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BLOG vom 04.11.2006


Verwicklungen: Im Wirrsal des Lebens immer auf Draht sein
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
In jedem Leben stellen sich Situationen ein, bei denen einen das Gefühl übermannt, es gebe keinen Ausweg mehr, und je mehr man sich bemüht, einen Notausgang zu finden, umso mehr verhaspelt man sich. Dann liegt die Verzweiflung nahe.
 
Solche Vorgänge sind bei mir äusserst selten, zumal mir die richtige Lösung regelmässig in den Schoss fällt und sich das ganze Manöver am Ende als Gewinn herausstellt. Aber heute, da funktionierte das nicht. Ich hatte gewisse Vorahnungen, liess äusserste Vorsicht walten, aber das Schicksal nahm seinen Lauf und schlug mit aller Härte, ja Rücksichtslosigkeit, erbarmungslos zu.
 
Damit alles verständlich wird und mir ein gewisses Mitgefühl garantiert ist, beginne ich von dort, wo man immer beginnen sollte: von vorn. Dabei möchte ich vorausschicken, dass eigentlich meine Himbeer-Liebhaberei an allem schuld ist.
*
Im Do-it-yourself-Geschäft Jumbo in Schafisheim AG kaufte ich 4 Stück verzinkte Rohrpfosten, an die sich mit Schrauben und speziellen U-förmigen Haltern Drähte montieren lassen, so dass daraus ein Zaun beziehungsweise eine Lebenshilfe für die aufrechten Himbeerstauden angefertigt werden kann. Die Wahl des verzinkten Drahtes überlegte ich mir reiflich. Ich wollte keinen zu dünnen Draht nehmen, weil dieser sonst in gespannter Form die Beerensträucher im Wind wie ein Sägeblatt durchschneiden würde. Ich wählte also 2,5 kg eines gut 1 mm dicken Drahts, der sich, wie ich bereits im Laden feststellte, noch einigermassen biegen liess. Somit war ich für meinen handwerklichen Einsatz ausgerüstet.
 
Ich wollte alles gut machen, mir genügend Zeit nehmen, überlegt ans Werk gehen und dachte: Do it! Handwerkliche Arbeiten lösen in mir immer gewisse Gefühle von Unsicherheit, ja Angst aus, und dementsprechend verehre ich Handwerker wie Erich von Däniken die Götter aus einer anderen Welt. Ich bewundere und beneide sie, die Handwerker. Es sind Menschen von unbezahlbarem Wert. Deshalb macht man einfachere Arbeiten manchmal eben selber.
 
Mit einem Brecheisen bereitete ich die Löcher für die Pfosten vor, aber nur soweit, dass sie noch mit einem Vorschlaghammer in die Tiefe gerammt werden mussten, um dort den verdienten Halt zu finden. Das ging gut, überraschend gut. Mit einer Wasserwaage, deren Fensterchen allerdings etwas getrübt waren, sorgte ich dafür, dass sie senkrecht dastanden. Kein Problem.
 
Dann holte ich die Drahtrolle auf den Gartenbauplatz, durchschnitt 3 Plastikbänder, damit sich der zusammengebundene Draht entfalten konnte. Ich kannte Gefahren, die diesen Vorgang begleiten, und ging mit äusserster Vorsicht ans Werk: Eine falsche Bewegung, und der Draht wird lebendig, entwickelt sich zur sich auftürmenden Spirale!
 
Wie durch ein Rohr schob ich meine linke Hand und den Unterarm durch die Rolle. Es mag ausgesehen haben wie bei den burmesischen Frauen, die sich Metallring und Metallring um den Hals legen, damit der Hals länger wird. Mein mit einer Metallspirale dekorierter Arm war aber kein modisches Attribut, sondern einfach ein vorübergehender Aufbewahrungsort für die rund 40 m geringelten Drahts, verzinkt und etwas störrisch. Mir kam der Begriff Torsion (Drall, Verdrillung) in den Sinn, und ich freute mich, dass der Physikunterricht doch nicht vollkommen spurlos an mir vorbei gegangen ist. Die schraubenförmige Verdrehung langgestreckter Körper erzeugt entgegengesetzt gerichtete Drehmomente. Ich sage dem hier der Einfachheit halber Drehspannung.
 
Ich befestigte also den Drahtanfang am Rohrpfosten 1, den ich seinerseits an einem Baumstamm fixiert hatte. Es war des widerspenstigen Drahts Zähmung. Mit einer Fachzange und der damit verbundenen Hebelwirkung gelang mir das Kunststück der Befestigung, wobei ich niemals von einer professionellen Leistung zu sprechen wagen würde. Dann drehte ich an der Drahtrolle, um die gut 2 m Draht bis zum Pfosten 2 vom aufgerollten in einen langgestreckten Zustand zu überführen. Dem Draht gefiel diese Begradigung nicht, zu sehr hatte er sich an das Aufgerolltsein gewöhnt. Da ich mir noch einen Schraubenzieher für das Lösen der Befestigungsösen beschaffen musste, wagte ich es, den Draht sorgfältig auf den Boden zu legen.
 
Diese Mutprobe sollte ich schwer bereuen: Die Drahtrolle machte einen Freudensprung, schoss förmlich wohl 70 cm in die Höhe, machte einen Bogen und erreichte in geringer Distanz den Boden wieder. Bogen legte sich auf Bogen – die Südostasiatinnen wären ob dieses Anblicks in Begeisterungsstürme ausgebrochen. Es sah alles ganz ordentlich aus, und so konnte ich die Folgen überhaupt noch nicht abschätzen. Nachdem ich den Schraubenzieher beschafft hatte, schob ich meinen Arm wieder durch den Draht, der jetzt eine gewisse Ähnlichkeit mit einem flexiblen Ofenrohr hatte. Und gerade heute gilt ja die Flexibilität als überlebenswichtig.
 
Ich bemühte mich also, den Draht weiter aufzuwickeln, wie gehabt, aber zu meinem allergrössten Erstaunen musste ich erkennen, dass er sich gewissermassen um sich selber gewickelt und sich sogar auf wundersame Weise verschlauft hatte. Die technische Erklärung dafür kann ich leider nicht anbieten, da meine Physikkenntnisse nicht ausreichend sind. Wahrscheinlich käme man dann zu den Fraktalen, diesen schönen geometrischen Mustern mit ihrer hohen Strahleninvarianz, die einen ungeheuren und immer überraschenden Formenreichtum entwickeln, ebenfalls auf unerklärliche Art.
 
Jedenfalls versuchte ich, den störrischen Draht zu entschlaufen, wollte aber keinesfalls den bereits befestigten Anfang wieder lösen; diese Lösung fiel nach meinem Empfinden ausser Betracht. Aber man ziehe 40 m vorgespannten Draht durch die Rolle. Ich tat es in der Hoffnung, nach einem oder zwei Durchgängen den Knäuel gelöst zu haben.
 
Ich arbeitete in voller Konzentration, musste am richtigen Draht ziehen und darauf achten, dass sich der durchgezogene Draht nicht aufs Neue verhaspelte. Er tat es dennoch. Und es stellte sich heraus, dass mit jedem Entwirrungsversuch die Verwirrung noch grösser, abstruser, unerklärlicher wurde. Überall lag nun Draht herum, der sich seinerseits um einen dornigen Spitzbeerenbusch wand und Dornenzweige in sich einschloss. Um ein Haar wäre mir die Kreuzigungsszene mit der Dornenkrone in den Sinn gekommen. Doch während ich alle Hände voll zu tun hatte und den Draht fest im Griff haben musste, damit er kein noch grösseres Unheil anrichtete, stach mich eine Mücke mitten in den Rücken, genau dorthin, wo man den Juckreiz am intensivsten spürt und wo keine Hand hinreichen kann. Ich verspürte, wohl eine Aufregungsfolge, zudem einen fürchterlichen Durst, konnte aber nicht weglaufen, und meine Frau war gerade in den Ferien. Solche Gelegenheiten beweisen, dass das weibliche Geschlecht halt doch unverzichtbar ist.
 
Ich entschloss mich bei dieser ausweglos scheinenden Lage für eine Flucht nach hinten und durchschnitt den Draht ungefähr dort, wo ich das Gefühl hatte, er reiche bis zum Posten 4, ohne eine gewisse Reserve zu vernachlässigen. Zu meiner Überraschung und Erleichterung erwischte ich den richtigen Drehort, und nach einer weiteren halben Stunde war das Reststück sozusagen entworren. Der nicht verwendete  Draht aber hatte sich zu einer regelrechten Wirrnis verschlungen, ein Riesenvolumen, und ich weiss noch nicht, wie und wo ich diesen grossen Knäuel aufbewahren soll. Er füllt den halben Geräteschopf.
 
Der Drahthag liess sich nicht ganz spannen; denn im Drahtverlauf gab es in unregelmässigen Abständen jene kleinen fast rechtwinkligen Kurven, wie sie sich einzustellen pflegen, wenn die Torsion durch eine nicht ganz korrekt ausgeführte Gegendrehung nicht vollends aufgehoben werden kann. Als Drahtzieher eigne ich mich auch nicht.
 
Ich fühlte mich nach getaner Arbeit ziemlich ausgebrannt; die Nerven hingen durch wie schlappe Drähte. Womit nur hatte ich dieses Schicksal verdient? Wahrscheinlich hatte ich doch nicht den richtigen Draht – ich weiss jetzt, was diese Redensart bedeutet. So bleibt mir nur noch die Vorfreude auf gartenfrische Himbeeren im nächsten Sommer. Dann werde ich lustvoll über den Hag fressen.
 
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