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BLOG vom 03.08.2007


Checkup-Time: Wir alten Autofahrer und der Preis der Zeit
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Ausdruck „mein Arzt“ existierte bisher in meinem Repertoire nicht – und „mein Psychiater“ schon gar nicht. Weil ich mich meiner Lebtag körperlich und geistig vollkommen gesund fühlte und fühle, sah ich keinen Grund dafür, mich in ein gesundheitliches Behandlungs- beziehungsweise Reparaturgewerbe einzugliedern. Auch die berühmten medizinischen Checkups (Untersuchungen des Gesundheitszustands zwecks Früherkennung von Krankheiten) konnten mir gestohlen bleiben. Man bezeichnet sie als Prävention (Vorbeugung); doch schien mir damit die Gefahr verbunden zu sein, wegen irgendeiner Abweichung von den fragwürdigen Normwerten in die Patientenkarriere hinein zu geraten. Nur das nicht!
 
Meine Interessen sind eher darauf ausgerichtet, bewusst zu geniessen, was diese Welt an Faszinationen zu bieten hat, und mich gegen Attacken aller Art abzuhärten, daran zu wachsen. Dabei entwickelte ich im Verlaufe der Jahrzehnte ein Gefühl dafür, was mir gut tut und was eben nicht. Ich weiss sehr wohl, wie ich kleinen Unpässlichkeiten zu begegnen habe. Stellt sich beispielsweise einmal in einem Bein der Krampf ein, verbessere ich die Magnesiumzufuhr durch eine striktere Einhaltung der Vollwertkost. Und leichte Kopfschmerzen, die sich in seltenen Ausnahmefällen einstellen, lehren mich, der Wasserzufuhr eine grössere Bedeutung beizumessen. Und habe ich mir eine Verletzung zugezogen, setze ich säuernde Lebensmittel wie Fleisch sofort ab, damit der Organismus in den alkalischen Bereich kommt, so dass sich keine Infektionen entwickeln und die Wunde problemlos heilen kann. Dazwischen habe ich Freude an einem möglichst vielseitigen, chemikalienfreien Essen; dazu geniesse ich Wasser und gute Weine, und gelegentlich gönne ich mir eine erstklassige Spirituose, eine Zigarre oder stopfe eine Pfeife mit einem sorgfältig ausgewählten Tabak, den ich mir zum Teil aus London beschaffe. Und gelegentlich schlage ich alle Gesundheitsregeln in den Wind und geniesse ein festlich-üppiges Essen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Im Gegenteil, ich freue mich daran und auch am Umstand, dass ich problemlos ertrage, gelegentlich über die Stränge zu schlagen, ohne die Grenzen des Vernünftigen zu verletzen. Wenn ich ein- oder zweimal pro Jahr nicht innert 10 Minuten einschlafen kann, schlucke ich auf etwas Zucker ein paar Baldriantropfen. Sie sind zusammen mit Vicks VapoRub-Salbe zum Beenden des Juckreizes nach Mückenstichen der fast einzige Bestandteil meiner Hausapotheke, die den Namen nicht verdient.
 
Auch „meinen Zahnarzt“ habe ich nicht, da mein Gebiss erhalten und gesund ist. Um Zahnsteinansammlungen zu verhindern, putze ich die Zähne oft mit Kochsalz – immer in gebührender zeitlicher Distanz zu säurehaltigem Essen und ohne schädigende Schmirgeleffekte. Das alles ist zum Bestandteil meiner Lebenshaltung geworden, die ich nicht nur als meinen Bedürfnissen angemessen, sondern auch als ausgesprochen angenehm empfinde. Irgendwelche selbst auferlegte thematische Beschränkungen (abgesehen vom Verzicht auf Gentechnologieprodukte und chemikalienverseuchter Industriekost) sind nicht meine Sache, sondern ich übe mich im kritischen und bewussten Umgang auch mit Genussmitteln, obzwar sie gewisse Gefahren in sich bergen. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass mir der Genuss einer Havanna oder von einem Bordeaux im gegebenen Moment gesundheitlichen Schaden zugefügt hat.
 
Gewisse Ahnungen von gesundheitlichen Zusammenhängen habe ich von meiner publizistischen Tätigkeit her. Schon beim „Aargauer Tagblatt“ fiel das so genannte Gesundheitswesen in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich lernte Spitalbetriebe kennen, diskutierte mit Ärzten und Krankenkassenvertretern, Heimvorstehern usf., und als Chefredaktor der Zeitschrift „Natürlich“ hatte ich mich mit der Heilkunde während 2 Jahrzehnten professionell zu befassen. Ich las und lernte vieles und entwickelte daraus die Theorie, dass der Mensch selber die Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen sollte; denn niemand kann das so gut wie er. So gut wie ich kennt mich niemand, und nur ich weiss bis ins letzte Detail, wie ich mich verhalten habe. Es kann doch nicht sein, dass man verantwortungslos daher lebt, sich um die Krankheitsfolgen einer degenerierten Lebenshaltung nicht kümmert und dann einen unschuldigen Arzt mit der Reparatur beauftragt. Selbstredend kann es Unfallfolgen oder Krankheiten geben, die nur mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten, eines Arzts oder Chirurgs vernünftig zu heilen sind, denn irgendwo stösst das Do-it-yourself-Prinzip an die Grenzen; auch gewisse Medikamente, die vielleicht lebensrettend sind, können nur auf Verschreibung durch einen Arzt über den Ladentisch einer Apotheke gezogen werden. Aber solche isolierten Gifte möchte ich lieber nicht schlucken, und ich könnte auf Anhieb spannendere Lektüren nennen als Packungsbeilagen mit ihren Warnhinweisen, die man gefälligst in den Wind zu schlagen hat – sonst würde man ja nicht mehr schlucken. Die Folgen von Medikamenten am Steuer (exakter: im Organismus des Autofahrers, man klebt die Pillen ja nicht ans Lenkrad) stehen wahrscheinlich den Wirkungen des Alkohols nicht nach.
 
Das Aufgebot
Doch kann der Gesündeste und Medikamentenfreieste nicht in Frieden checkup-frei leben, wenn es dem hochwohllöblichen Strassenverkehrsamt nicht gefällt. Aus der Sicht dieser Institution bin ich ein Fahrausweisinhaber, der ab 70 einer gründlicheren, periodischen Überwachung bedarf. Zwar fragt niemand darnach, in welchem gesundheitlichen Zustand ich mich befinde, wenn ich die Steuererklärung ausfülle, wenn ich aufs Hausdach klettere, um die Dachfenster abzudichten oder als Fussgänger den gelben Streifen lebendig zu überqueren versuche. Doch wenn ich mich als Motorfahrzeuglenker ins Verkehrsgewühl mische, werde ich zum bedrohlichen Gefahrensubjekt – und das genau nach der Erfüllung des 70. Lebensjahrs, eine rein statistische Grösse. Selbstverständlich habe ich ein gewisses Verständnis dafür, bin selber auch dankbar, wenn mir nicht allzu viele Geisterfahrer entgegenkommen.
 
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) und der Verein der Strassenverkehrsämter (asa) haben mir eine Broschüre („Älter werden – mobil bleiben“) ins Haus geschickt, in der in grosser Schrift brillenlos zu lesen ist: „Mit zunehmendem Alter sind bei jedem Menschen natürliche Veränderungen festzustellen, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt negativ auf das Fahrverhalten und damit auf die Sicherheit auswirken können.“ Das ist behutsam formuliert und bedarf keines Widerspruchs, schon weil es kein Alter gibt, das nicht ständig zunimmt. Wir Alten werden, wie man sieht, mit Samthandschuhen behandelt und sogar aufgestellt: „Im Alter gewinnt man an Erfahrung, oft auch an Weisheit“ – das verallgemeinernde „oft“ ist vielleicht etwas gewagt, aber nett gemeint. Und der Tiefschlag folgt sogleich: „Doch der Körper fordert den Preis der Zeit“, wird gleich beigefügt. Wie hoch dieser Preis der Zeit ist, wird nicht näher definiert. Aber allzu tief kann er nicht sein.
 
In der Schweiz ist es auf der Grundlage solcher Erkenntnisse ein schöner Brauch, dass Menschen, welche eine ausdrückliche, amtliche Bewilligung zum Lenken eines motorisierten Untersatzes besitzen, wenige Tage nach der 70. Geburtstagsfeier das Aufgebot erhalten, sich medizinisch untersuchen zu lassen – und ab dann alle 2 Jahre wieder. Die Strassenverkehrsämter trifft keine Schuld; sie vollziehen bloss eine gesetzliche Pflicht und Schuldigkeit und tun es obendrein mit der gebührenden Subtilität. Im Einladungsschreiben werden die sich abzeichnenden diagnostischen Umtriebe mit Aspekten der Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit begründet. Dabei wird allerdings kein Zweifel darüber offen gelassen, dass diese Übung nichts mit Freiwilligkeit zu tun habe. Wenn sich einer oder eine weigern sollte, sich innerhalb von 2 Monaten checken zu lassen, werde das Führerausweis-Entzugsverfahren eingeleitet, nimmt man zur Kenntnis. Fristerstreckungen werden, wiederum aus Verkehrssicherheitsgründen, unter keinen Umständen gewährt. Diesmal ist der Tarif klipp und klar.
 
Man solle sich bitte sogleich bei seinem Hausarzt anmelden, heisst es sinngemäss im Aufgebot. Nun hatte ich aber keinen solchen Hausarzt zur Hand, wie es sich aus dem eingangs Gesagten ergab, das heisst ich sah mich in einer schwierigen Lage. Glücklicherweise erinnerte ich mich aber an Dr. Rolf Hugentobler in der Nachbargemeinde Küttigen AG, der meine pflegebedürftige Mutter, die wir während vielen Jahren bei uns betreuten, in schwierigen Phasen begleitete. Ich wagte also aus meiner Notlage heraus einen Anruf, und eine nette Praxishilfe fragte mich, ob ich auch schon hier (dort) gewesen sei. „Nein“, gab ich zu; eine Lüge wäre ja nach einem Blick in die Patientenkartei gleich aufgeflogen. „Wer ist denn Ihr Hausarzt?“, fragte die weibliche Stimme, der ein detektivisches Talent nicht abzusprechen war. „Ich habe keinen, weil ich bisher noch nie einen brauchte.“ Und dann kam mir die rettende Idee: Ich hatte Dr. Hugentobler bei einem Hausbesuch in unserem Haus kennen gelernt, als die letzten Tage meiner Mutter angekommen waren. Ich brauchte diese Feststellung als Türöffner. Er hatte mir einen sehr vernünftigen und vertrauenswürdigen Eindruck gemacht: Das Vorbild eines Hausarzts, der das Sinnvolle und Notwendige unternahm, aber vor Überverarztungen Abstand nahm.
 
Nach einer gewissen Bedenkzeit schlug mir die Arztgehilfin einen Termin vor. Sie gab mir als Anfänger-Patient der ersten Stunde einfühlsam gleich etwas Nachhilfeunterricht: ich müsse den Krankenkassenausweis mitbringen und dafür sorgen, dass ich bei der Untersuchung genügend Wasser zum Lösen habe. Beides war selbst für mich problemlos zu lösen, zumal gerade eine längere Regenperiode einsetzte und keinerlei Wassermangel bestand.
 
Die Untersuchung
Am 20. Juli 2007 war der Zeitpunkt für die Untersuchung gekommen. In der vorangehenden Nacht hatten mich die Mücken fast aufgefressen, womit ich auf einen gewissen unruhigen Schlaf hinweisen möchte. Gleichwohl fühlte ich mich mehr als fit genug, um die Prozedur über mich ergehen zu lassen. Etwas vor 10 Uhr kam ich in der Praxis an, musste ein Formular ausfüllen, auf dem ich mich als Selbstzahler bezeichnete. Da nicht nach der Konfession gefragt wurde, nahm ich an, dass solche Untersuchungen in der Regel nicht tödlich enden.
 
Arztgeheimnisse hin oder her: Ich wurde dann in einen kleinen Toilettenraum abdelegiert. Darin sei, so sagte die freundliche Dame an der Theke, ein kleines Türchen, und hinter diesem stehe ein Becher bereit, den ich bitte mit meinem Wasser füllen möge. Ich tat, wie geheissen, füllte das Gefäss bis an den oberen Rand als Zeichen dafür, dass ich die Wasserbestellung ernst genommen hatte und nicht einfach im Tropfenbereich operieren wollte. Dann hatte ich im Wartezimmer zu warten, studierte Literatur über alle Gesundheits- und Krankheitslagen und Prospekte über Möglichkeiten zur Betreuung kranker Menschen in ihrem Heim.
 
Bald einmal erschien der gross gewachsene Arzt, den ich nur an Jahren überragte, unter der Tür und sprach meinen Namen aus. Ich folgte ihm in die Praxis. Wahrscheinlich erkannte er mit Kennerblick, dass mir nicht nur nichts fehlte – ganz im Gegenteil – ich habe sogar etwas zu viel: Gewicht. Er bat mich, die Waage zu betreten. Ob ich die Schuhe ausziehen solle, das reduziere das Gewicht, fragte ich. Das sei nicht nötig, er ziehe einfach 1 kg ab. Da er nichts von Abnehmen sagte, lobte ich ihn für seinen guten Stil, weil er sich eines diesbezüglichen Kommentars enthalten habe. Aus meinem Verhalten habe er schliessen müssen, dass ich alles schon wisse, antwortete er weise.
 
Dieser Arzt war mir sympathisch, weil er nicht schulmeisterte. Ich musste dann auf eine Tafel mit dem sich nach allen Seiten drehenden E schauen, was ich im Miniaturbereich nur mit Brille schaffte. Also müsse in meinem Ausweis wahrscheinlich „Brillenträger“ vermerkt werden; aber das sei Sache des Strassenverkehrsamts. (Der Vollzug der neuen Fahrausweis-Inschrift ist inzwischen bereits eingeleitet.) Zudem musste ich dicht vor ihn herantreten, seine Nasenspitze fixieren, währenddem er bei seitlich angewinkelten Armen die Finger bewegte. Die erwähnte Broschüre liefert den Grund dafür: „Die Wahrnehmung von Bewegungsvorgängen in der Randzone des Gesichtsfelds verschlechtert sich (im Alter).“ So weit habe ich es noch nicht gebracht.
 
Dann musste ich mich oben freimachen, wie der Fachausdruck lautet, tief atmen, und der Arzt hämmerte auf meinem Rücken herum, auch die Knie wurden gleichermassen bearbeitet, wahrscheinlich um zu ergründen, ob noch gewisse letzte Zuckungen vorhanden seien. Ein aufrichtiges Kompliment wurde mir für die gesunden Ohren und die ausgesprochen klein gebliebene Prostata zuteil, und auch das Wasser war inzwischen untersucht: kein Zucker (die Zuckerpreise sind am Boden, der Weltmarkt ist gesättigt). Selbst der Blutdruck war trotz aufregungsbedingter Erhöhung im Rahmen der erlaubten, d. h. schulmedizinisch tolerierten Normwerte.
 
Dr. Hugentobler machte seine Bemerkungen ins Formular aus dem Strassenverkehrsamt und entliess mich als Verkehrsgetümmel-taugliches Objekt. Ich fragte ihn noch, ob ich ihn in Zukunft als „meinen Hausarzt“ betrachten dürfe. Er gab mir sein Ja-Wort, und wir verabschiedeten uns mit den besten Wünschen. Die Floskel „Auf Wiedersehen“ unterdrückten wir, da sie in solchen Fällen mehrdeutig wäre.
 
Der Hausarzt-Mangel
Von meiner journalistischen Recherchetätigkeit her wusste ich, dass an Hausärzten in der Schweiz ein eigentlicher Mangel besteht; ihre Rundum-Präsenz ist eher schlecht bezahlt, das heisst ihre Arbeitsbedingungen sind nicht eben attraktiv. Und es sind solche Raritätseffekte, die den Wert „meines Hausarzts“ erhöht.
 
Es ist selbst für mich einsehbar, dass Hausärzte eine wichtige Funktion haben, weil es zum Beispiel bettlägrige Kranke gibt, die keine Praxis aufsuchen können. Im Grossen und Ganzen versteht man unter dem Begriff „Hausarzt“ den vertrauten Arzt, den man als ersten konsultiert, wenn ärztliche Hilfe notwendig ist. Er ist in der Regel ein Arzt für Allgemeine Medizin oder für Innere Medizin, dem man auch Allgemeinpraktiker sagt. Wenn es medizinisch angezeigt ist, werden die Versicherten von ihm zum Spezialisten überwiesen.
 
Hausbesuche können bei der Diagnose und für die Heilbehandlung eine grosse Hilfe sein. Der Arzt kann sich ein Bild von den Lebensumständen des Patienten machen und krankmachende Ursachen besser erkennen, wenn er ein geübter Beobachter ist. Denn für eine wirkliche dauerhafte Genesung sind oft Verhaltensänderungen unbedingt nötig. Der deutsche Arzt Max-Otto Bruker tat in seinem Buch „Lebensbedingte Krankheiten“ die Auffassung kund, dass eine Beschäftigung mit der Vergangenheit zwingend sei, um die Entstehung von Krankheiten zu ergründen; denn die Daten für die Krankheitsursachen lassen sich nur in dem, was vorausgegangen ist, finden. Der Hausarzt hat dazu (gleich nach dem Patienten) den besten Zugang.
 
Das Wohnumfeld kann einen Teil dieser Lebensgeschichte erzählen. Der persönliche Lebensraum ist tatsächlich ein Teil der gesundheitserhaltenden und auch der gesundheitsschädigenden Einflusssphäre. Schon in der altchinesischen Gesundheitslehre Feng Shui war die Art der Ausgestaltung des unmittelbaren Lebensraums als ein wesentlicher Faktor bei der Erhaltung des Wohlbefindens im weitesten Sinne erkannt.
 
Wie bereits in den 1970er-Jahren, besteht auch heute noch ein Hausärztemangel, den vor allem verschiedene Landgemeinden zu spüren bekommen. In den Jahren 2002 und 2003 haben jeweils etwa 200 Hausärzte ihre Praxis zum Verkauf angeboten; aber nur etwa 160 bis 170 Praxen wurden neu eröffnet. Zudem liegt das Durchschnittsalter der heutigen Hausärzte bei etwa 50 bis 55 Jahren, so dass sich in der nächsten Zeit der Mangel noch verschärfen dürfte. Dazu dürfte auch die so genannte Feminisierung des Medizinstudiums beitragen: Mehr als die Hälfte der Studierenden sind weiblichen Geschlechts, von denen erfahrungsgemäss nach dem Studienabschluss nur etwa 30 % den Beruf ausüben.
 
Der Praxisstopp hat mit der Mangelsituation nichts zu tun, da Praxis-Übernahmen davon nicht betroffen sind. Zur Mangelsituation dürfte aber der Umstand beitragen, dass die finanzielle Regelung während der praktischen Ausbildung noch kaum gelöst ist, sowohl hinsichtlich der Auszubildenden als auch der Ausbildner.
 
Der Aargau fördert die Hausärzte
Im Kanton Aargau sind die Probleme erkannt; hier sind Bestrebungen festzustellen, den Hausarzt-Beruf attraktiver zu machen. Der Regierungsrat erklärte sich vor wenigen Wochen bereit, für die Weiterbildung von Praxisassistenzen Beiträge zur Verfügung zu stellen, wie aus der Beantwortung einer Interpellation von Doris Fischer-Taeschler (FDP) hervorging. Ab 2008 sollen Grundversorgerpraxen finanziell unterstützt werden. Und um angehende Hausärzte besser auf ihre Aufgabe vorzubereiten, wurde in den letzten Jahren das Projekt Praxisassistenz geschaffen. Dabei verbringen junge Ärzte einen Teil ihrer Weiterbildungszeit bei so genannten Lehrärzten. Im Vergleich zur Spitalausbildung sind damit aber Lohneinbussen verbunden.
 
Um solche Diskriminierungen zu vermeiden und die Praxisassistenz zu fördern, hatte die Gesundheitsdirektorenkonferenz im Jahr 2006 neue Finanzierungsvarianten vorgeschlagen. Empfohlen wurde, dass die Kantone gesamtschweizerisch mindestens 970 Monate Weiterbildung von angehenden Hausärzten finanzieren sollten. So zeichnet sich also ab, dass die Checkups meines Gesundheitszustands auch in den nächsten Jahren und hoffentlich Jahrzehnten noch stattfinden werden, wenn schon meine eigene Analyse nichts gilt.
 
Institut für Hausarztmedizin
Der Mangel an Hausärzten hat seine Ursache: An den medizinischen Fakultäten wurde das Hausarztstudium eher stiefmütterlich behandelt, wobei Basel eine Ausnahme ist: An der Medizinischen Fakultät Basel wurde 1985 ein erster 2-stündiger Lehrauftrag für Hausarztmedizin erteilt. 1993 war beabsichtigt, diesen im Rahmen von Sparmassnahmen um die Hälfte zu kürzen. Doch die Hausärzte wehrten sich dagegen und überzeugten die Mitglieder der Fakultären Kommission, die Hausarztmedizin zu stärken und auszubauen. Ende November 1994 verabschiedete die Gemischte Fakultäre Kommission für Hausarztmedizin das Projekt „Institut für Hausarztmedizin“, was die Geburtsstunde es FIHAM, des Forums für Interdisziplinäre Hausarztmedizin, bedeutete.
 
Die Lehre orientiert sich am neuen schweizerischen Lernzielkatalog, in dem das „General Practice and Outpatient Management“ definiert ist, und an den internationalen Standards. Doch hoffentlich erkranken nicht auch Hausärzte unheilbar an Amerikanismen und sprechen weiterhin deutsch. Die von der Europäischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin Wonca Europe im Jahre 2002 publizierte Erklärung definiert einerseits die Disziplin der Hausarztmedizin und ihre Aufgaben und enthält anderseits eine Darstellung der vom Arzt für Allgemeinmedizin geforderten Kernkompetenzen. Die Managementsprache macht etwas misstrauisch.
 
Im erwähnten Dokument wird die Hausarztmedizin u. a. folgendermassen definiert: „Die Hausarztmedizin ist eine akademische und wissenschaftliche Disziplin mit eigenen Lehrinhalten, eigenen Forschungsinhalten, eigener Evidenz, eigenständiger klinischer Tätigkeit. Als klinisches Spezialgebiet ist sie auf die Versorgung ausgerichtet.“ Der Hausarzt wird als „Drehscheibe und Koordinationsstelle im Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts“ definiert.
 
Die „Drehscheiben“ erinnern an die Verkehrskreisel, die sich wie Pilze im Herbst ins Strassennetz eingenistet haben. Meines Erachtens geht die Bedeutung des Hausarzts weit darüber hinaus: Er kann das Krankheitswesen entlasten, indem er seine Kunden gegebenenfalls auf die richtige Lebensspur führt und sie im Schadensfalle gleich selber der Heilung entgegenführt. Die Einweisung in Nebenstrassen, an denen Spezialisten wohnen und die sich oft als Sackgassen erweisen, sollte eher die Ausnahme sein.
 
Und im Übrigen haben sie ja bei der ständigen Alterung mit uns Lenkern der Kategorie 70+ eine Daueraufgabe.
 
Quellen
Primary Care: „Meilensteine der Hausarztmedizin in Basel.“
Erklärung der Wonca Europe.
Prospekt „Älter werden –mobil bleiben“, bfu, Laupenstrasse 11, CH-3008 Bern.
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