Textatelier
BLOG vom: 11.09.2006

Krieg um Krieg: Das Wassermannzeitalter fällt ins Wasser

Autor: Walter Hess
 
Meine Bibliothek füllt allmählich einen grossen Teil des Hauses. Wo es die Bücherbretter erlauben, sind sie kaskadenartig belegt. In dieser Fülle gibt es Wissen von Themen, die mich irgendeinmal in meinem inzwischen über 69 Jahre dauernden Leben in ihren Bann gezogen haben, und hier sind regelrechte Entdeckungsreisen möglich. Bei einer solchen Forschungsreise ist mir das Knaur-Esoterik-Taschenbuch 4123 „Die sanfte Verschwörung“ von Marilyn Ferguson per Zufall in die Hände gekommen. Ich habe es 1982 wahrscheinlich wegen des Vorworts von Fritjof Capra gekauft, das ich als aussagekräftiger als das übrige Buch empfinde, ohne die Leistung der New-Age-Autorin Ferguson (geboren 1938 und in Los Angeles lebend) indirekt heruntermachen zu wollen.
 
In dem Buch wird ein dramatischer Paradigmawechsel vorausgesagt, vollkommen neue Muster in Gestalt einer Veränderung westlicher Werte, die mit den verschiedenen Strömungen der westlichen Kultur verknüpft sind, laut Capra zum Beispiel „der Glaube in die wissenschaftliche Methode als einzig gültigem Zugang zu Wissen, die Trennung von Geist und Materie, die Vorstellung der Natur als ein mechanisches System, deren Betrachtung des Lebens in der Gesellschaft als ein Konkurrenzkampf um das Überleben und der Glaube an unbegrenzten materiellen Fortschritt durch wirtschaftliches und technologisches Wachstum“. Capra fügte, lang ists her, noch bei: „Alle diese Vorstellungen und Wertbegriffe zeigen sich jetzt als äusserst begrenzt und bedürfen einer radikalen Überprüfung. Wir leben heute in einer global verknüpften Welt, in der biologische, psychologische, gesellschaftliche und Umweltphänomene alle voneinander abhängig sind. Um diese Welt zu begreifen, benötigen wir eine ökologische Perspektive, die uns das Weltbild der kartesianisch-newtonschen Wissenschaft nicht liefern kann.“
 
25 Jahre später: Nichts von alledem ist eingetroffen, ja die Verirrungen haben sich noch akzentuiert. Die Wissenschaft, die zwar in technischen Belangen erstaunliche Leistungen hervorbringt, sitzt nach wie vor auf dem höchsten Ross und macht von dort oben etwa die Erfahrungsheilkunde herunter – mit dem Segen blindgläubiger Politiker. Ihre eigenen engen Erkenntnisgrenzen hat sie nicht gesprengt und sorgt einsichtslos laufend für neue Bedrohungen (Elektrosmog, Genmanipulation, Chemisierung allen Lebens, Nanotechnologie). Die Natur ist jene Maschine geblieben, als die sie schon immer betrachtet wurde; auch das menschenbezogene Reparaturgewerbe ist ein Ausdruck davon, und der Glaube an den immerwährenden materiellen Fortschritt sitzt tiefer denn je. Es herrscht ein eigentlicher Wirtschaftskrieg, ein brutales, primitives Gerangel um Grössenwachstum und schnellen materiellen Gewinn um jeden Preis, der vor Vernichtungs-Kreuzzügen, Raubüberfällen und Lügen nicht zurückschreckt. Der Naturschutz muss dem Geldmachen weichen. Capra kann das von ihm aus besten Gründen geforderte Überprüfen dieser Fehlentwicklungen glatt vergessen. Die Sache läuft immer mehr aus dem Ruder.
 
Der Ausbruch des Wassermann-Zeitalters um 1950 – es soll noch bis zum Jahr 4100 unserer Zeitrechnung dauern – hatte viele falsche Hoffnungen geweckt; es ist eines von 12 Zeitaltern, die sich aus dem Tierkreis ergeben. Es steht für die Aufhebung der Gegensätze, die Entpolarisierung, die Erhebung aus der Verfangenheit im Subjektiven. Sein Symbol ist der Vogel, der sich in die Lüfte erhebt, einen hohen Standpunkt einnehmen kann und dort feststellt, dass die Polaritäten ein und dasselbe sind, nämlich auf einer Ebene liegen und zusammengehören – nach Yin-Yang-Muster, die ergänzende Vereinigung von Gegensätzen und nicht etwa ihren unerbittlichen Kampf gegeneinander.
 
Als selbst die Amerikaner von jenem von ihnen selbst angezettelten Vietnamkrieg, einem sinnlosen Vergiftungs- und Bombenfeldzug mit Napalm-Einsatz ohnegleichen, am Ende der 1960er- und frühen 1970er-Jahre genug hatten und das von ihnen angerichtete Elend nicht mehr mitansehen konnten, ging man davon aus, dass diese zerstörungswütige Kriegsnation nach der in Asien eingesteckten Totalschlappe zur Vernunft gekommen sei. Aber auch da hatte man sich verrechnet. Der Kommunismus, der am untauglichen Objekt bekämpft wurde, erhielt nochmals etwas Auftrieb, brach aber rund 20 Jahre später von selbst zusammen. Noch einmal erwartete man paradiesische Zeiten mit Toleranz, Menschlichkeit und ohne Krieg. „Krieg ist etwas Undenkbares in einer Gesellschaft autonomer Menschen, welche die Verbundenheit der ganzen Menschheit entdeckt haben, die keine Angst vor fremden Ideen und fremden Kulturen haben, die wissen, dass alle Revolutionen im Innern beginnen, und dass man niemanden seinen Weg zur Erleuchtung aufdrängen kann“, schrieb Marilyn Ferguson hoffnungsfroh. Doch da hatte die Amerikanerin die Rechnung ohne ihr eigenes Land gemacht. Der Wassermann tauchte nicht auf. Diese USA sahen nun die Gelegenheit als gekommen, die Weltherrschaft zu festigen. Und wer die banal-infantile US-Kultur nicht freiwillig übernahm wie etwa die Länder, die den Koran als Grundgesetz haben, wurde der Achse des Bösen zugeordnet und war zum Abschuss frei, genau wie früher die Ureinwohner, darunter die Indianer.
 
„Frieden ist ein Zustand des Geistes, nicht ein Zustand einer Nation“, bemerkt Ferguson noch. Und der Zustand des Geists, wie er bei den US-Machthabern herrscht, lässt sich an den ständigen Kriegen feststellen, wie sie Amerika selber führt oder von Vasallen wie Grossbritannien und Israel führen lässt – und zwar in kriegsverbrecherischer Art (Stichwort: Streubomben, Zerstörung von Lebensgrundlagen für die Bevölkerung); die Vernichtung unschuldiger Zivilisten wird bewusst eingeplant. Ob nun jener 11. 9. 2001 eigeninszeniert oder tatsächlich ein Akt des jedenfalls aktiv geförderten Terrorismus war, jedenfalls kamen jene merkwürdigen Geschehnisse mit den vielen Ungereimtheiten den Machtgelüsten der USA sehr entgegen. Beides sind Verschwörungstheorien: Dass Bin Laden der Drahtzieher war (Beweise fehlen) und dass eine Gruppe innerhalb des US-Machtapparats hinter den Anschlägen steht. Es gibt erst Indizien für beide Varianten. Und welcher Grund besteht noch, der US-Regierung noch irgend etwas zu glauben?
 
Mit masslosen Überreaktionen wurde von der amerikanischen Regierung die günstige Gelegenheit wahrgenommen, die Menschheit zu überwachen, einzuschüchtern, zu belügen und gefügig zu machen. Zudem wurden vom direkten Abgesandten des praktisch ausschliesslich die USA segnenden Gottes, dem bigotten Sektierer Georges W. Bush, mit seinem sträflich vereinfachten Denken (falls man dieses noch so bezeichnen darf), auf dieser Grundlage neue Kriege vorbereitet. Er hat das Pulver nicht erfunden, aber er lässt es verschiessen. Einer seiner Erfolge ist der zerstörte Irak, in dem die USA Husseins Foltergefängnis lustvoll weiterbetrieben haben, und wo nun die grossen Terroristenausbildungsplätze sind. Zehntausende von Toten und Hunderttausende verletzter Zivilisten werden als „Kollaterialschaden“ hingenommen. Ein weiterer Erfolg ist die Anheizung eines Bürgerkriegs im Irak, eine der höchst beliebten westlichen Massnahmen, die auch Israel übernommen hat: Es wird mit perfiden Tricks versucht, Volksgruppen gegeneinander und gegen unbeliebte Regierungen aufzuwiegeln. Doch merken die Oberstrategen nicht, dass sie damit genau das Gegenteil erreichen. Der Zorn richtet sich gegen sie selber.
 
Amerika ist zur Weltgefahr Nummer 1 geworden, und es müsste alles getan werden, um diese ausgesprochene Kriegsnation, die Flächenbombardierungen als Geschäft betreibt, zu entwaffnen. Und Israel bewegt sich in denselben Fussstapfen, zerstört Nachbarvölkern die Lebensgrundlagen; diese Nation wird in Zukunft die Folgen ihrer Ruchlosigkeit tragen müssen; irgendwo hört die Nachsicht auf. Auch vor dieser Nation wird man auf der Hut sein und darauf achten müssen, dass sie ihre Militärmacht (inkl. das enorme Atombombenarsenal) nicht noch ausbauen kann, denn sie ist ebenfalls unberechenbar, wie die Libanon-Zerstörung gelehrt hat.
 
Das ist also bisher aus dem Wassermann-Zeitalter geworden: Mehr Waffen, mehr Kriege, mehr Elend, masslos erhöhte Kriegsgefahren. Unsicherheit, Angst. Der Hass gegen andere Kulturen wie den Islam wird geschürt; da greifen keine Antirassismus-Gesetze. Die Gier nach Macht und Reichtum setzt sich über jede Moral hinweg, Das erwartete Friedensparadigma ist zum denkbar übelsten Machtparadigma verkommen. Die globalisierte und amerikanisierte Welt ist unsicherer denn je. Und sogar die Armut, deren Ende die Wassermänner und -frauen vorhergesagt hatten, hat globalisierungsbedingt noch zugenommen.
 
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass auch wegen des Aufkommens des Feminismus (er hat seine Ursprünge ebenfalls in den USA) eine weiblichere, sanftere Welt erwartet worden war; auch von dieser Seite wurden ausgleichende Frieden stiftende Impulse prophezeit. Betrachten wir das Ergebnis an den beiden angeblich mächtigsten Frauen der Welt: Condoleeza Rice, die US-Aussenministerin, gilt als Ersatz für das fehlende Gehirn von Bush und ist eine ausgesprochene Kriegstreiberin hinter der Maske des Lächelns. Die neue deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bushs Freundin, schwenkt ebenfalls auf diese Linie ein, liess als eine ihrer ersten Amtshandlungen die tierquälerische Käfighaltung von armen Hühnern bezeichnenderweise wieder zu und möchte gern Bundeswehrsoldaten in den Libanon entsenden, damit diese die Arbeit der geschlagenen Israelis machen und den Libanon niederhalten, ein Kampfeinsatz unter dem Deckmantel einer humanitären Aktion. Wenigstens hat Merkel Bush wegen der CIA-Gefängnisse im Ausland scharf kritisiert, um ihr Gesicht nicht ganz zu verlieren (wohl eine Tony-Blair-Lehre). Allein schon die Aktualitäten, welche uns die Medien in beschönigter Form übermitteln, genügen bereits, damit sich jedermann seine eigenen Gedanken über die neue Sanftheit machen kann.
 
Und all das passiert in einem Umfeld, in dem sich die allermeisten Menschen (ausser den Kriegsprofiteuren) Frieden und nichts als Frieden wünschen. Schon Victor Hugo (1802−1885) hatte im 19. Jahrhundert seinen Wunsch zur Prophetie gemacht: Im 20. Jahrhundert würden der Krieg, die politischen Grenzen und die Dogmen dahinschwinden – der Mensch werde wirklich leben, und es gebe genügend Platz für Aussenseiter und Traditionalisten: „Er wird etwas Erhabeneres als dies alles besitzen – ein grosses Land, die ganze Erde ... und eine grosse Hoffnung – den ganzen Himmel.“
 
Der französische Dichter konnte nicht wissen, dass die neoliberale Globalisierung nach US-Muster alle Hoffnungen im Keime zerstören, eine grenzenlose Dummheit obsiegen und Narrenpäpste (wie in Hugos Roman „Notre-Dame de Paris“, 1833) das Sagen haben würden.
 
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