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BLOG vom 15.01.2007


Jaywalker: Null-Toleranz abseits der Fussgängerstreifen
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Dieser Tage las ich auf der Titelseite des Londoner „Evening Standard” die Schlagzeile: „London historian held by gun cops for jaywalking”. Es war das 1. Mal, dass ich dem Wort „jaywalking“ begegnet bin. Wer als Fussgänger die Strasse ausserhalb von Fussgängerstreifen oder bei Rotlicht überquert, ist ein „jaywalker“ und muss mit einer Busse rechnen.
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Der ehrenwerte und zerstreute Professor Felipe Fernandez-Armesto – ein namhafter Historiker – überquerte in Atlanta, Hauptstadt von Georgia (USA), achtlos die Strasse. Er war unterwegs zu einer Historiker-Konferenz. Jemand rief ihm zu, die Strasse nicht zu überqueren. Der Professor verdankte diesen Zuruf und ging weiter. Er wurde von einem Polizisten aufgehalten, der ihn aufforderte, sich auszuweisen. Ungehalten wollte der Professor zuerst den Ausweis des Polizisten sehen. Plötzlich überfiel ihn, laut seiner Aussage, eine Horde von Polizisten. Sie warfen und hielten ihn auf dem Boden fest. Ob das mitten auf der Strasse geschah, ist unklar. Er wurde verhaftet und in Handschellen abgeführt. Da der Professor keine $ 720 für die Haftkaution auf sich trug, wurde er ins Kittchen gesteckt. Anderntags kam er vors Gericht. Der Richter stellte ihn auf freien Fuss. Das verdankte er wohl seinem Ruf als Professor.
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Als ich mit meiner Frau in Zürich lebte, widerfuhr meiner Frau mehrmals ein ähnliches Missgeschick, als sie die Strasse beim Bahnhofplatz bei Rotlicht überquerte. Es war weder links noch rechts ein Auto in unmittelbarer Sichtweite. Sie entkam einer Busse, indem sie vorgab, kein Wort Hochdeutsch, geschweige denn Schwyzerdütsch, zu verstehen. Hinterrücks wurde sie von den brav wartenden Fussgängern angeödet.
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Ich selbst überquere in London und anderswo die Strassen, wann immer ich eine Verkehrslücke sichte. Nur einmal, in Hamburg, stellte sich mir ein Polizist in den Weg. Damals liess ich mich nicht in einen Disput mit ihm verwickeln, sondern gab ihm Recht und entschuldigte mich gebührlich.
 
Man möge über mein verkehrswidriges Verhalten denken, wie man will. In Neapel oder Teheran gibt es nichts anderes, als sich eine Bresche durch den dichten Verkehr zu brechen, oft im Fussgängerverbund. Andere Länder, andere Sitten. Inzwischen bin ich – und besonders auch meine Frau – bedeutend vorsichtiger geworden, insbesondere weil die einst rücksichtsvollen Automobilisten in London wie neapolitanische Banditen fahren.
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Heute, im sich verbreitenden Zeitalter der Null-Toleranz, sind die kleinen Freiheiten arg eingeengt. Erich Kästner hätte sich dagegen aufgelehnt und Karl Kraus dagegen gewettert. Der Bussenzettel wird bei lässlichen Sünden sofort gezückt, wenn allenfalls ein Verweis genügt hätte. Die Diskretion des Polizisten gibt es kaum mehr. Die Richter sind angehalten, Einheitsstrafen zu verhängen. Die Null-Toleranz ist ein heikles und weites Thema, auf das ich hier lieber nicht eingehen will.
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Was mir in diesem Zusammenhang aufstösst: Die Politiker, intolerant, wie sie sind – wie die Beispiele von Tony Blair und George W. Bush belegen –, räumen sich selbst wahnsinnig viel Toleranz ein. Für sie gibt es keine Null-Toleranz. Nichts bietet ihrer Korruption Einhalt, wenn sie machtgierig Kriege, weitgehend gegen das Gesetz und den Willen des Volkes anzetteln. Niemand zieht sie zur Rechenschaft.
 
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