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BLOG vom 27.05.2007


Kunstvolles literarisches Gewebe zum Thema Reinkarnation
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Ob ich einen Liebesroman lesen würde, der sich mit Reinkarnation, Schuld und Vergebung befasse und zum Teil in Nazideutschland spiele, fragte mich vor wenigen Monaten der Zürcher Autor, Texter und Redaktor Martin Weber (* 1969). Wir unterhielten uns über die Themen, die ich für die von ihm inhaltlich geleitete Zeitschrift „1A!Aargau“ zu behandeln habe. Fragen zum Übergang der Seele eines Menschen in einen neuen Körper und eine neue Existenz würden mir nicht gerade unter den Nägeln brennen, antwortete ich, und der Nationalsozialismus stehe ebenfalls nicht im Zentrum meines gegenwärtigen Interesses. Antwort also: „Eher nein.“
 
Und es kam, wie es kommen musste: Oft wird man zu seinem Glück gezwungen. Gestern lag das Buch „Robert & Albert oder Die Befreiung“ mit einer freundlichen Widmung in meinem Briefkasten. Das Titelblatt ist längs zweigeteilt, die Motive abgesoftet. Unter einem Hakenkreuz und dem Ausschnitt des Gesichts einer schönen jungen Frau sind zwei ebenfalls junge Männer zu sehen, der eine trägt – wenn man genau hinsieht – eine SS-Uniform. Daneben ist eine Taschenuhr abgebildet, die wohl den Zeitsprung symbolisiert und die auch im Buch eine Rolle spielen wird, wie ich bald erfahren sollte. Denn von Neugierde gepackt wollte ich das Buch nicht lange ungelesen lassen.
 
In der blauen Stunde des Abends, nachdem ich meine Kartoffelpflanzen gehäufelt hatte, um ihnen unterirdisch mehr Platz für ein neues Leben und Gedeihen zu geben, griff ich zum Buch. Was für einen Stil schreibt Martin Weber? Das Buch beginnt mit der Schilderung eines Kegelabends von Bankangestellten in Berlin – detailliert und treffend beschrieben, bis hinein ins Innenleben der Hauptfigur Robert, einem jungen Angestellten. Roberts Wahrnehmung verändert sich plötzlich: Das Bild der fallenden Kegel wird überblendet von Bildern eines Schlachtfeldes – Menschen, die von Kugeln getroffen zu Boden fallen. Die Geschichte ist ins Rollen gebracht. Als die Banker danach in einer Kneipe in bierseliger Runde den Abend ausklingen lassen, begegnet Robert der geheimnisvollen, schönen Albana aus dem Kosovo, die seine Gefühlswelt komplett durcheinander bringt, obwohl er die junge Frau zuvor noch nie gesehen hatte.
 
Da ist einer, der schreiben kann, dachte ich, und las weiter. Der Leser wird mitgenommen, mitgerissen, und ich habe das 96 Seiten umfassende, in kleine Kapitel gegliederte Buch in einem Zuge verschlungen, sozusagen „ex“ getrunken und bin dann langsam aus der Trance erwacht.
 
Die Geschichte, die zunehmend zu einer verschachtelten Geschichte über eine Liebe wird, die auf Erfüllung wartet, spielt in einem früheren und im jetzigen Leben von Robert. Visionen und Stimmen lassen Sequenzen aus seinem vorangegangenen Leben als SS-Soldat Albert Klein aufleuchten, der eine verbotene Liebesbeziehung zur Jüdin Yael hatte. Albert verriet jedoch diese Liebe und trug sogar Mitschuld an der Ermordung Yaels im Konzentrationslager Ravensbrück. Die dunkle Vergangenheit flackert in Roberts Gegenwart immer wieder auf, einer Gegenwart, die in einem dekadenten Umfeld spielt, welches allein schon Stoff für einen ausgewachsenen Roman geboten hätte. Robert ringt mit sich selbst: Im beruflichen Umfeld locken Geld, Macht und gekaufte Liebe, gleichzeitig entdeckt er seine wahre Liebe zu Albana, die vor den Gräueltaten des Kosovokrieges nach Deutschland geflohen ist, und damit seine eigentliche Aufgabe. Diese Zerrissenheit ist Bestandteil des Doppellebens und -schwebens in 2 verschiedenen Zeitabschnitten. Schuld, Liebe, Hass, Opfer, die zu Tätern werden und umgekehrt: Das sind die Elemente, die den Leser in ihren Bann ziehen und festhalten.
 
Komprimiert man den Buchinhalt auf einige Schlagworte, mag es verwirrlich wirken. Doch das Werk ist stringent geschrieben, ausformuliert, detailgenau. Weber ist das Kunststück gelungen, das komplexe Gewebe so aufzudröseln, dass alles folgerichtig ist und das Lesen zu einem gleichermassen faszinierenden wie spannenden Erlebnis wird, einem glasklar aufgebauten Kriminalroman ähnlich. Der Leser ist der Beobachter, der ernst genommen wird, der in einer aufs Wesentliche reduzierten Sprache alles erfährt, alles versteht und ständig am Geschehen teilnimmt, das Buch also nicht zur Seite legen kann, bis sich die zunehmend dramatischeren Geschehnisse abgerundet haben.
 
Das ist gute, beste Literatur, weit abseits des abgedroschenen Gut-Böse-Schemas. Der Roman ist vielschichtig in mancherlei Beziehung, anspruchsvoll beim Versuch, den Inhalt zu verstehen, aber durch seinen wohlgeordneten Aufbau und Ablauf durchschaubar.
 
Martin Weber sagte mir damals, es sei alles frei erfunden, und die Interpretation sei vollständig dem Leser überlassen. So wird jedermann seinen eigenen Roman lesen und sich dazu seine eigenen Gedanken machen. Gibt es ein Leben nach dem Leben? Müssen Fehler und Sünden aus einem vorangegangenen Leben aufgearbeitet werden? Trifft man in einem nächsten Leben wieder die gleichen Menschen respektive „Seelen“? Und was kommt im Leben nach dem Leben nach dem Leben? Hört der Kreislauf nie auf? Gibt es Grund zur Verzweiflung? Gibt es Trost? Gibt es Hoffnung? Wer ist wofür verantwortlich?
 
Weber fordert auf, Begriffspaare wie Täter/Opfer, Schuld/Sühne und Liebe/Hass neu zu hinterfragen. Darin liegt die Bedeutung dieses erstaunlichen Werks.
 
Hinweis
Das Buch „Robert & Albert oder Die Befreiung“ (ISBN 987-3-939305-17-0) ist in der Berliner Edition Lithaus zur Buchmesse Leipzig 2007 erschienen (www.lithaus.de, „Buchshop“ und „Neuerscheinungen“ anklicken). Kosten: 9,90 Euro plus 3 Euro Versandkosten. Für den Versand innerhalb der Schweiz gibt es einen einfacheren und schnelleren Weg: 20 CHF in ein Couvert stecken, Absender nicht vergessen und mit dem Vermerk „Buchbestellung“ senden an Martin Weber, Samariterstrasse 31, 8032 Zürich.
 
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