Textatelier
BLOG vom: 03.10.2006

Abschied von Betty Bossi: Schnellfrass statt Freude am Herd

Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Zweifellos war die Frau, die die Kunstfigur Betty Bossi erfunden hat, die Werbefachfrau Emmi Creola-Maag, eine kreative, erfolgreiche und gescheite Person; sie ist am 2. Oktober 2006 im 94. Altersjahr in Bassersdorf ZH gestorben.
 
Die Betty Bossi, die nach US-Muster (Zeitschrift „Betty Crocker“) geschaffene Küchenikone lehrte die Schweizerinnen und Schweizer das alltägliche, währschafte und wohlschmeckende Kochen; zuerst geschah dies im Auftrag der Öl- und Speisefettproduzenten Sais/Astra. Sie schrieb ihre anfänglich gratis verteilte „Betty-Bossi-Post“ allein, dann kam eine wachsende Equipe dazu – Betty Bossi wuchs zur Firma heran. Mit einer Auflage von rund 900 000 Exemplaren ist die heutige „Betty Bossi Zeitung“ die meistverkaufte Kochzeitschrift der Schweiz. Ihre Kochrezepte, die seit 1973 (als das erste „BackBuch“ erschien) in Tausenden von Haushalten herumstehen, sind nützlich, professionell für den Alltagsgebrauch gemacht. Bis heute sind etwa 60 Betty-Bossi-Kochbücher (in Deutsch und Französisch) erschienen.
 
Auch die mit Betty verbundene, im Oktober 2001 erstmals ausgestrahlte Koch- und Unterhaltungssendung „Al dente“ bei SF DRS liefert nützliche Impulse, obschon bei dieser an sich gut gemachten Sendung mit der sympathischen und kompetenten personellen Bestockung das Spielchen-Spielen viel zu viel Zeit wegfrisst und die Werbung zu penetrant ist. Die wertvolle Zeit, die der grassierenden Quiz-Seuche geopfert wird, liesse sich für Gescheiteres nutzen; denn so blöd, wie die Fernsehprogramm-Gestalter meinen, sind die Schweizer halt schon nicht.
 
Die gute, missionarische Idee, dem Volk das preiswerte Kochen mit frischen Produkten beizubringen, wurde leider ins Gegenteil pervertiert, nachdem das Medienhaus Ringier und der Grossverteiler Coop die Betty Bossi Verlag AG je zur Hälfte übernommen hatten. Aus dieser 2001 begründeten „strategischen Partnerschaft“ entwickelte sich ein schlagkräftiges Kommerzunternehmen mit 90 Millionen CHF Jahresumsatz. Ab jetzt wurde der gute, 50 Jahre alte und eingeführte Name „Betti Bossy“ als Marke nach neoliberalem Muster ohne Rücksicht auf Verluste gnadenlos auf plastikverpackten Convenience- oder Fertiggerichten vermarktet. Seither kann man Älpler-Magronen, Hörnli mit Ghacktem, Kutteln an Tomatensauce bis zu Chop Suey with Porc and Noodles mit Ausnahme der letzten Erhitzung und vorgeschnittenes Gemüse und ebensolche Früchte tischfertig kaufen. Das Wähenbacken kann man ebenfalls getrost vergessen. Dadurch verkommt die häusliche Kochkunst. Das Aufwärmen von Vorgekochtem ist das letzte Überbleibsel des ehemaligen schöpferischen, von Betty geförderten Tuns am häuslichen Herd, der im Rahmen der Feminisierung ohnehin zu einem Symbol des absoluten Schreckens geworden ist.
 
Die Vernichtung der Kochkunst ist das eine, die Abkehr von den einfachen, aufs Wesentliche reduzierten Rezepten das andere. Denn wenn das Vorgekochte und Zurechtgeschnittene die Verkaufswege und die Wartezeit in den Kühlregalen einigermassen unbeschadet überstehen sollen, muss tief in die lebensmitteltechnologische, um nicht zu sagen chemische Trickkiste gegriffen werden. Zudem muss aus kommerziellen Gründen dafür gesorgt werden, dass die Datierungsspanne, binnen welcher der Verkauf stattfinden muss, möglichst lange ist. Und das gewährleisten weitere Griffe in die erwähnte Kiste. So bleiben also bei den Bequemlichkeitsgerichten neben dem Kochvergnügen die Frische und die Natürlichkeit auf der Strecke.
 
Emmi Creola kann nichts dafür, und ich halte sie in ehrendem Andenken. Was aus ihrer Idee auch noch geworden ist, passt zum Ablauf dieses Kulturzerfalls tief hinunter auf ein geradezu US-amerikanisches Niveau mit der Dominanz von Fast Food und Take Away. So ist Betty Bossi als Person und auch als Idee gestorben.
 
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