Textatelier
BLOG vom: 07.10.2006

Nachbars Katze, die ihre Beute am Limmat-Ufer fand

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Ich sass am Esstisch, schaute in den Garten, trank den Morgenkaffee. Nachbars Katze sprang diagonal über unsere kleine Wiese und schwang sich wie ein Tiger über das niedere Gartentor. Schwupp. Zwischenlandung auf dem schmalen Weg, der unsere Gärten trennt und nochmals Schwupp über das gegenüberliegende Gartentor, dorthin, wo sie zu Hause ist. Ich hatte ihre Sprünge fasziniert beobachtet und bemerkt, dass sie eine Beute in der Schnauze trug. Eine grosse Beute, die ich aber nicht erkennen konnte. Keine Maus, keine Ratte. Diesen Fang wollte sie sicher ihrer Familie zeigen. Zeitung lesend, vergass ich das Gesehene. Doch Minuten später war sie wieder da, muss also mit gleicher Eleganz wieder ihre Sprünge vollführt haben.
 
Jetzt sehe ich das Beutetier mitten in unserer Wiese: Ein Erpel (männliche Ente). Verletzt ist er, versucht aufzufliegen, streckt seinen Hals, wie nach Atem ringend, in die Höhe. Will er vielleicht seine Verwandten zur Hilfe rufen und kann es nicht mehr? Ein Anblick, der traurig stimmt. Die Katze ist jetzt etwas zur Seite gewichen, hält aber die Ente in Schach. Wie ein Urzeiger wechselt sie ihren Platz. Einmal ist die Stunde voll, dann Viertel nach, dann die halbe Stunde, Viertel vor usw. So wandert der Räuber im Kreis herum. In der Mitte die geschundene Ente, die nicht fliehen kann.
 
Als ich die Nachbarin ansprechen kann, ist sie entsetzt. Sie erkundigt sich sofort bei einer Fachstelle für Wasservögel, was zu tun sei und dirigiert die Katze ins Haus zurück. Nicht mehr verfolgt, watschelt die Ente sehr langsam durch das nun offene Gartentor und erreicht innerhalb einer halben Stunde die Hauptstrasse. Fliegen kann sie nicht mehr. Inzwischen wissen wir, dass ihr Ende gekommen ist, dass Katzenbisse tödlich wirken. Dieser Ente hat vielleicht schon vorher etwas gefehlt, dass sie überhaupt gefangen werden konnte. So tröste ich mich.
 
Solche Kämpfe finden täglich zu Hunderten und unbeobachtet statt. Wir denken nicht daran. Aber wenn sie im eigenen Garten stattfinden, kann diese schonungslose Seite an der Natur nicht ausgeblendet werden.
 
Ich sehe Parallelen zu den Machtkämpfen der Menschen. So ist das Leben. Kampf und Leiden sind inbegriffen.
 
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