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BLOG vom 25.03.2007


US-Zensur-Attacke, die danebenging und die brave SDA traf
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Das Land der unendlichen Freiheit und der freien Meinungsäusserung hat wieder einmal eine Zensurwaffe eingesetzt: Am 23. Januar 2007 um 8.45 Uhr fielen die Signale des Eutelsat-Satelliten „Hot Bird 8“ aus. Und damit konnten u. a. die Nachrichtenagenturen SDA und AFP (Agence France-Press) keine News mehr über den Weltraum verschicken.
 
Als eifriger Mediennutzer habe ich dies erst 2 Monate später, am 23. März 2007, aus dem „Tages-Anzeiger“ TA erfahren. Merkwürdigerweise fanden es selbst die betroffenen Agenturen nicht für nötig, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, obschon solch gravierende Vorgänge zweifellos eine Meldung wert wären. Und das Geschäft der Nachrichtenagenturen ist ja genau, über wichtige Vorgänge zu berichten, auch wenn sie das eigene Unternehmen betreffen. Dieses Schweigen der wichtigen Nachrichtenagenturen hat bei mir ungute Gefühle des Misstrauens ausgelöst: Werden die USA und ihr aggressives Verhalten immer noch mit Samthandschuhen behandelt?
 
Offenbar hat die Schweizerische Depeschenagentur (wie auch AFP) nur intern darüber berichtet; die Kunden und die weitere Öffentlichkeit hat sie an den Erkenntnissen merkwürdigerweise nicht teilhaben lassen. Laut TA heisst es im SDA-internen Geheimpapier: „Der Ausfall aller Übertragungen via Eutelsat-Satellit geht auf eine irrtümliche Attacke durch die US Army zurück.“ Da wurde also beim Einsetzen des Zensurhammers noch gepfuscht und einer der berühmten Kollateralschäden auf kommunikationstechnischer Ebene herbeigeführt. Und die geschätzte SDA, an der ich früher selber als Aargau-Korrespondent mitgearbeitet habe, fand das keiner Meldung wert ... Was ist da plötzlich los?
 
Aus dem offensichtlich mitteilungsfreudigeren TA war noch zu erfahren, dass an jenem 23. Januar 2007 der Nachrichtenfluss unverhofft abgebrochen war. Ein fremdes starkes Signal störte den Eutelsat-Satelliten, über den die SDA ihre Meldungen an ihre über 80 Kunden verschickt. Davon waren auch eine Reihe von Fernseh- und Radiosendern betroffen, die ihre Programme ebenfalls über diesen Satelliten verbreiten.
 
Der verstörte US-Störsender störte noch mehrere Tage weiter, erkannte seinen Irrtum nicht, und die Satelliten-Betreiber verschoben den Nachrichtenfluss auf eine normal funktionierende Sendeanlage des gleichen Satelliten.
 
Die Erklärung für diese weitere US-Zensurattacke: Seit langem ist der irakische Fernsehsender al-Zawraa der US-Armee ein Dorn im Auge. Denn auf seinen Videos explodieren amerikanische Humvees (überdimensionierte Militär-Jeeps, die im Irakkrieg eingesetzt werden), und es schiessen Vermummte ihre Granaten ab: Es sind Anschläge sunnitischer Rebellen auf die unerwünschten US-Truppen im Erdölland Irak. Der Sender lief bis vor kurzem über den ägyptischen Satelliten „Nilesat“.
 
Am 21. Januar hatte die „Washington Post“ mit Hinweis auf Mishan al-Jabouri, den Besitzer von al-Zawraa, mitgeteilt, dieser habe mit dem europäischen Satellitenbetreiber Eutelsat einen Vertrag zur Verbreitung seines TV-Senders abgeschlossen. In Tat und Wahrheit lief al-Zawraa bis dahin nie über den Satelliten „Hot Bird 8“, dafür aber ein anderer irakischer Fernsehsender, der fast gleich heisst: al-Zahra. Dieser wird nicht von Sunniten, sondern von Schiiten betrieben und gilt als nicht extremistisch. Deshalb liegt der Verdacht nahe, die Amerikaner hätten die beiden Fernsehsender verwechselt und den Satelliten gestört, um die Ausstrahlung des Widerstandssenders zu verhindern. Solche Verwechslungen arabischer Namen kommen zum Schaden der Betroffenen immer wieder vor; denn die meisten Amerikaner haben ja bekanntlich nicht eben ein grosses Talent im Erlernen von Fremdsprachen. Deshalb muss ja schliesslich auch die ganze Welt amerikanisch sprechen; das erleichtert die obrigkeitlichen Kontrollen.
 
Man kann al-Zawraa übrigens vorläufig noch weiterhin empfangen: zurzeit über einen Satelliten von Arabsat.
 
Erinnerung ans Bombardement von Belgrad
Die US-Army kann mit den Satellitenstörungen, für die grosse Energiemengen nötig sind, eine machtvolle Zensur ausüben. Man wird sich da in Zukunft noch auf einiges gefasst machen müssen. Noch 1999 wurden solche Interventionen über Befehle an die Satellitenbetreiber vorgenommen: Während der Bombardierungen von Belgrad durfte der serbische Fernsehsender „RTS“ von Eutelsat auf Nato-Geheiss nicht mehr in die westlichen Länder übertragen werden, auch wenn das nicht strategisch zu begründen war.
 
Laut einer damals von den westlichen Mainstreammedien kaum zur Kenntnis genommenen Mitteilung von Eutelsat sind Ende Mai 1999 nach der Intervention der Nato, einer internationalen und international finanzierten Kampftruppe unter US-Kontrolle, RTS Sat aus Serbien sowie Radio Beograd auf 11,596 GHz, h, „abgeschaltet“ worden.
 
Die US-kontrollierte Nato schrieb uns also schon damals vor, welche Fernseh- und Radiostationen der Westen zu sehen bekommen darf – nur die angepassten. Muss ich mir als Mensch, der in einem freien und (hoffentlich noch immer) neutralen Land zu leben den Vorzug habe, solche Zensur-Massnahmen bieten lassen? Wieso machen die Fernsehnetz-Betreiber da mit? Wieso regt sich niemand auf?
 
Die Amerikaner vernichten inkriminierendes Filmmaterial aus den von ihnen ständig angezettelten, völkerrechtswidrigen Kriegen laufend, und selbst Bilder von den Särgen toter US-Soldaten dürfen nicht publiziert werden, Zustände wie in der ehemaligen Sowjetunion und anderen kommunistischen Ländern.
 
Und wenn schon einseitige, tendenziöse Sender unzulässig sind, weshalb denn darf CNN eigentlich weitersenden?
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Globalisierung
31.12.2004: Bilanz 2004: Überhaupt nichts im Griff 
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