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BLOG vom 20.11.2006


Solarzellen: England und ich hinken furchtbar hintenan
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Wie im Blog vom 8.11.2006 („Grösstes Marktversagen: Klima benötigt grüne Welle“) im Abschnitt „Sonnenzellen“ erwähnt, besuchte mich der Vertreter für Sonnenzellen-Anlagen am letzten Freitag, 17.11.2006. Er nennt sich „Marketing Consultant“ und heisst wie der englische Komödiant Ken Dodds. Aber er ist kein Komödiant, sondern er präsentierte mir die Vorteile der Photovoltaik tadellos. Diese Zellen in der höchst wirksam verbesserten 4. Generation stammen aus Deutschland und liefern zwischen 50 % und 75 % des Warmwasserbedarfs einer Haushaltung. Nur verstehe ich als technischer Banause nicht, weshalb sie sich nicht mit der Zentralheizung koppeln lassen. Die Amortisation einer solchen Anlage brauche 8 bis 12 Jahre. Die Garantiezeit der Anlage erstreckt sich über 5 Jahre.
 
Überzeugend erklärte der Consultant, dass diese Investition laufend Einsparungen erziele, während die Elektrizitätspreise sich weiterhin gewaltig aufbauschen und nichts abwerfen ausser Verdruss und Druck auf den Geldbeutel. „Nicht nur versorgen Sie sich weitgehend selbst mit Elektrizität, Sie leisten erst noch einen Beitrag ans ‚ökologische Wohnen’, indem Sie den eigenen Ausstoss von Luftschadstoffen wie CO2 gewaltig drosseln.“ Das alles klang wie Musik in meinen Ohren und stimmt grundsätzlich mit meiner Überzeugung überein, dass jedermann seinen Teil zur Verbesserung der Umwelt beitragen sollte.
 
Er zeigte mir eine Übersicht, woraus ich ersah, dass Deutschland und auch die Schweiz beim Einsatz der Sonnenenergie führend sind. England bleibt das Niemandsland für Sonnenkollektoren in europäischen Haushalten. Das liegt nicht am Klima. Die Umwandlung der Sonne in Warmwasser ist auch in England ganzjährig genau so möglich, wie anderswo auch.
 
Ich erfuhr, dass in England staatliche Subsidien für solche Installationen gewährt werden − ein „stattlicher“ Beitrag von £ 400 (CHF 940), also bedeutend weniger als in Deutschland oder in der Schweiz. Dieser Kostenbeitrag ist an heftige Auflagen, lies: Ausgaben, gebunden: eine extra dicke Schicht Dämmstoffe in der Dachfläche, Isolation der Hohlräume in der Hausmauer und unter den Fussböden, Ersatz aller Glühbirnen durch viel teurere und energieeffizientere. Somit erweist sich der britische Kreuzzug gegen den Energieverschleiss vorderhand eher als seichtes Gefasel. Herr Dodds meinte, das sei typisch: „Die Regierung gibt mit einer Hand und nimmt mit der anderen.“
 
Der Vertreter der Solarzellen erkundigte sich – er hätte dies eigentlich wissen sollen –, ob wir hier in Wimbledon in einer „conservation area“ (Schutzgebiet) leben, wo die Solararchitektur keinen Platz hat. Ich wollte mich heute eben beim „Merton Council“ erkundigen, doch wie so üblich gelangte ich aufs telefonische Abstellgeleise. Beim 2. Anlauf erfuhr ich, dass eine Bewilligung dazu erforderlich ist.
 
Die letzte Frage bezüglich der von der Firma offerierten „substantial subsidy“ hielt ich wie einen Pfeil im Köcher, als Herr Dodds den Wassererhitzer und Wassertank, die Einbaumöglichkeit für die Leitungen, die Dachfläche auf der Südseite des Hauses usf. begutachtete.
 
„Alles in Ordnung, kein Problem“, meldete er mit grosser Zuversicht, „ich mache Ihnen jetzt den Kostenvoranschlag.“ Das dauerte ein Weilchen. Er murmelte eine Zahl, die ich zuerst als sehr preiswert empfand, einfach weil ich sie missverstanden hatte. „Das bedeutet, dass die Amortisation bedeutend weniger als 8 bis 12 Jahre beansprucht“, äusserte ich mich und fügte hinzu, „wenn man bedenkt, wie viel ein Auto kostet.“
 
„Wir kalkulieren das immer sehr konservativ“, sagte er, durch meine Reaktion ermutigt. Erst jetzt holte ich meine Frage aus dem Köcher. Der substanzielle Kostenbeitrag unsererseits, der – wie er beifügte, „... wegfallen könnte, wenn Sie 8 Kunden für uns gewinnen … Das sollte keineswegs schwer in diesem gehobenen Wohnquartier sein …“ Ich reagierte nicht darauf, denn ich hatte nicht die geringste Absicht, zum Vertreter dieser Firma zu werden. Jetzt kam er zum Zug: „Wenn Sie sich jetzt dazu entschliessen, erhalten Sie erst noch einen Preisnachlass von £ 2000!“
 
Mir schwante, dass ich den von ihm zuerst gemurmelten Preis, sage und schreibe, um einen Faktor von 10 zu niedrig mitgekriegt hatte, nein, gewiss nicht absichtlich. Ich schalt mich innerlich als Dummkopf, mich derart verhauen zu haben und dem „Pound Sterling“ eine so hohe Kaufkraft wie vor 20 Jahren zugemessen zu haben. „Sagen Sie mir nochmals den Preis“, bat ich ihn. „£ 9850 alles inbegriffen“, kriegte ich zur Antwort.
 
Wie ich diese Zahl verdaute, ging mir auf, dass er mir seine Solarheizung so wie ein „Time share“-Appartement in Spanien andrehen wollte. Herr Dodds war natürlich enttäuscht, als ich sein Angebot wohlbegründet ablehnte. (Schliesslich sind wir nur ein 2-Personen-Haushalt und geniessen in einem gewissen Sinn bereits einen Sonnenbeitrag, dank der doppelverglasten Schrägwand, die sich vom Dach abwärts bis zum Eingang unseres Treppenhauses erstreckt und unser „Atrium“ oben entsprechend an sonnigen Tagen vorheizt.)
 
Soeben, als ich dieses Blog beenden wollte, erhielt ich einen Anruf vom Direktor der Firma. Ohne mich weiter mit seinem erneuten Verkaufsversuch zu befassen, erfuhr ich, dass Herr Dodds noch gleichentags 2 weitere Gutachten in der Nachbarschaft abgegeben und dabei einen festen Auftrag erhalten habe. Leider erwies es sich, dass die Konstruktion des Hauses den Einbau von Solarzellen verunmögliche. Deswegen könne er mir jetzt das System für nur £ 5100 anbieten! Ich lehnte mit Bedauern ab und bat ihn, Herrn Dodds für seine ausgezeichnete Präsentation nochmals zu danken.
 
Immerhin ist es für mich jetzt ein Trost, zu wissen, dass ich mich bloss um einen Faktor von rund 4,5 (einschliesslich der staatlichen Subsidie) getäuscht hatte.
 
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