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BLOG vom 06.02.2007


Omid Djalili auf Perserteppichen im Wimbledon-Theater
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Alle Plätze waren am Sonntagabend, 4. Fabruar 2007, im Wimbledon-Theater ausgebucht. Der persische Komödiant Omid Djalili erschien mit einem Glas Wasser auf der Bühne und stellte es auf einem kleinen runden Stuhl ab.
 
ÇãیÏ Ìáیáی (Omid) ist glatzköpfig, hat eine Nase wie ein Kleiderbügel, ist rundlich und beweglich und tanzt wie ein Gummiball. Ab und zu lässt er sich sogar zu einem Bauchtanz hinreissen.
 
Sein Thema für den Abend hiess: Keine Agenda. Doch bot er eine sehr weitfächerige Agenda – zerpflückte den westlichen Imperialismus, die Eigenarten der Rassen und Kulturen und knüpfte dabei viele Anekdoten ein, als er seinen persischen Teppich entfaltete. Er entlockte dem Publikum eine Lachsalve um die andere. Auch mir und der ganzen Familie kullerten bisweilen Lachtränen aus den Augen.
 
Omid sagt, so behauptet er, was wir denken. Ob das wirklich stimmt oder nicht, spielt keine Rolle. Dabei überspringt er viele Hürden – und das ethnisch durchmischte Publikum verbündet sich mit ihm. Ein anderer an seiner Stelle wäre erwürgt worden.
 
Wie ein Feuerwerk prasselte sein sprühender Witz. Er tänzelte auf der Bühne hin und her, sprach bald leise, tobte bald brüllend. Die Perser, wie er später erklärte, sind sehr demonstrativ. (Die ganze Familie mit allen Kusinen debattieren hitzig, wie man am besten eine Orange schält.) Und er ist ein waschechter Perser geblieben, obwohl er 1965 in London geboren und mit einer Engländerin verheiratet ist, einer Dramaturgin, die an seinen Texten mitfeilt.
 
Aber was immer er von Stapel liess, war nie ausfällig. Man fühlte, dass er trotz seiner Tiraden die kulturelle Vielfalt respektiert. Omid kann krasse Gegensätze kitten, selbst wenn er dabei links und rechts Ohrfeigen austeilt – sich selbst inbegriffen.
 
Wie überall muss ein guter Komödiant den Leuten aufs Maul schauen und sich ihre Sprechweise aneignen. Er äfft, unter anderen, die Inder und Araber nach – und ganz besonders auch die Perser. Naiv kann er, fast wie Saadi, die Logik burlesk auf den Kopf stellen, nur derber und weniger poetisch verbrämt.
 
Gegenwärtig gewinnt in England eine wachsende Reihe von persischen Komödianten, worunter Shazia Mirza und Tissa Hami, mehr und mehr Lacher auf ihre Seite, selbst in Amerika. Der ihnen eigene scharf gepfefferte Witz ist wirklich völkerverbindend. Er artet nicht zynisch aus.
*
Plötzlich hielt er inne und fragte das Publikum: „Hat es hier einen Iraker?“ Eine Stimme meldete sich. „Und du lebst noch?“
 
Omid lobte die persischen Katzen, aber er warnte, dass ja niemand sie iranische Katzen nennen sollten: Die vertragen Bomben!
 
„Jetzt wollen uns die Amerikaner belohnen, wenn wir die Uranzentrifugen aufgeben. Als Gegengeschäft bieten sie uns Handel an. Diesen Handel können wir allein viel leichter ankurbeln. Wir schicken ihnen einfach eine Ladung von Pistazien …“
 
„Natürlich will Iran in die Völkerfamilie aufgenommen werden – in die Nuklearfamilie …“
 
Zwischenhinein wechselt er das Thema und wies zum Beispiel auf die Beschneidung hin, die bis zu einem Drittel des Penis kosten kann. Hoffentlich wird dabei nicht das mittlere Drittel weg geschnitten.
 
Ich habe vergessen, in welchem Zusammenhang er sagte: „Ihr könnt mir allesamt in den Arsch steigen – aber bitte einer um den andern, nicht alle auf einmal!“
 
Im Londoner Stadtteil Finchley leben viele Araber, Perser und Juden. Beim Hinweis, dass der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad ganz Israel am liebsten ins Meer versenken möchte, unterbrach sich Omid: „Das ist doch merkwürdig, wenn man bedenkt, dass es Nord Finchley, West Finchley und Ost Finchley gibt – aber kein Süd Finchley" (genau dort, wenn ich es richtig mitgekriegt habe, leben die meisten Juden).
 
Auf einem Flug konnte Omid beobachten, wie islamische Frauen mit ihren Kopftüchern die Toilette aufsuchten – aber sie ohne Kopftücher verliessen. „Das ist doch eine Schande“, meinte er, „gibt ihnen doch Toilettenpapier!“
 
Dann schlug sich Omid zur Seite der Engländer, als er befragt werde, wen er in einem Fussballmatch zwischen Iran und England unterstütze. Natürlich England – aber das kostet £ 20 Millionen.
*
Mit einer Zwischenpause von 20 Minuten gelang es Omid, das Publikum während 90 Minuten zu bannen. Leider gelang es mir hier nicht, dem Leser und der Leserin eine besser ausgewogene Musterauswahl aus seinem reichhaltigen „Arsenal“ aufzutischen. Immerhin ist eine DVD verfügbar, die viele Lücken zu füllen vermag und für Gleichgewicht sorgt.
 
Am Ende seiner „One Man Show“ tanzte er spektakulär vor – musikalisch aus einem Lautsprecher untermalt – so, wie die Tänzer in einer persischen Diskothek sehr abwechslungsreich ihre Glieder verrenken, von ihrem unterschiedlichen ethnischen Ursprung getrieben.
 
Er verliess unter tosendem Beifall die Bühne mit dem Glas Wasser in der Hand, von dem er keinen Schluck genommen hatte.
 
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