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BLOG vom 18.09.2006


Der betrübte Papst Benedikt XVI., der halt auch fehlbar ist
Autor: Walter Hess
 
Wenigstens kann man die Frage, ob die Päpste unfehlbar seien, nun definitiv abhaken. Sie sind fehlbar und obendrein ausserstande, einen Fehler einzugestehen. Sie sprechen stattdessen schlicht und ergreifend von Missverständnissen auf der anderen Seite, haben Angst vor dem Gesichtsverlust und zeigen sich betrübt wie ein nebliger Herbsttag.
 
Das Christentum hat eine grausame Kriminalgeschichte hinter sich, und es ist vor keiner Gewalttat zurückgeschreckt, um die Welt zu erobern; man erinnere sich an die Kreuzzüge, den Massenmord durch Karl des Grossen und die Abschlachtungen der Urbevölkerungen beispielsweise in Amerika durch die frommen Spanier und Portugiesen. Wer will, kann auch Hexenverbrennungen und Inquisition dazuzählen. Auf diesem Hintergrund ist es etwas mutig, einseitig auf die islamische Gewalt hinzuweisen, die es selbstverständlich auch gibt, wie man aus aktuellen Ereignissen weiss. Aber legitimiert wäre nur eine ausgesprochen friedliebende Religion wie der Buddhismus, über religiöse Gewalttäter herzuziehen. Selbstverständlich steigt kein Buddhist auf diese niedere Stufe herab.
 
Pabst Benedikt XVI. zitierte auf seiner Deutschlandfahrt einen Dialog aus dem späten 14. Jahrhundert zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos und einem persischen Gelehrten über das Verhältnis von Vernunft und Religion sowie der Rechtmässigkeit, den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten. Der erwähnte Kaiser betonte in einem Disput die Einheit von griechischer Rationalität und christlicher Theologie und der Häresie (von der Kirche abweichende Lehre), den Glauben mit Gewalt zu verbreiten. Er unterstellte dem Koran, dass der Zusammenhang von Religion und Vernunft dort nicht gegeben sei, da Gottes Wille an keine menschliche Kategorie gebunden sei. Diese Meinungsäusserung war natürlich etwas kühn; denn da warf einer aus dem Glashaus mit Steinen um sich, wenn auch in Zitat-Form. Man verwendet in der Regel Zitate, die ins Konzept passen oder aber man distanziert sich ausdrücklich davon. Mohammed bejahte in verschiedenen Suren tatsächlich die Gewalt gegen Andersgläubige und die Vernichtung Ungläubiger. Aber an ähnliche Devisen hat sich die katholische Kirche ebenso sehr gehalten, wie jeder Kirchengänger weiss: Zur Erbauung der Gläubigen sind viele Kirchen mit Schlachtszenen überreichlich dekoriert – ich mag das schon lange nicht mehr sehen. Ich brauche keinen Anblick von Schwertern, um himmlische Gefühle zu erleben. Und das ewige Niederstechen von Schlangen habe ich ebenfalls satt.
 
Die Eingott-Religionen (Monotheismus) biblischer Prägung schrecken vor keiner Grausamkeit zurück – sogar die Israelis haben das im Libanon in den letzten Wochen zum Erschrecken der ganzen Welt bewiesen, ein Rückfall ins Alte Testament im Zeitalter moderner Massenvernichtungswaffen wie Streubomben. Da wurden Lebensgrundlagen für ein ganzes Volk systematisch zerstört. Und der geistig eingeschränkte George W. Bush hatte am 16. September 2001 einen neuen „Kreuzzug“ („Crusade“) gegen die Terroristen angekündigt, die er sogleich dem arabischen Raum zuordnete; er wollte sie schon zur Strecke bringen („Get them running and hunt them down“). Die Wildwest-Mentalität brach gerade wieder einmal durch. Der Islam dient seither als neues Feindbild. Genau das hat die Erde destabilisiert.
 
Dass ein Papst, dem man etwas mehr intellektuelles Feingefühl zutrauen würde, im Prinzip auf Bush-Niveau referieren und provozieren würde, erschüttert schon.
 
Ich habe gestern Sonntag, 17. September 2006, gerade das Hermann-Hesse-Museum in Montagnola (bei Lugano TI) besucht und dort eine Lektion in Ethik erhalten. Hesse sprach sinngemäss von „dummen Schlachten, dummem Schiessen und dummen Hinrichtungen“ – man könne damit nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft zerstören (siehe Vietnam, Afghanistan, Irak). Wir müssten den Weg von der Bestie zum Menschen beschreiten. Kriege ordnete er den „grossen Massendummheiten“ zu.
 
Wer mit provokativen Äusserungen für neue Spannungen zwischen den Religionen sorgt, darf wohl auch als eine Art von Kriegstreiber betrachtet werden – und mögen die Kriege aus einer eingeschränkten Sicht noch so „gerecht“ und „heilig“ sein. Ein Krieg ist immer ungerecht, weil er vor allem Unschuldige trifft, besonders die heute von den Westmächten so beliebten und mit letzter Inbrunst geführten Bombenkriege.
 
Vielleicht brauchten wir wieder einmal ein paar grosse Denker, die Religionsführern und kriegstreibenden Politikern den Spiegel vorhalten und deren Charakter zuhanden der öffentlichen Meinung unbeschönigt darstellen. Man müsste ihnen klarzumachen versuchen, dass auch die Veranstalter von heiligen Kriegen aus moralischer Sicht keine Heiligsprechung verdienen und hoffentlich auch nicht erhalten werden. George W. Bush und Tony Blair, diese ausgesprochenen Verlierertypen, die mit Schimpf und Schande allmählich aus ihren Ämtern gedrängt und von jenen Schlitzohren verlassen werden, die auf der Seite der Sieger stehen wollten, sind wunderbare Beispiele für die Selbstreinigungskraft der Geschichte. Sie hat etwas an Tempo zugelegt, wie alles andere auch.
 
Das ist der letzte Trost. Denn die Unfehlbarkeit scheint immer mehr zur Rarität zu werden oder gar auszusterben.
 
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