, hoffentlich zum Gaudium der Grossbasler, die Kleinbasler mit eingeschlossen.
*
In der alten Truhe einer alteingesessenen Basler Familie wurde eine seltsame Urkunde entdeckt. Der Basler Historiker Franz Baschinger hat den Text ins Neuhochdeutsche teils übersetzt, teils eigenwillig umgeschrieben. Der werte Leser und die werte Leserin werden letztere Einflüsse beim Lesen leicht erkennen und das Ganze wohl als eine Lügengeschichte abtun. Sei dem wie ihm wolle, hier ist der gruselige Text:
 
„Eine Zunge am Gängelbändchen im Mund angebunden wollte sich aus diesem Verliess befreien. Sie stak im Mund eines Kerls, den sie nicht ausstehen konnte. Sein Rauchen belästigte ihre Geschmacksknospen. Sein massloser Weingenuss verfärbte sie. Es bestand, o Graus, die Gefahr, dass er sie im Rausch verschlucken könnte. Wie eine Sklavin war die Zunge fortwährend am Schluckakt beteiligt, da dieser üble Mensch viele dicke McDonald’s-Hamburger in sich hineinstopfte. Und wenn er leckte und schleckte, wurde seine Zunge erst noch von seinem stinkenden Speichel überschwemmt.
 
„Eine Schweinszunge hat es besser als ich“, beklagte sie ihr Schicksal, wie sie eben wieder einen seiner vielen Magenaufstösse erdulden musste. Ausserdem beleidigte er seine Zunge durch sein unablässiges Fluchen. Am schlimmsten war es, wenn er besoffen lallte. Selbst schlafen konnte sie nicht, da er laut schnarchte und sie dabei arg schüttelte. Wirklich, das geht auf keine Schleimhaut.“
*
„Diese Zunge schüttete ihr Herz auf meiner Zunge aus (damit muss wohl der wahre ursprüngliche Berichterstatter gemeint sein und nicht der Basler Historiker), und so beschloss ich, ihr zu helfen, da mich dieser Lump ebenfalls sehr anekelte. „Was willst du von mir?“ bellte er mich an, als ich ihn eines Tages in einer stillen Altstadtgasse zur Rede stellte. „Deine Zunge hat sich bitterlich bei mir beklagt“, sagte ich ihm wohlbegründet ins Gesicht. Da verhöhnte er mich und streckte mir die Zunge heraus, eine furchtbar lange. Der Zorn packte mich, und ich fasste kurzum seine Zunge, zog sie ganz aus seinem Lastermund und gab ihm einen zünftigen Hieb auf die Kinnlade. Dankbar umwickelte die befreite Zunge mein Handgelenk. Hurtig trug ich sie zum nahen Brunnen, wusch sie und wickelte sie in mein Schnupftuch.
 
Damit eilte ich zu meinem Freund, ein Uhrmacher, der an der Schifflände beim Rhein, unweit der Mittleren Brücke auf der Grossbasler-Seite, seine Werkstatt hatte, oberhalb einer Beiz. Zugegeben, er war sehr überrascht, als ich ihm die Zunge zeigte. Verlegen kratzte er sich hinter den Ohren und meinte schliesslich: „Die legen wir am besten in Essig, damit sie sich zuerst erhole.“ Dort im Essigbehälter schlenkerte sie bald gar munter, wie eine Forelle im Bach.
 
Der Uhrmacher hatte wirklich eine tolle Idee, was er mit dieser Zunge machen wollte. Seit langem schon hatte er für die Kleinbasler auf der anderen Seite wenig übrig, ich weiss nicht warum. So tüftelte er an seinem Uhrwerk, hinter einer alten hölzerner Königsfratze mitsamt Krone, angebracht (Baschinger vermerkt dazu als Historiker: Ähnliche Fratzen, aus Sandstein gehauen, findet man auch am Basler Münster oberhalb des romanischen Kirchenfensters. Sie werden auch Grotesken oder „Gargoyle“ [Wasserspeier] genannt.) Ich beschaute mir die Fratze. „Schau, die Augen kann er schon verdrehen! Nur mit der Zunge haperts, weil ich keine bewegliche auf Lager habe. Diese könnte passen“, wies mein Freund gegen die im Essiggefäss zappelnde Zunge. „Vielleicht lässt sie sich gerben und knallrot färben.“
 
Einige Tage später pochte der Uhrmacher stürmisch an meiner Türe. „Komm rasch, das Wunder ist vollbracht, nur musst du mir dabei helfen, meinen „Lällekönig“ an der Hauswand zu befestigen. Unterwegs erklärte er mir die Aufgabe des „Lällekönigs“: „Er macht den Kleinbaslern die Zunge. Das wird sie gewaltig ärgern.
 
Ich musste heftig lachen. „Die Zunge war ganz damit einverstanden, dass ich sie aus dem sauren Essig holte und in Uhrmacheröl einlegte“, fuhr er fort. „Auch gegen das Gerben hatte sie nichts einzuwenden. Sie freute sich sehr an der roten Lackfarbe und wurde überglücklich, als ich sie dem König in den Mund steckte und sie mit einem neuen Gängelbändchen ans Uhrwerk band.“
 
Sorgfältig hiessten wir den „Lällekönig über die Leiter hoch und verankerten ihn an der Hauswand. Ein Loch durch die Mauer hatte der Uhrmacher schon gebohrt, damit er das Uhrwerk – ein Sechstagewerk – aufziehen konnte.
*
Ei, wie die Grossbasler ihre Freude hatten, als der „Lällekönig“ seine rote Zunge vorstiess, einzog, vorstiess – immerfort Richtung Kleinbasel – sehr zum Ärger der Kleinbasler, stand in der Chronik noch vermerkt.
 
Es dauerte ein Weilchen, bis sich die Kleinbasler rächten und ihren eigenen „Lällekönig“ auf der anderen Seite der Rheinbrücke in Anschlag brachten. 
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier