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BLOG vom 17.07.2007


Die grosse Bedeutung von Detailtreue und Weitschweifigkeit
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Das Diminutiv der Teile ist eindrucksvoller als die Monumentalität des Ganzen. Ich habe keinen Sinn mehr für die weite, allumfassende Armbewegung des Weltbühnenhelden. Ich bin ein Spaziergänger.“
 
Das habe ich im Lesebuch „Joseph Roth in Berlin“ (Taschenbuch, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 1996, Nr. 419) gelesen. Ein Bekannter, Luigi Scura, hatte mich auf Roth aufmerksam gemacht; das sei gute Literatur. Woran liegt die Qualität Roths? Wie beinahe alle Schriftsteller-Berühmtheiten beobachtet er genau. Seine Aufzeichnungen sind detailliert, selbst wenn manche Randerscheinungen den Ablauf der Geschehnisse nicht beeinflussen wie der Rahmen die Aussage eines Gemäldes, eines Stichs, einer Zeichnung. Aber warum rahmt man denn eigentlich die Gemälde ein? Der Rahmen rundet ab, schafft Atmosphäre – und folglich nimmt er eben doch einen entscheidenden Einfluss auf das Kunstwerk.
 
Wo immer wir sind und was immer wir gerade tun, sind wir von einem solchen Rahmen umgeben. Ich sitze im Wintergarten am Computer. Die Morgensonne schickt ihr starkes Licht durch die Scheiben. Die Glastüren sind geschlossen. Die Luft ist klar, kühl. Vor mir steht in einem schweren Tonkübel ein Zitronenbaum mit geschlossenen Blüten, grünen und gelben Früchten, daneben Kumquatbäumchen mit kleinen, reifen Früchten. Alles wird von einem grossen Nussbaum mit dichtem Kronendach und eingekapselten Nüssen überragt. Die Äste suchen den Weg zu mir, strecken sich aus. Aus den Fugen der Pflästerung wachsen Gräser, Löwenzahn, rundblättrige Glockenblumen mit violetten Blüten auf auffallend dünnen Stielen. Kalksteinmäuerchen überziehen sich stellenweise mit Moos. Der Regenmesser, allzeit bereit, ist fast voll.
 
Dieser Rahmen inspiriert, beeinflusst mich. Ich öffne die Schiebetür; frische Luft klärt den Geist. Eine Mücke vollführt kreisende, dann wieder zackige Bewegungen vor dem Bildschirm. Ein Telefonalarm reisst mich aus dieser Welt, katapultiert mich in eine andere, in eine, die mich nicht interessiert. Der Rahmen ist ausgewechselt. Ich muss mich neu orientieren.
 
Ich höre die Radionachrichten. Die Sprecherin spricht abgehackt. Sie hat keine Gefühle. Die Meldungen bewegen auch sie nicht. Floskeln. Eine Sprechmaschine. Auch die TV-Meldungen beginnen stereotyp: „Hier die Meldungen des Tages.“ Das Lächeln der Moderatorin ist antrainiert, aufgesetzt, ihre ernste Miene vor Unglücksmeldungen auch. Wichtig ist das, worüber Bildmaterial vorliegt. Vom Radio werde ich in 3 Minuten mit Bruchstücken abgefertigt, welche von den Nachrichtenagenturen als wichtig bewertet und die in einer verschlüsselnden Sprache verbreitet werden. Dasselbe habe ich vor einer Stunde im gleichen Wortlaut angehört (13. Juli 2007): Lawinenunglück. Polizeiliche Ermittlungen. Zeitungsübernahme in der Südostschweiz. Resolutionsentwurf für den Kosovo wird ausgearbeitet. Bankraub in Bagdad, weniger spektakulär als vermutet. Tanker vor New York auf Sandbank aufgelaufen. Schwellenländer sorgen sich mehr um Klimawandel als Industriestaaten (Gewinnaussichten sind Sorgenkiller). Sonnenstrahlen erhöhen laut Fachleuten das Hautkrebsrisiko (ein Ladenhüter, eine saure Gurke; das weiss jedes Kind). Börsendaten von Reuters. Zahlen. Das Wetter, entspricht dem, was ich sehe.
 
McJournalismus. Alles ohne Redundanz, ohne erklärende Beilagen, reine Fakten, die mir nichts nützen. Die Meldungen sind unverständlich, vermitteln aber die Illusion, informiert zu sein. Ich muss auf die Sendung „Echo der Zeit“ von Radio DRS 1 abends um 18 Uhr warten, um mehr zu erfahren. Sie überstand alle Programmausdünnungen, holt weiter aus. Erstaunlich, dass so etwas von den Quotenjägern im Programm-Management noch toleriert wird. Die Ausnahme. Der Rest besteht aus Bruchstücken.
 
Warum sind gerade diese Nachrichten aus der Fülle des Geschehens ausgewählt worden? Aus einer unendlichen Zahl von Geschehnissen wurden ein paar Ereignisse gepflückt, zerhackt, aufs Gerippe reduziert, und sie verkommen dadurch zur vollkommenen Bedeutungslosigkeit. Ist es noch Information? Das lateinische „informare“ bedeutet „in Form bringen“. Dazu braucht es ein bisschen Rahmen. Die Infofetzen haben nur deshalb eine gewisse Bedeutung, weil sie verbreitet werden. Geschwätz im Rahmen des Toten- und Kriegskults, der Begeisterung für Unglücksfälle, und wir wissen, dass das alles psychiatrisch aufgearbeitet wird. Aber wir erfahren nicht, ob das nützt oder die Sache verschlimmert.
 
Eva hat in einem Nebenraum Bayern 3 eingeschaltet. Es ist 9 Uhr morgens: Tele-Gym. Gesundheitsstress. Aber eine gute, gesunde Sache. Ich raffe mich auf. Da bietet ein Fernsehsender einmal etwas Schlaues, gut gemacht. Ich muss mich auf die auf dem Boden bereits ausgebreitete Gummimatte legen, die Beine anziehen, sie zur linken Seite drehen, die Arme ausstrecken, den Kopf nach rechts. Dann umgekehrt. Auf Knie, Vorderarme auf den Boden legen, den Rücken rund machen, wieder ausstrecken.
 
Im Vergleich zum sympathischen Oberturner komme ich mir etwas ungelenkig vor, habe und gebe mir Mühe. Das Schöne an den telegenen Turnübungen von B3 ist, dass immer wieder korpulente, ältere, schwerfällige Menschen vor der Kamera mitmachen (dürfen). Das motiviert auch unförmige Zuschauer, baut Hemmungen ab. Einzelne Übungsleiter sind körperlich robust, Vertrauen erweckend. Dann sind da wieder die Damen mit ihrem unwahrscheinlichen Charme, und wenn sie befehlen, den Kopf zur einer dem Fernsehkasten abgewandten Seite zu drehen, gehorcht man ihnen manchmal nicht. Schon ihr Anblick ist ein Gesundbrunnen. Man spürt, dass ihnen das Vorturnen zum passenden Musikgeklimper Spass macht… Dann endet der Traum mit Entspannungsübungen. Und mit dem Einrollen der Bodenmatte. Bis morgen.
 
Wieder eine neue Welt. Zurück an den Schreibplatz. Wieder muss ich mich neu orientieren, zurückfinden zu dem, was ich sagen und worum ich in diesem Blog bitten wollte: um mehr Detailtreue und Weitschweifigkeit. Wie bei der Gymnastik: die Arme weit ausstrecken. Ich wollte dazu auffordern, scheinbar unbedeutende Fakten nicht leichtfertig unter den Tisch fallen zu lassen. Die Annahme, dass sie vermeintlich nicht von allgemeinem Interesse seien, ist falsch: Genau sie wären für viele Informationshungrige wichtig oder würden wenigstens als Farbtupfer empfunden, und sie würden ein Schlagwort zur Information und sogar zur Nachricht machen, zu einem Ereignis, das berührt, das Wissen, Erkenntnisse vermittelt.
 
Die Zeitungen haben jede Menge Platz für Bilder von den immer gleichen Politikern, von den kosmetisch aufgepäppelten Stars und Managern. Aber der Platz für Buchstaben schrumpft. Angeblich, weil die Leser nur noch Kurzfutter haben wollen. Dabei haben die Schreiber, die zu Fotografen und Layoutern umerzogen worden sind, ihren Kunden das Lesen gründlich vermiest. Es hat seine Faszination verloren, lohnt sich nicht mehr. Es bringt nichts mehr. Den Schreibern wurden die Buchstaben rationiert, schon fast verboten. Wer noch schildert, macht sich verdächtig, den Anschluss verpasst zu haben.
 
Ich finde zu Joseph Roth (1894–1939) und zu seiner Überfülle zurück: „Aber was ich sehe, kam nicht in den Baedecker. Was ich sehe, ist das unerwartete plötzliche, ganz grundlose Auf- und Abschwingen einer Mückenschar um einen Baumstamm. Der Schattenriss eines holzbeladenen Menschen auf dem Wiesenpfad. Die dünne Physiognomie eines Jasminzweiges, über den Gartenmauerrand gelehnt. Das Verzittern einer fremden Kinderstimme in der Luft. Die unhörbare schlafende Melodie eines fernen, vielleicht sogar unwirklichen Lebens.“
 
Ich sehe nicht alles, was auf dieser Erde passiert, mein Horizont ist eng begrenzt, durch den Zitronenbaum, den Nussbaum – und überhaupt. Daneben wächst eine Buchsbaumhecke heran. Ich werde sie wieder einkürzen, um meinen Gesichtskreis zu weiten, mehr Einzelheiten zu sehen.
 
Die Nachrichtentechnik macht die Übertragungssysteme durch eine Vermehrung der Redundanz, mit Systemen, die an sich unnötig wären, sicherer. Das ist zwingend, wenn die übermittelten digitalen Zeichen vor der Verstümmelung geschützt werden sollen. Die modernen Schreiber tun das Gegenteil. Sie kürzen, zerhacken und setzen nichts mehr zusammen. Es liegen nur noch Trümmer herum. Pseudo-Info-Unrat. Das dient den Lesern nicht. Denn nur mit Vergleichen, Metaphern und dem Ausbreiten von Zusammenhängen könnte das Verstehen erleichtert werden. Nur wenn etwas anschaulich gemacht würde, bestünde Gewähr, dass eine Nachricht vom Leser aufgenommen werden kann, also bei ihm ankommt.
 
Verschiedene Wege führen zum Analphabetismus. Verstümmelte Informationen sind diesbezüglich sehr erfolgversprechend. Die Bilder haben nicht nur keinen Rahmen mehr, sondern auch ihre innere Substanz erodiert. Und selbst die ehemals schöne Struktur der Leinwand wird durch eine undurchsichtige Plastikfolie ersetzt. Zur garantierten Verhinderung des Durchblicks.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Kurznachrichten
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