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BLOG vom 29.03.2007


Unruhestiftung im Bodenleben: Mit dem Spaten im Garten
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Die gefiederten Freundinnen und Freunde dürfen in der Schweiz endlich wieder ins Freie, soweit sie nicht ohnehin in geschlossenen Ställen gefangen sind, Vogelgrippe-Erfindung hin oder her. Frische Luft! Etwas Sonne! Und ich wollte da nicht hintan stehen. Der Hausgarten rief mich ebenfalls. Das Rotkehlchen, das mich bei Gartenarbeiten seit Jahren begleitet, ist schon da. Wir hatten letztes Jahr in einer abgewandelten Form von Dreifelderwirtschaft einem Teil des Gemüsegartens ein Ruhejahr gegönnt. Aber jetzt musste etwas unternommen werden, wenn die Verbuschung verhindert werden soll. Ich habe wieder bestätigt erhalten, dass es in unseren Breitengraden keine Kahlflächen gibt. Die Natur bringt Wachstum hervor, bedeckt alles. Ich sah mich also zum Umgraben genötigt. Sonst werde ich demnächst in einem Wald leben.
 
Es heisst zwar, man würde das Umspaten des Bodens, wenn schon, gescheiter im Herbst erledigen, damit das Grobschollige während des Winters zerfallen könne. Und überhaupt sei das Umgraben nicht der ökologischen Weisheit letzter Schluss, weil dabei die Bodenbakterien, die gern in der Tiefe leben würden, nach oben geholt werden – und umgekehrt. Man bringe also das ganze Bodenleben durcheinander, weil ja jede Bodenzone ihre speziellen Bodenlebewesen hat. Das leuchtet ein.
 
Ich setzte mich notgedrungen über alle diese Bedenken hinweg, holte einen währschaften Spaten (Stechschaufel) und einen Kessel für den Abraum aus dem Geräteschopf und begann in einem Anfall unwahrscheinlichen Tatendrangs mit dem Einstechen in den Boden. Mein Arbeitstempo war beachtlich. Weil ich fast 90 kg auf die Waage und somit auch auf die Schaufel bringe, verschwand die Schaufel im Boden, als ob es sich um Biobutter handle. Ich hatte sogar noch erhebliche Reserven, muss mich also nicht um eine weitere Gewichtszunahme bemühen. Die Muskelpakete, die auch gewichtsmässig nicht zu unterschätzen sind, schwollen bedrohlich an.
 
Sogleich begegnete ich fetten Regenwürmern, die da etwas frühlingsmüde herumzukriechen und ihre Aufgabe als „Pflüge der Natur“ nicht so richtig ernst zu nehmen schienen. Ich las ihnen ein Zitat von Charles Darwin vor: „Es ist ein wunderbarer Gedanke, dass sämtlicher Humus der oberen Bodenschichten durch die Regenwürmer gegangen ist und wiederum innert einiger Jahre die Körper der Würmer passieren wird. Der Pflug ist eine der ältesten und wertvollsten menschlichen Erfindungen. Doch lange bevor der Pflug existierte, wurden die Böden regelmässig gepflügt, und sie werden immer fortwährend durch die Regenwürmer gepflügt.“
 
Meine persönlichen Regenwürmer fühlten sich gebauchpinselt, sind mit dieser Aufgabe offensichtlich etwas überfordert, obschon sie wegen der konsequenten Agrochemikalienfreiheit und der Fütterung mit hausgemachten Kompostgaben bei uns doch ideale Verhältnisse vorfinden. Ich redete ihnen also gut zu, währenddem sie die gelockerte Erde zu geniessen schienen. Sie glänzten, als ob sie aus dem Bad gekommen seien, gruben sich wieder ein, der wärmenden Frühlingssonne aus dem Weg gehend, und winkten mir noch mit ihrem Körperende, bevor sie in der kühlen, feuchten Erde verschwanden. Vielleicht ist der Lumbricus terrestris, wie der Regenwurm von den Wissenschaftlern genannt wird, hinsichtlich Einsatzbereitschaft heute auch nicht mehr, was er einmal war. Aber möglicherweise tue ich ihm Unrecht, und es liegt an der ungenügenden Vorarbeit der Mikrohelfer im Boden, welche das bodenbiologische Durcheinander als Regenwurmnahrung vorzubereiten haben, die dann als feinster Humus wieder im Garten erscheint. Der saure, mit Feinstäuben vermischte Regen und was sonst noch an Fallout aus der Luft auf dem und im Boden landet, hat ebenfalls seinen Einfluss.
 
Jedenfalls fühlte ich mich aufgerufen, meinen Freunden und Helfern beim Bodenlockern zu helfen, auch um den Druck vonseiten der wild wachsenden Beikräuter im Zaune zu halten. Weil ich einmal in der Zeitung der „Schweizer Bauer“ (24. Januar 1998) gelesen hatte, dass unverrottete organische Substanzen keinesfalls in tiefere Schichten gebracht werden dürfen (wahrscheinlich weil sie dort unten bei Sauerstoffmangel an Fäulnis leiden könnten), schüttelte ich die Erde von den Wurzeln der Bodenbedecker ab und gab sie in den Kessel und brachte sie dann zum Komposthaufen.
 
Bei meinen Eingriffen in die fragile Unterwelt tröstete ich mich mit dem Gedanken an die leider vor einigen Jahren verstorbene Gartenfachfrau Brunhilde Alonso, die einmal schrieb, oft gehe es ohne mechanische Bodenhilfe nicht – trotz Regenwürmern, Asseln, Schnecken, Tausendfüsslern, Springschwänzen, Milben, Fadenwürmern, Bakterien, Pilzen und Algen: „Bei nassen, schweren Böden kann das Spaten sinnvoll sein“, schrieb die leidenschaftliche Gärtnerin, die gut beobachtete. Manchmal genüge es allerdings, die Grabgabel in die Erde zu stechen und sie vor und zurück zu bewegen. Anderweitig wird der Sauzahn empfohlen, ein gebogenes Werkzeug mit einer kleinen Scharspitze, welche durch den Boden gezogen wird, eine mühselige und meines Erachtens eher unergiebige Arbeit. Eine Bodenfräse lehnte Brunhilde Alonso konsequent und mit guten Begründungen ab, da diese mit ihren schnell drehenden Klingen die Erde in eine undurchlässige Sole verwandle. Und die Würmer zerstückelt. Lockernde gemischte Gründüngungen wären da schon sinnvoller und schonender.
 
Mein verwildernder Garten aber erforderte das Umdrehen der Erde, auch wenn das vom naturverbundenen Gerhardt Preuschen in „Das neue Bodenbuch“ als „nicht ideal“ heruntergemacht wird. Wenn man nicht allzu tief einsteche, sei das allerdings nicht schlimm, fügte er bei. Ich zerschlug jede Scholle von etwa 2 Kubikdezimeter Volumen mit dem Spatenrücken, las die Wurzeln aus den Erdtrümmern heraus, und unnützerweise ebenso allfällige mit dem Kompost hinzu gekommene Tonscherben, die für Archäologen ein gefundenes Fressen gewesen wären.
 
Ich dachte, ich würde es schaffen, den Garten in einem einzigen Nachmittag umzuwerfen, doch dieses ständige Einstechen, Umdrehen, Zerschlagen und Herauslesen von Wurzelmaterial erforderte wesentlich mehr Zeit als erwartet. Ich schaffte vorerst etwa einen Drittel der unförmigen Gartenanlage, die etwa 75 m2 umfassen mag. Pro Quadratmeter sind etwa 100 Einstiche in den Boden nötig, insgesamt wären es also etwa 7500. Hinzu kommen ebenso viele Rumpf- und Kniebeugen mit Absenken in die Hocke, eine Dauergymnastik, die mir wohlbekam.
 
Ich lege die ausgehobene Erde immer etwa 10 cm von mir weg, so dass bei der Einstichkante ein kleiner Graben entsteht, was die Übersicht über das Innenleben der mit dem Spaten zerschlagenen Erdschollen verbessert und das Sortieren erleichtert. Der Blick ist also immer auf die bereits gelockerte Fläche gerichtet, und man erlebt deren flächenmässiges Wachstum mit. Ein stolzes Gefühl. Ich wagte nur nicht, hinter mich zu schauen, auf den noch unbearbeiteten, verdichteten und dicht überwachsenen Teil, der nicht so recht abnehmen wollte. Mit anderen Worten: Ich wollte also hinter mir nicht sehen, was ich noch vor mir hatte. Ich freute mich stattdessen an den Gästen, so an einer Wildbiene, die sich auf einer Löwenzahnblüte niederliess, an einer einsamen Feuerwanze, an einem Zitronenfalter und einem Tagpfauenauge, die zu meiner Überraschung bereits unterwegs waren, sodann an 2 Zauneidechsen, die aus meinen Bruchsteinmäuerchen, die den Garten begrenzen und ihnen als Wohnlabyrinth dienen, an die Sonne krochen und mir bei der Schwerarbeit zusahen.
 
Viele unbestellte Beikräuter sind gute Durchwurzler, und die zahllosen Feinwurzeln verhelfen zu einem artenreichen Bodenleben. Doch daneben gibt es ausgesprochene Wurzelwildkräuter, deren Wurzeln entfernt werden müssen. Man beachte, dass ich den despektierlichen Begriff „Unkraut“ strikte vermeide. Auch die Ausläufer des Giersch („Zipperleinskraut“) mit seinem wuchernden Rhizom ist nicht unbedingt gern gesehen, falls man ihn nicht gerade als Heilpflanze gegen Gicht benötigt. Auch das Franzosenkraut (Behaartes Knopfkraut, Galinsoga ciliata), ist in Gemüsegärten weniger willkommen; ich hoffe, mit dieser Feststellung nicht den Eindruck zu verstärken, die Schweiz sei ein wirklich rassistisches Land. „Ich liebe Frankreich“, möchte ich festhalten, nicht nur um einer Anklage wegen Rassismus vorzubeugen, sondern weil es tatsächlich so ist.
 
Eva kam gelegentlich zu einem Kontrollrundgang vorbei, vor allem um sich zu vergewissern, ob die fleischigen Wurzeln von Winden, Straussgras usf. gründlich genug aussortiert worden seien. Sie spornte mich zu differenzierteren Leistungen an, zumal ich in Sachen Eingriffe in die Natur immer eher zurückhaltend bin. Meines Erachtens weiss die Natur nämlich besser, was in einer bestimmten Lage zu tun ist. Und je mehr wir eingreifen und die obersten 30 cm Boden, von denen wir leben, in Aufruhr bringen, desto intensiver müssen unsere Folgeeingriffe sein, ein Teufelskreis.
 
Eine Retrospektive zu diesem Thema: Dem aus dem Gleichgewicht geratenen Bodenleben und der gestörten Bodenchemie war im Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH eine Tagung gewidmet, über die ich am 9. Januar 1985 im „Aargauer Tagblatt“ unter dem Titel „Den Boden wie der letzte Dreck behandelt“ berichtet habe. Bei jener Gelegenheit sagte Prof. Hans Sticher vom ETH-Laboratorium für Bodenkunde in Zürich: „Die hohe Kunst der Landtechnik hat ein ‚neues Gleichgewicht’ geschaffen, das aber äusserst labil ist und nur unter beträchtlichem Einsatz von Kapital, Energie und Arbeit aufrechterhalten werden kann.“
 
Es geht also – wie überall – um Gleichgewichte, und ich kam mir beim Umgraben wieder einmal als Störenfried vor, der zwar etwas tat, was er tun musste, und das, was er tat, war nicht über alle Zweifel erhaben, geschah rein aus dem Bedürfnis nach eigenen Salaten, Rettichen, Kohlköpfen und dergleichen Lustbarkeiten wie chemikalienfreien Kartoffeln. Hinter mir bohrten sich bereits Rhabarberstangen mit zerknitterten dunkelgrünen Blättern kraftvoll aus dem Boden und versprachen mir gute Wähen, um mich über alles Ungemach hinwegzutrösten. Mein Schwanken zwischen Gartenfreuden und dem Kampf gegen die Natur entschwand in die Gefilde der Gastronomie, die als Triebkraft für menschliche Verhaltensäusserungen nicht unterschätzt werden darf.
 
Ich hatte, den Spaten schwingend, über vieles nachzudenken, verhedderte mich im ökologischen Wissen, das sich in den vielen Jahrzehnten publizistischer Tätigkeit wie zu einem grossen Komposthaufen zusammengefunden hatte und spürte, dass sich mein Umgraben und Aussortieren allmählich verlangsamte. Als sich dann am frühen Abend Schwärme von kleinsten Stechmücken um mich scharten und mich wie Milben im Knöchel- und Halsbereich zu stechen begannen, selbst durch Kleider hindurch, beendete ich mein Umstechen für heute. Denn das Kratzen hätte zu einer weiteren Verlangsamung geführt, so dass der zeitliche Aufwand und der Arbeitsertrag in keinem vernünftigen Verhältnis gewesen wären.
 
Mutter Erde wurde vorübergehend in Ruhe gelassen – bis morgen. Ich werde dann weitergraben und mir dabei neue Gedanken über Gartenfreuden und das menschliche Naturverständnis machen.
 
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