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BLOG vom 12.04.2007


Die Augen bitte nach oben: Zur Technik des Kartoffelsetzens
Autor: Walter Hess, Biberstein AG (Textatelier.com)
 
Habe ich jetzt gerade Kartoffen gesät? Habe ich sie gesetzt? Oder gesteckt? Die deutsche Sprache bewältigt das nicht. Ehrlich gesagt: Ich habe Bio-Saatkartoffeln in vorbereitete Furchen gelegt, in handgezogene und mit Bio-Design. Mit schönem Schwung. Ich bin überzeugt, dass sich keine einzige Biokartoffel finden lässt, die sich in einer schnurgeraden Reihe wohlfühlt. Entsprechend dürften der Ertrag und die Qualität ausfallen.
 
Eva brachte heute Vormittag je 2,5 kg Bio-Saatkartoffeln der Sorten Désirée und Nicola (Kosten pro Paket: 10.90 CHF, Gärtnerei Wyss, Aarau) von einer Einkaufstour mit. Ich schlug vor, diese etwas schrumpeligen Knollen vorsichtshalber gleich zu Gschwellti (gedämpfte Kartoffeln), Salzkartoffeln oder Bratkartoffeln (Sorte Nicola) beziehungsweise zu Kartoffelgratin, Pommes Frites, Kartoffelstock, Rösti (Désirée) zu verarbeiten. Was man hat, das hat man. Der Ratschlag war begründet: Schon einmal hatten wir Saatkartoffeln gesteckt (gesät?), und am Schluss haben wir ungefähr dieselbe Menge aus dem Boden gezogen wie wir in ihn eingearbeitet hatten, allerdings nicht genau dieselben Knollen. Anzahlmässig war es etwa die doppelte Menge, dafür höchstens halb so grosse. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.
 
So sind die Frauen: Sie wollen mehr, gehen aufs Ganze und riskieren sogar Saatkartoffeln.
 
Dem häuslichen Frieden zuliebe gab ich nach und übergab die Saatkartoffeln der kühlen Erde, ohne ihnen eine sanfte Ruhe zu wünschen. Ich hatte in den letzten Tagen, während der seelischen Vorbereitung der Pflanzaktion, aus verschiedenen Gesprächen mit Bekannten erfahren, dass man die Kartoffelreihen in einem Abstand von 55 bis 60 cm ziehen sollte, und die einzelnen Kartoffeln wären dann im Abstand einer Schuhlänge in den Graben zu legen, etwa 5 bis 10 cm tief. Das war nun wirklich keine Sache. Meine kürzlich umgegrabene und mürbe Gartenerde wich der Pflanzhacke fast von selbst aus; dieses abgewinkelte Werkzeug erinnert an die überdimensionierte Ausgabe eines Geräts, wie man es zum Kratzen an unzugänglichen Stellen des eigenen Rückens verwendet. Die Gräben waren bald empfangsbereit und der Setzzeitpunkt richtig. Das Ende der Frostgefahr war meines Erachtens angekommen.
 
Die in den gelochten Plastiksäcken wartenden Saatkartoffeln hatten etwa 0,5 bis 1 cm lange Keime entwickelt, so dass mir ein Vorkeimen unnötig zu sein schien. Das hatte sich offensichtlich schon im Laden erledigt. Also legte ich Kartoffel um Kartoffel in die Furchen, als würde es sich um rohe Eier ohne Schale handeln. Dabei achtete ich darauf, keinen Keim zu verletzen und diese aus den Augen wachsenden Hoffnungsträger in Weiss nach oben auszurichten. Wenn sie nach beiden Seiten schauten, stellte ich die Kartoffel in den Graben, damit sie sich seitwärts entwickeln konnten. Allmählich wurde mir bewusst, dass der vorbereitete Platz nicht ausreichte (2,5 kg Saatkartoffeln brauchen eine Biosphäre im Umfang von etwa 10 Quadratmetern). Und es wurde mir klar, weshalb während der Anbauschlacht während des 2. Weltkriegs in der Schweiz so viel Land umgegraben werden musste. Sogar im Klostergarten St. Gallen wurden Kartoffeln angebaut, eine Überlebensübung. Die Kartoffeln waren während des Kriegs in der Umgebung der Schweizer Grenzen unsere Lebensversicherung. Und uns werden sie, gut 60 Jahre später, als Delikatessen dienen. Falls etwas daraus wird.
 
Nun erinnerte ich mich während des Aussetzens glücklicherweise daran, dass das Distanzmass „1 Schuhlänge“ dehnbar ist oder auch verkleinert werden kann. Zwischen meinen Schuhen (Grösse 43) und jenen Evas (38) längenmässig sind Welten. Also entschied ich mich für die Schuhnummer 36 und brachte die Kartoffeln in entsprechend kürzerer Distanz unter. Schliesslich können sie sich ja in der Breite fast beliebig ausdehnen.
 
Aber selbstverständlich hängte ich diesen Trick nicht an die grosse Glocke. Ich bedeckte die Kartoffeln mit der Erde, ja häufelte sie sogar leicht an, damit ich mich später daran erinnern kann, wo ich sie dem Boden übergeben habe: im oberen Teil des Gartens die Désirée (blaue Packung) und unten die Nicola (grün). Ich werde sie später weiter anhäufeln, falls sie sich mit etwas Kraut bemerkbar machen sollten. Dann hätten sie etwas Aufmerksamkeit verdient. Und ich habe mich gemäss Packungsaufschrift auch darauf eingestellt, 3 Wochen vor der Ernte das Kraut (falls sich solches meldet) wegzuschneiden. Wie ich diesen Zeitpunkt bestimmen kann, wird zu einer ernsthaften Herausforderung werden. Dadurch sollen die Speise- und die Lagerqualität noch gefördert werden, wie ich auf der Packung gelesen habe.
 
Mein Hoffen auf eines der Naturwunder und meine Zuversicht kennen im Moment keine Grenzen. Ich wünsche mir Temperaturen, welche die Kartoffeln zu wachstumseuphorischen Höchstleistungen anspornen und danke im Voraus dem richtig dotierten Regen, der die Saat am Austrocknen hindert, ihr Wachsen stimuliert und gleichzeitig verhindert, dass sie wässrig werden.
 
Und sonst werden wir die Kartoffeln weiterhin bei einem Biobauern in der Nähe kaufen. Sie, die Biobauern, müssen schliesslich auch gelebt haben.
 
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