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BLOG vom 27.03.2007


Dubioser US-Immobilienmarkt: Alles Faule kommt von drüben
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Wie unvernünftige Kinder leben Millionen von US-Amerikanern gedankenlos in den Tag hinein. Die Banken haben bei geringen und wahrscheinlich auch bei vollständig fehlenden Sicherheiten Darlehen verteilt und sich in immer höhere Risikozonen hinein gewagt, bis die Schuldner immer neue Schulden zum Bezahlen der Schulden machen mussten. Die Hütten mussten verkauft werden, und die aufgeblasenen Preise begannen zu fallen wie überreifes Obst. Meistens werden die Wohnbehältnisse einfach der Bank überlassen, weil sie weit weniger wert als die Schulden sind. Mit anderen Worten: Die Immobilienblase platzt gerade. Oder nochmals anders gesagt: Das Kartenhaus fällt zusammen. Ein Frühlingslüftchen genügt.
 
Eine weitere Folge davon ist, wie am Montag, 26. März 2007, bekannt wurde, ein markanter Einbruch beim Verkauf von neuen Eigenheimen im Februar 2007 in den USA. Wer will noch bauen, wenn man die Sache nicht mehr los wird? Von dieser Nachricht wurde an jenem Montag kurz vor Feierabend die im Schlepptau der US-Vorgaben funktionierende Schweizer Börse SWX, welcher in brenzligen Situationen jedes Nationalbewusstsein und Selbstvertrauen zu fehlen scheint, in die Tiefe gezogen, genau wie bereits vor wenigen Tagen, als das Platzen der Immobilienblase bekannt geworden ist. Auch andere europäische Börsen spielen dasselbe Spiel mit; vor allem Finanzwerte litten. Wegen der Zeitverschiebung geschieht das auch in unseren Breitengraden gern im vorauseilenden Gehorsam.
 
Viele überschuldete Amerikaner können ihre Darlehen nicht mehr zurückzahlen. Deshalb geraten auch die Hypothekenfinanzierer in Schwierigkeiten, was wiederum auf die US-Volkswirtschaft Auswirkungen hat. Und allmählich wird offensichtlich, in welchem Ausmass die USA auf Pump und zulasten der übrigen Welt leben.
 
Im 4. Quartal 2006 waren bereits mehr als 13 Prozent der US-Hausbesitzer mit den Zinszahlungen in Verzug; von Kreditrückzahlungen (Abstottern) sprach schon damals niemand mehr. Das kann man vergessen. Im Januar 2007 standen in den USA rund 4,1 Millionen Häuser zum Verkauf, davon rund 536 000 neu gebaute bzw. kürzlich hingestellte. Ich würde die meisten Lotterhütten US-amerikanischer Bauart nicht einmal geschenkt annehmen. Und die Immobilienkrise schwemmt immer weitere Hütten-Verkaufsangebote auf den Markt; denn aus ihrem Absicherungsbedürfnis heraus haben die Banken die Hypothekarzinsen im Fäulnissektor deutlich angehoben. Etwa 25 US-Hypothekenfirmen, die auf Risikokredite spezialisiert sind, sind inzwischen insolvent oder auf der aussichtslosen Suche nach Käufern, die noch einen anständigen Preis zu bezahlen bereit sind. Die Geldgeber ihrerseits fordern jetzt plötzlich serienweise ihre Kredite zurück. Die US-Notenbank hatte mit ihrer Niedrigzinspolitik die Voraussetzungen für den florierenden Kredithandel gelegt.
 
Der US-Hypothekenanbieter New Century wird von diesen Entwicklungen zur Zeit dem Bankrott entgegengetrieben; da scheint das neue Jahrhundert bereits unterzugehen. Immobilienfinanzierer verleihen nämlich in der Regel Geld, das sie sich selbst bei Banken geliehen haben, und diese wiederum holen das Geld auf dem Anleihensmarkt herein – so ist alles vernetzt und auf Sand gebaut. Der frühere rabulistische Notenbankchef Alan Greenspan befürchtet, dass die Krise bei weiter steigenden Ausfallraten und gleichzeitig fallenden Immobilienpreisen auf die gesamte Finanzbranche übergreifen könnte; er kann sich jetzt ja etwas klarer ausdrücken als früher, als das Mauscheln sein Markenzeichen war.
 
Zweifellos wird die ganze Branche in Mitleidenschaft gezogen. Der Hypothekenanbieter Accredited Home Lenders kündigte ebenfalls an, frisches Geld zu benötigen, und Countrywide begann mit dem Stellenstreichen, wie es sich bei solchen Gelegenheiten gehört. Und das alles sind weitere Stiche in die Blase. Denn Investmentbanken haben faule Investmentkredite gehandelt und daran hervorragend verdient. Dort fallen die Preise jetzt ebenfalls. Warum gibt es bei uns Nachäffern eigentlich keinen lukrativen Handel mit garantiert faulem Obst, das gerade jetzt in unseren Kellern anfällt, wenn wir uns schon als ewige und gelehrige US-Schüler verstehen?
 
Die Wohnhäuser in den USA haben mich schon immer an Kartenhäuser erinnert; die Wirbelstürme haben dort ein leichtes Spiel. Als ich meine Frau und meine Töchter, die 1987 zum ersten Mal in den USA waren, mit einem lottrigen, rostigen, verbeulten Mietwagen von Boston aus gegen Norden chauffierte, hatten wir eine interne Auseinandersetzung: Das seien mobile Ferienhäuser, behauptete Eva; ich hingegen wusste, dass normale Wohnhäuser in dieser Qualität gebaut werden. Eva konnte das nicht glauben. Als sie in der Folge andere Muster US-amerikanischen Qualitätsbewusstseins erlebt hatte, änderte sie ihre Meinung. Was es in diesem Zusammenhang mit solchen Wohnbauten spekulativ hochzutreiben gilt, ist mir zwar schleierhaft. Aber das gelang gleichwohl.
 
Im Prinzip könnte uns das alles gleichgültig sein. Doch der Gag ist, dass sich die ganze Welt an den Rand des Abgrunds ziehen lässt, wenn wieder eine der unzähligen US-Dummheiten, mit denen die ganze Erdbevölkerung verrückt gemacht wird, auffliegt. Ausländische Banken (auch die Schweizer) konnten sich gar nicht genug amerikanisieren und haben immer wieder die US-Not zu lindern. Die Welt bezahlt das US-Debakel auch immer noch über den an sich wertlosen Dollar, der gestern Montag weitere Einbussen erlitt und sich seinem tatsächlichen Nullwert weiter annäherte.
 
Das andere Bemerkenswerte ist der Umstand, dass die Weltkonjunktur stottert, wenn es den Amerikanern nicht mehr gelingt, auf Pump (auf der Basis von so genannten Lügner-Darlehen) und damit auf Fremdkosten zu leben, wenn es also mit dem Powershopping (Kauf mit Raketenantrieb aus dem Kreditinstitut) vorbei ist. Die untere Mittelschicht wird auf einen Verarmungskurs getrimmt; Schuldner geringer Bonität (Subprimes) müssen sich etwas einfallen lassen oder sie fallen durch die Maschen. Sie erwachen dann aus dem amerikanischen Traum vom Eigenheim und können sich auch sonst nichts mehr an luxuriösen Lustbarkeiten leisten, das über den Grundbedarf hinausgeht.
 
Und darin erkennen die Börsianer Anzeichen von Rezession und stossen die Aktien an den Meistbietenden ab. Es geht jeweils an einem schönen Nachmittag und Abend MEZ an der Wallstreet los, geht in der Nacht in Asien weiter und wird am nächsten Vormittag von den Börsen in Europa getreu nachvollzogen. Und man wartet dann ab Mittag wieder auf die Vorgaben aus den USA, woher alles, was faul ist, schliesslich kommt. Wenn die Amerikaner ihr Breakfast aus der Icebox nehmen, ist bei uns bald Abend, was die Koordination erschwert.
 
Der Dominoeffekt spielt in all seinen Ausprägungen – der Immobilieneffekt wird die gesamte US-Wirtschaft treffen, ein klarer Fall. Und auch wenn sich die New Yorker Börse über alle Gefahren hinwegsetzt, folgen ihr die übrigen Märkte. Die Analysten sind meistens Kopisten.
 
Aber eines ist ganz sicher: Unser Vorbild lassen wir uns zusammen mit den übrigen westlichen Ländern nicht nehmen. Wir laufen tapfer hintendrein – und seien der intellektuelle und wirtschaftliche Abgrund noch so tief, in den die Reise über allerhand Umwege, Irreführungen und Verzögerungstaktiken führt.
 
Hinweis auf weitere Blogs zu Börsenaussichten
27.02.2006: Finanzperspektiven 2006: Freut Euch des Anlegens!
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