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BLOG vom 11.07.2007


Die USA und der Katholizismus: Die universellen Primate
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wer die Kühnheit hat, darüber ernsthaft nachzudenken, von welchen Geistesgrössen und Charakteren die westliche Welt unterjochend geführt ist, dem wird übel: Da ist einerseits ein US-Präsident George W. Bush, der als der „mächtigste Mann der Welt“ gilt und als solcher selbst bei uns verehrt wird. Seine Kennzeichen sind Geistesschwäche und gravierende moralische Defizite, die auch vor Kriegsverbrechen und Folterungen nicht zurückschrecken. Und dann gibt es den ehemaligen Kardinal Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI. jede Toleranz Andersdenkenden und Andersreligiösen gegenüber vermissen lässt – solche Intoleranzen sind gefährlich, wie all die Religionskriege bewiesen haben. Der Humanethnologe I. Eibl-Eibesfeldt hielt einmal fest, in den letzten 10 000 Jahren habe sich der Mensch nicht geändert, und das bedeute unter anderem, dass Menschen mit steinzeitlicher Emotionalität heute Supermächte regieren.
 
Der jetzige Papst gab als Kardinal 1995 den Satz „Tierversuche sind sittlich zulässig“ für den neuen Katechismus frei, obschon auch Tiere Schmerz empfinden können. Schon damals legte er einen eklatanten Ethik-Mangel an den Tag. Wie den Tieren, so kennt er auch anderen Religionen gegenüber keine Skrupel, indem er zum Beispiel den Islam heruntermachte (siehe Blog vom 18.9.2006: Der betrübte Papst Benedikt XVI., der halt auch fehlbar ist), auch wenn die Weste des Katholizismus nicht eben vor Blütenreinheit strotzt. Stilrein hat er dieser Tage das „universelle Primat der katholischen Kirche“ bekräftigt. Genau wie George W. Bush die universelle Vorherrschaft der USA über die Welt beansprucht, will Ratzinger der einzige wahre Religionsführer sein. Beide, Bush und Ratzinger, haben Millionen von gläubigen Mitläufern, die ihren kritischen Geist an den Sargnagel der Vernunft gehängt haben.
 
In einem am 10. Juli 2007 im Vatikan veröffentlichten und von Papst Benedikt XVI. gebilligten Dokument wird die katholische Lehre bekräftigt, wonach die protestantischen Kirchen „keine Kirchen im eigentlichen Sinn“ seien. Aber auch die orthodoxen Kirchen litten unter einem „Mangel“, weil sie den Primat des Papsts nicht anerkennen. Die russisch-orthodoxe Kirche lobte den Vatikan in einer ersten Reaktion für seine „Ehrlichkeit“ – ja, da wird die reine Machtpolitik unverhohlen dokumentiert. Neu ist das zwar nicht; denn damit hat Benedikt eigentlich bloss die im Schreiben „Dominus Iesus“ (2000) sowie im vorangegangenen Dokument „Lumen Gentium“ (1964) des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) festgelegte Lehre bekräftigt. Der neue Text mit dem Titel „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ wurde von der Glaubenskongregation im Vatikan unter Leitung von Kardinal William Levada erstellt, Mitglied jenes Gremiums, das Benedikt XVI. im Hinblick auf die Papstwahl aufbaute.
 
Das neue, anstössige Schreiben analysiert vor allem den Satz aus „Lumen Gentium“ (deutsch: Christus ist das Licht der Völker): „Ecclesia (...) subsistit in Ecclesia catholica“ (Die Kirche [Christi] ... ist verwirklicht in der katholischen Kirche). Punkt. Damit ist gemeint, dass die angeblich von Jesus Christus gegründete Kirche in der katholischen Kirche ihre „Vollgestalt“ besitzt, während den anderen christlichen Kirchen jeweils bestimmte wesentliche Elemente fehlen. Das heisst, in die Ernährungssprache übertragen, der Katholizismus ist die eigentliche Vollwertkirche – er allein. Die Altäre sollten folglich mit dem Bio-Logo verziert werden. Vorschlag: Kreuz auf Scheiterhaufen.
 
Zufällig habe ich gerade gestern das neueste, dieser Tage erschienene Buch meines Freundes, des 97-jährigen Hannes Taugwalder, Aarau, gelesen. Es trägt den fragenden Titel „Vielleicht ist irgendwo ein Licht?“ Darin ist ein passendes Gedicht über „Die alten Tanten von Rom“ enthalten, das so beginnt: 
„Gefangen sind sie in eigener Sache
und halten sich selber die Totenwache
verstrickt in Dogmatik und Tradition,
die alten Tanten von Rom.“ 
Taugwalder, einer katholischen Walliser Familie entstammend, mag sich auch nicht so ganz mit der Vergottung des „gütigen, liebenden Menschen Jesus von Nazareth“ anfreunden. Er empfindet es als eine „unvergleichliche Erniedrigung“, wenn dem „Gott und Schöpfer des Himmels und der Erde“ ein begnadeter, lieber Wanderprediger gleichgestellt wird.
 
Der Zweck heiligt alle Mittel. Der Anspruch auf Unfehlbarkeit, mit dem Päpste ihr Handeln bis hin zu Inquisition, Hexenverbrennungen, Anzettelung von Religionskriegen und andere gravierende Fehler zu kaschieren pflegen, bröckelt allerdings allmählich.
 
Aber die teuren Herren im Vatikan haben das Mittelalter noch nicht überwunden. Wer etwas abweichend denkt, wie etwa der tierfreundliche Theologe Erwin Drewermann, wird mit einem Predigtverbot belegt; eine Meinungsfreiheit gibt es in jener Branche nicht. Die Pfarrer haben Sprachrohre des Papsts zu sein genau wie die eingebetteten Medien im Westen US-Sprachrohre sind. Die Redaktionen spurten.
 
Auch der neue Churer Bischof Vitus Huonder zeigt Linientreue. Er wurde dem Bündner Bistum förmlich untergejubelt, indem die Dreierliste, die der päpstliche Nuntius dem Domkapitel unterbreitete, im Grunde keine Wahl zuliess; sie enthielt noch die Namen von 2 Personen, die mit dem Bistum Chur nichts zu tun haben und nicht in Frage kamen. Huonder will Laienpredigten in der Messe nicht mehr tolerieren und nur noch in Wortgottesdiensten zulassen. Damit brüskiert er vor allem die Katholiken in Zürich, wo die Predigt von Pastoralassistentinnen und -assistenten während der Eucharistiefeier verbreitet ist. Das widerspreche kanonischem Recht, sagte Huonder im Interview mit dem „Tages-Anzeiger“.
 
Das kanonische Recht hat nur entfernt mit Kanonen zu tun, sondern es ist das Recht, das auf die Schriften des alten und neuen Testaments abgestützt ist, die vor Kriegen und Gewalttätigkeiten strotzen. Der Gedanke an Kanonaden ist in diesem Zusammenhang somit nicht ganz abwegig.
 
Ausrutscher wie jene Benedikts XVI. und Huonders haben durchaus ihre guten Seiten, wie alles auf dieser Welt. Sie entlarven die wahren Absichten einer machtbesessenen, unnachgiebigen Religion, die über Leichen geht. Verheerend wäre nur eine zunehmende Kollaboration von Religionsmacht und der weltlichen Macht, wie es sie in der Geschichte, vor allem im Mittelalter, gab und dem gemeinsam unterdrückten und ausgebeuteten Volk keine Chance liess, zu etwas Freiheit zu gelangen.
 
Im Zeichen des Neoliberalismus ist diese verhängnisvolle Verbindung von Religion als pseudo-ethisches Deckmäntelchen und Machtpolitik wieder gang und gäbe; vor allem rohstoffreiche Länder sind im Visier der Gierigen, der Unersättlichen, und irgendwie muss das salbungsvoll getarnt werden. Bush, der weder vor Auftragsmorden noch Folterungen zurückschreckt, leiert gut vernehmbar und demonstrativ seine Gebete herunter. All das sind Furcht erregende, fürchterliche Indizien.
 
Auf die Primaten (damit sind nicht unsere ehrenwerten Vorgänger gemeint) würde ich gern verzichten, und ich entziehe mich ihrem Einfluss wo immer möglich. Zur Religionsfreiheit gehört zum Glück auch die Freiheit, von einer Religion frei zu sein, so lange es sie, die Religionsfreiheit, noch gibt.
 
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