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BLOG vom 11.06.2007


Nöte mit handfesten Archiven, die aus allen Nähten platzen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Es ist alles nur geliehen hier auf dieser schönen Welt!
Es ist alles nur geliehen, aller Reichtum, alles Geld.
Es ist alles nur geliehen, jede Stunde voller Glück
musst du eines Tages gehen, lässt du alles hier zurück.“
Lied-Text von Heinz Schenk
 
Das abgedroschene Wort „loslassen“ ruft bei mir Anzeichen von nachhaltiger Übelkeit hervor, nicht nur es weil überall ständig gedankenlos nachgeplappert und auf unschuldige Menschen losgelassen wird, sondern vor allem, weil der prägende Ausdruck für die blödsinnige, energieverschwenderische Wegwerfkultur der Industriegesellschaft steht und auf die Beziehungsarmut bis Beziehungslosigkeit dieser Zeit hinweist, die sich unter anderem auch in ständig wachsenden Scheidungsraten manifestiert. Auch Partner gehören zur Wegwerfware, falls es gerade einmal kriseln sollte. Unter anderem. Echt innovativ. Selbst die Leihgaben, von denen der deutsche Showmaster Heinz Schenk einmal sang (siehe Eingangszitat), stehen auf wackeligen Füssen. Im Blog vom 13.9.2005 habe ich mich des Themas bereits angenommen; doch es ist zu facettenreich, um in einem einzigen Tagebuchblatt abgehandelt zu werden. Und so will ich hier aus aktuellen Anlässen einige Nuancen hinzufügen.
 
Inzwischen habe ich mich oft in historischen Bauten umgesehen, in Museen, Klöstern, Patrizierhäusern sowie Bibliotheken und war von Bauten, Räumen, Einrichtungen und Gegenständen fasziniert, die prallvoll mit Geschichte aufgeladen und durch den Verlauf der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte geadelt worden sind. Es braucht wahrhaftig viel grosse Portionen an Glück und Zufällen, bis ein Haus oder gar ein Gegenstand historische Zeiträume heil überstehen kann. Die allermeisten Bauten sind abgebrannt, in Kriegszeiten zerstört, dem Zerfall überlassen oder aus irgendwelchen Gründen abgerissen worden. Und damit ist auch ihre Geschichte im Eimer, in Rauch und Asche aufgegangen, für immer.
 
Ich habe selber erfahren müssen, dass man nicht alles an Wertvollem, was sich im Verlaufe eines langen Lebens ansammelt, aufbewahren kann, allein schon aus Platzgründen. Die Bedürfnisse ändern sich, vieles kommt ausser Gebrauch und sieht in einer Rumpelkammer einer ungewissen Zukunft entgegen. Dabei kann man davon ausgehen, dass sich die Nachkommen in der Regel nicht dafür interessieren, schon weil die Beziehung dazu fehlt und die nutzlosen Sachen als Last empfunden werden. Zudem wollen sie wahrscheinlich ihre eigene Geschichte aufbauen und sich nicht mit Gegenständen belasten, die ihnen nichts bedeuten.
 
Als meine Eltern gestorben waren, fiel der ganze Hausrat an mich, was zwar erbrechtlich nicht in Ordnung war; aber mein im Ausland lebender einziger Bruder wollte und konnte nichts davon übernehmen. In meiner Familie hat es noch nie die geringste Auseinandersetzung darüber gegeben, wer was bekommt, sondern die Diskussionen drehten sich höchstens darum, wer was zu übernehmen hat ... Somit würden wir für unsere speziellen Bedürfnisse ein ganz besonderes Erbrecht brauchen. Aber bisher waren wir noch immer in der Lage, alles nach eigenem Gusto zu regeln, und das wird aller Voraussicht nach so bleiben.
 
Ich wusste, was unseren Eltern dieses oder jenes Möbelstück oder bestimmte Gegenstände bedeutet hatten, aber ich musste damit abfahren, wie man sagt. Das war kein Loslassen nach modernem Verständnis, sondern einfach das Resultat des räumlichen Zwangs: In eine Literflasche bringt man nur 1 Liter und nicht mehr – und Platz ist nicht so leicht aufzutreiben wie leere Flaschen.
 
Je mehr man den vorhandenen Raum auffüllt, desto unübersichtlicher wird das Stapelgut, falls die Grundfläche nicht so gross wie in einem Lagerhaus ist, wo alles ordentlich gruppiert werden kann. Irgendwann ist man am Punkt angelangt, wo eine Hausräumung fällig wird. Eva hat in den vergangenen Wochen unter Eid vor Zeugen ausgesagt, sie werde sich die Übersicht schon wieder verschaffen und eine solche Räumaktion veranstalten. Sie hatte das Glück, all das Überflüssige in einem Abbruchobjekt aufstellen zu können und veranstaltete dort, von ihren Schwestern tatkräftig unterstützt, einen Hausräumungs-Flohmarkt. Sie wurde tatsächlich einen guten Teil des Ausrangierten los, meistens Artikel von bester Qualität, bestem Zustand und einwandfrei gereinigt.
 
Die Tendenz zu Ansammlungen sei hier bloss am Pfannen-Beispiel dargetan, das tief aus dem Küchenleben gegriffen ist. Zuerst kochten wir auf einem elektrischen Herd mit gusseisernen Platten und hatten uns bestes Edelchromstahlgerät beschafft. Dann stellte ich aus Gründen der Energieeinsparung auf das Induktionskochen um, und das ganze Pfannenarsenal musste angepasst werden: Neue Töpfe aus Eisen oder Kupfer, also aus magnetisierbarem Material, mussten her. Doch fanden wir später heraus, dass das Kochen auf Gas die geschmacklich weit besseren Resultate erbringt, und die Pfannen mussten teilweise wieder ersetzt werden, auch wenn die Gasflamme nicht so wählerisch ist. Auch die schweren alten Gussbratpfannen (ohne Teflon, für mich ein Gräuel) entwickeln hier ihre besten Eigenschaften. Jedenfalls sammelte sich allein im Kochgeschirrbereich einiges an wertvollen, aber brachliegenden Schätzen an; zum Glück haben wir einen grossen Estrich. Aber auch so etwas wird allmählich voll.
 
Am Vorabend vor dem Verkauf wurde mir von Eva freundlicherweise gestattet, einen Augenschein zu nehmen und allfällige Trouvaillen, die mir ans Herz gewachsen waren, eben noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Ich werte das als eine einfühlsame Geste. Ja, ich hätte vieles gern wieder heimgenommen, etwa die grosse originale Paellapfanne, die wir einmal aus Spanien mitgebracht haben, die teuren konischen Kristallgläser, die ich in den 1960er-Jahren auf unser Interieur abgestimmt hatte und die dann, als mein Weinwissen wuchs, durch geeignetere Formen ersetzt werden mussten. Aber ein kleines Röstiplättchen mit den 3 exzentrisch gemalten Rosen zwischen grünen Blättern rettete ich. In die Rückseite ist das Armbrust-Zeichen eingraviert, und darum herum ist LANERT EMBRACH-STATION zu lesen, neben der Zahl 29, die den grössten Durchmesser in Zentimetern bezeichnet. Zu den Geretteten gehören ebenso ein kleines Saucenpfännchen mit langem Stiel aus Eisen, das mir schon wegen seiner Form gefiel, und ein blau verzierter Schmutzhafen aus Keramik, wobei diesmal mit „Schmutz“ eingekochte Butter (oder Schweinefett) gemeint ist, was nicht einmal der Duden weiss. Überhaupt schienen mir all die lieben Dinge zu signalisieren, sie wollten wieder an ihren Ursprungsort zurück und sie warteten nicht auf irgendwelche Käufer. Doch ich musste hart bleiben, dem Lauf der Welt seinen Lauf lassen, den man in diesem speziellen Fall „Flohmarkt“ nannte.
 
Ähnliches spielt sich in meinem Papierbereich ab. Während meines ganzen publizistischen Lebens habe ich mir grosse Dokumentationen aufgebaut, wie dies zum Beispiel auch „Der Spiegel“ tat und wohl noch immer tut, dessen Autoren wussten, dass jeder Ausschnitt in bestimmten Situationen von grösster Bedeutung sein und zu neuen Einsichten führen kann. Meine eigenen Dokumentationen, in die ich Mannsjahre investiert habe, die ständig wachsende Bibliothek eingeschlossen, erlaubten und erlauben mir, mich gründlich in ein gerade anstehendes aktuelles Thema einzuarbeiten. Für Aussenstehende, die sich mit weniger zufrieden geben, der Oberflächlichkeit zugetan sind und dem Bauchgefühl huldigen, ist es schwierig, sich da einzufühlen. Sie tun solches liederlich als Sammelleidenschaft ab, verstehen es nicht besser. Ich sehe es ihnen nach. Umfangreiche Dokumentationen (wie auch die öffentlichen Bibliotheken) gewährleisteten eine überdurchschnittliche Wissensschöpfung und -vermittlung, eingebettet in grössere Zusammenhänge. Sie waren und sind noch heute für mich auch eine Grundlage zur andauernden persönlichen Weiterbildung. Ohne sie wäre ich arm.
 
Doch selbst hier zwingen mich die Platzverhältnisse zu einer Konzentration. Ich nehme mir täglich eine Stunde Zeit, um je etwa 2 kg Papier durchzusehen und diese Akten auf das, was unersetzlich, gültig und wertvoll ist, zu konzentrieren. Es wird also nicht alles einfach fortgeworfen, sondern nur das, was durch mein nicht zu grobmaschiges Sieb fällt. Am vergangenen Samstag, 9. Juni 2007, war in Biberstein Altpapierannahme, und der junge hilfsbereite Gemeindeschreiber Stephan Kopp half mir beim Entladen des Autos, trug Papierbündel zum Sammelcontainer. Und jetzt wird weiter ausgesondert.
 
Die Schwierigkeit bei diesen ganzen Konzentrationsübungen auf das Wesentliche besteht darin, dass mit dem besten Willen nicht vorauszusehen ist, was man noch brauchen wird und was nicht: Hat man etwas, was jahrzehntelang herumstand, einmal fortgeworfen, könnte man es in den nächsten Tagen wieder gut gebrauchen, und für vieles, was man sorgfältig aufbewahrt, findet sich in aller Ewigkeit kein Bedarf mehr.
 
Bei Archiven aller Art ist es im Prinzip so wie in der weisen Natur, die genau weiss, dass mit einem ungeheuren Überschuss gearbeitet werden muss, damit das Wichtige zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung steht. Eine Pflanze produziert nicht 1,0 Samen, um ihren Bestand zu sichern, sondern sie produziert viele, Tausende, vielleicht Hunderttausende davon, damit wenigstens 1 oder 2 zu einer neuen Blüte gelangen. Um ein markantes Exempel zu markieren: Wir pflichtbewussten Männer haben uns angewöhnt, bei jeder Ejakulation 40 bis 600 Millionen Spermien zu verschleudern, immer in der Hoffnung, unser zweifellos aussergewöhnlich wertvolles Erbgut zu sichern. Und selbst die Suchmaschine Google arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip – was treibt sie doch für einen Aufwand, um ihre Nutzer zu einem ausgereiften Textatelier-Text zu führen! Ihre Wortumsätze liegen in Milliarden-Grössenordnungen. Allein die (digitalisierte) virtuelle Welt hat das Problem des ständig zunehmenden Bedürfnis nach Speicherplatz gelöst, weshalb ich mich denn hier auch entsprechend wohlfühle.
 
Einerseits geht es also um Überschüsse und anderseits um die Qualität. Weil der Alltag den Überschusshortungen gewisse Grenzen setzt, muss zum Wesentlichen in allerbester Qualität gefunden werden. So hiesse die intelligente Lösung also nicht Loslassen, sondern beste Güte, Dauerhaftigkeit (geeignet für den Dauergebrauch). Doch die Produkteentwicklung und der Handel tendieren genau in der gegenteiligen Richtung. Je schneller etwas kaputt geht oder sich überlebt hat, desto besser. Und dieser Prozess wird bewusst durch die Propagierung der Wegwerfmentalität mit dem Zauber- und Unwort Loslassen gefördert, ein selbst ökologisch unsinniger, durch und durch fauler Zauber.
 
Immer neu anfangen muss nur, wer auf seiner Laufbahn lauter Schrott hinterlassen hat.
 
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