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BLOG vom 17.08.2007


Istein: Stapflehus, Chänzeli und die „Loreley am Oberrhein“
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 14. August 2007 luden wir Eva und Walter Hess zu einem Brunch in Schopfheim ein. Nach der kulinarischen Verwöhnung wollten wir unseren Gästen einen der schönsten und sonnenreichsten Landstriche von Deutschland, das Markgräflerland, näher bringen. Ich kenne inzwischen dieses herrliche Fleckchen Erde durch unzählige Wanderungen. Persönlich schätze ich die Gastfreundschaft, das gute Essen in urigen Beizen, aber auch den hervorragend mundenden Wein. Es ist eine Landschaft zum Philosophieren und Verlieben.
 
In der Toskana von Deutschland
Das Markgräflerland, das sich südlich von Freiburg bis nach Basel erstreckt (die älteste Markgrafenstadt ist Schopfheim und gehört auch noch dazu), wird als die Toskana von Deutschland bezeichnet. Es ist eine liebliche und schöne Weingegend. Das milde Klima wird nämlich von der Burgundischen Pforte beeinflusst. Dadurch dringt Mittelmeerklima bis in diese Gegend. Der Name stammt aus den Zeiten der Herrschaft der Markgrafen von Baden. Der Stammsitz dieser Herren lag im Markgräflerland.
 
Das Markgräflerland hat nicht nur viele Naturschutzgebiete, reichliche Kultur, Bäder und Sehenswürdigkeiten zu bieten, sondern auch einen typischen Wein. Es ist der Gutedel, der 1780 vom Grossherzog Markgraf Karl Friedrich von Baden aus dem schweizerischen Vevey ins Markgräflerland gebracht wurde. Es gedeihen hier aber auch etliche Burgundersorten.
 
Walter Hess hat sich bereit erklärt, uns mit dem Sprit sparenden Prius herumzufahren. Es war eine angenehme Fahrt. Leise und wohlbehütet fuhren wir durch die Landschaft unserem Ziel Istein entgegen.
 
Das zauberhafte, idyllisch gelegene Dorf Istein mit seinen 1268 Einwohnern gehört heute zur Gemeinde Efringen-Kirchen. Istein wurde übrigens vom Basler Historiker Jacob Burckhard als ein „kleines, sonniges Italien“ bezeichnet. Und damit hat er vollkommen Recht.
 
Aber wollen wir einmal Franz Kiefer, Ortsvorsteher von Istein, zu Wort kommen lassen und lesen, was er über seine Gemeinde im Internet (www.istein.de) zu sagen hat: „Unser Dorf liegt zwischen Reben und Rhein in der ,Isteiner Bucht’ zwischen Hardberg und Klotzen am Fusse des Kirchbergs. Wir laden Sie ein, den Klotzen und die Isteiner Schwellen – seit Mai 2006 nationales Geotop –, die geschichtliche Vergangenheit von der Besiedlung in der Steinzeit (Höhlenmenschen) über Römer, Alemannen, den romantischen alten Ortskern, die Festungsgeschichte und die Natur mit wild wachsenden Orchideen und weiteren seltenen Pflanzen bei einem Besuch selbst zu erkunden ...“
 
Die Stromschnellen über die Isteiner Schwellen waren früher von den Schiffern gefürchtet. Nach der Rheinkorrektion wurden die zerklüfteten Kalkschwellen freigelegt.
 
Isteiner Klotzen, die „Loreley am Oberrhein“
„Dr Chlotze isch e Selteheit,
Mr findet nüt so wit und breit;
E Loreley am Oberrhi,
Sell chan er gar no si.“

Dies schrieb einst der Heimatforscher Hermann Rudy euphorisch über den 80 m hohen Isteiner Klotzen, auch Isteiner Klotz oder Klotzenfelsen genannt. Er ist einmalig in dieser Gegend. Er besteht aus Weissjurakalk und ragt imposant aus dem Rheintalgraben heraus. Geologisch ist der Isteiner Klotz ein riesiges Korallenriff aus der Zeit des Jurameers. Der einzigartige Felsvorsprung hat die Form eines Schiffsbugs und wird vom Volk „Schiff“ genannt. An der südlichen Abbruchkante ist eine Hohlkehle sichtbar, die vom Rheinwasser aus dem Gestein gespült wurde. 

Um 1100/1200 wurden auf dem Berg eine Doppelburg und die St.-Veits-Kapelle durch die Bischöfe von Basel errichtet. Basler Bürger zerstörten die Burganlage in der Zeit von 1409–1411. Sie waren unzufrieden mit ihrem Bischof und wollten ihn nicht mehr als Herrn der Stadt haben. Die Kapelle wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört, aber wieder aufgebaut und zur 850-Jahr-Feier des Dorfs (1989) eingeweiht. Der Klotz wurde übrigens auch durch die Novelle „Hugideo“ von Victor von Scheffel bekannt.
 
Vor der Korrektion des Rheins nach Plänen des genialen grossherzoglichen badischen Oberlandesingenieurs Johann Gottfried Tulla (1770–1828) floss das Wasser bis an den Klotzen. An einer Stelle des Felsens sind Hochwassermarken angebracht. So betrug beispielsweise der Wasserstand 1852 vor Beginn der Korrektion 1,36 m über dem Gelände. Bei dem Extremhochwasser von 1876 war der Wasserstand nach den wasserbaulichen Massnahmen bereits um 89 cm niedriger. Heute reicht kein Hochwasser mehr an den Klotzen heran.
 
Der Maler Peter Birmann (1758–1844) schuf ein grossformatiges, romantisiertes Ölbild aus der Zeit, wie damals der Rhein vor der Korrektion aussah. Der 
 ist heute im Kunstmuseum Basel zu besichtigen.
 
Wir stiegen die steilen Stufen zur Kapelle hinauf. Ein Schild warnte uns vor Steinschlag. Mit bangen Blicken sahen wir beim Auf- und Abstieg in die Höhe und sahen in der Tat Gesteinswände, die Risse hatten und bedrohlich aussahen. Etwas ausser Atem erreichten wir die besagte Kapelle, die sich in einer kühlen und feuchten Höhle befindet. Wir durchwanderten die kleine Höhle und erreichten einen Aussichtspunkt, der uns einen Blick auf die Rheinauen und das weite Rheintal gewährte.
 
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden im und auf dem Klotzen Festungsanlagen errichtet. 1919 und 1947–1949 erfolgte eine Sprengung der Festung. 1986 war ein besonderes Jahr für den Klotzen. Er wurde als 500. Naturschutzgebiet in Baden-Württemberg ausgewiesen. 1965 gab es hier noch 490 Pflanzenarten. 60,5 % davon sind aus mediterranen Gegenden eingewandert. Etwa 100 verschiedene Wirbeltiere sind hier zu Hause.
 
Überraschungen beim Bummel durch das Dorf
Wir mussten meistens bergauf gehen, um an die markantesten und schönsten Gebäude und Plätze zu gelangen. Das sehr sauber wirkende Dorf hat gerade in Alt-Istein viel zu bieten. Schon am Anfang unserer Exkursion kamen wir zum „Chänzeli“. Der auf einem Holzpfosten ruhende Erkerbau ist wegen seiner Holzkonstruktion ohne Nägel und dem Ziegeldach einzigartig. Der Bau wurde 1599 errichtet. Die Jahreszahl entdeckten wir auf dem Bogen des seitlichen Kellereingangs. Das Haus hinter dem Erker wurde 1957 durch die Familie Eder renoviert.
 
Mit dem inzwischen 91-jährigen Karl Eder, der in einer lauschigen Ecke am Haus sass, führten wir ein interessantes Gespräch. Er erzählte uns von seinen Kriegserlebnissen im Zweiten Weltkrieg. Er ist Österreicher und lernte 1939 hier seine spätere Frau kennen. Er berichtete uns auch über den Russlandfeldzug und die schwierige Zeit nach dem Krieg und der kostspieligen Renovation des Hauses. Es war ein erbauliches Vergnügen, sich mit diesem geistig frischen und lebhaften Mann zu unterhalten.
 
Später, im Innerdorf, sprachen wir mit einer freundlichen Frau, die gerade ihren Müll in eine Tonne warf. Als wir die vielen engen Gässchen nach oben in die Weinberge und zum Kirchplatz erwähnten, schmunzelte sie und erzählte Folgendes: „Ich lebe hier schon 40 Jahre, aber nach 30 Jahren habe ich noch ein nach oben führendes Gässchen entdeckt.“ In der Tat gibt es viele solcher Gässchen. Von unten sieht es so aus, als ob es sich um einen Privataufgang zu einem Haus handeln würde. In Wirklichkeit ist ein solcher Weg für jedermann gedacht.
 
Trotz grosser Hitze bewältigten wir den Aufstieg zum Kirchberg problemlos. Dort oben thront die 1822 unter Johann Ludwig Weinbrenner erbaute katholische Kirche St. Michael. In dem daneben stehenden Pfarrhaus befinden sich gewölbte Weinkeller. Diese wurden zwischenzeitlich von Kurt Müller umgestaltet und als Pfarrcafé und Kulturkeller genutzt.
 
Das 1621 erbaute Stapflehus (Staffelhaus) mit einem schönen Türmchen war früher ein Herrenhaus. Dieses Haus hat auf dem westlichen First ein Steinkreuz. Wenn ich nicht die Beschreibung im Internet vorab gelesen hätte, wäre mir sicherlich das Kreuz auf dem Treppengiebel nicht aufgefallen. Es hat jedoch eine besondere Bedeutung: Es erinnert an den Tod eines Bewohners, der 1863 durch Blitzschlag ums Leben kam.
 
Am schmalen Treppenaufgang zur Kirche steht das 1553 erbaute Fachwerkhaus, die „Arche“. Es ist das älteste Haus und Wahrzeichen von Istein. Für mich hatte dieser imposante Bau das Aussehen einer Arche. Interessant sind die teilweise gebogenen Balken des Fachwerks, dann die schrägen Fensteröffnungen (das Haus steht zum Hang hin schief) mit den gerade eingesetzten Fensterrahmen, d. h. sie sind im Lot.
 
Das Haus wurde im letzten Krieg durch die Franzosen stark beschädigt und stand vor dem Abbruch. Durch den mutigen Einsatz der Besitzerin und vieler Bürger konnte das Landratsamt, das die Abbruchverfügung erlassen hatte, überzeugt werden, das alte Haus nicht abzureissen. Es war ein besonderer Glücksfall für die Gemeinde, dass hier selbstlose Bürger aktiv wurden. Heute ist die Arche ein viel bestauntes Schmuckstück.
 
Im Innerdorf bestaunten wir den Lingiplatz mit Dreihjer-Butik. Das Dreihjer-Butik, ein kleines Häuschen neben der Strasse, diente vor Errichtung des ersten Rathauses 1865 als Wachhaus und Arrestzelle. Danach wurde dieses Häuschen von der Drechsler-Familie Wunderlin erworben und als Drechslerstube genutzt. Jahrelang fertigten der Besitzer und sein Sohn Spundzapfen und Fasshähne für das Küferhandwerk. Das Häuschen verdankt seinen Namen dem französischen Boutique (= Werkstatt).
 
Es gibt im Dorf noch viele Schmuckstücke zu bewundern. Aber die Zeit schritt schon voran, und wir bekamen an diesem herrlichen, warmen Tag einen gehörigen Durst. In der Sportgaststätte SV Istein 1920 kehrten wir ein und tranken Bierschorle. Auf der Herrentoilette entdeckte ich noch eine Besonderheit, die man sonst wohl nirgendwo findet. Auf einer Wand las ich den Satz „Bei uns wird sortenrein getrennt“. Über dem 1. Pissoir war das Schild „Bier“, über dem 2. das Schild „Wein“ und über dem 3. Pissoir das Schild „Durcheinander“ angebracht. An der Tür für die grossen „Geschäfte“ prangte die Aufschrift „Grobes“: In der Tat eine saubere und originelle Trennung nach einem Verdauungsdurchlauf.
 
Hier schoss das Wasser in den Altrhein
Die Besichtigungstour war noch nicht zu Ende. Wir fuhren dann noch an das Stauwehr Märkt. Dort befindet sich die Trennung des Rheinseitenkanals vom Altrhein. Die Schleusen waren wegen des Hochwassers der letzten Tage geöffnet und das Wasser schoss mit einem Getöse in den Altrhein. Vor Tagen muss das Wasser noch einige Meter höher gewesen sein, da wir überall am Uferweg Holzstücke und Überbleibsel unserer Zivilisation (Plastikflaschen, Styropor, Plastiktüten usw.) entdeckten.
 
Ein Einkaufsbummel durch Lörrach mit einem kühlenden, den Tag zusätzlich versüssenden Besuch im Eiscafé Mona Lisa an der Basler-Strasse bildete den Schlusspunkt eines erlebnisreichen und schönen Tages. Eva und Walter Hess waren sehr begeistert von den freundlichen Menschen in Istein und dem schönen Markgräflerland. Ich bin überzeugt, sie werden wieder kommen.
 
Internet
 
Literatur
Gallusser, Werner A., Schenker A.: „Die Auen am Oberrhein“, Birkhäuser Verlag 1992.
Kotschote, Horst G.: „Istein – Kleinod im Markgräflerland“, „REGIO-Magazin“, 1990 (S.39–41).
Schütz, Jutta: „Immer bergauf, will man Ortsgeschichte erleben“, Wanderung durch Isteins Geschichte, Teil 1, „Oberbadisches Volksblatt“ (Ausgabe Ende Juli 2007; keine Angabe des genauen Publikationsdatums. Den Zeitungsausschnitt erhielt ich von einem Wanderfreund).
„Der Isteiner Klotzen“ – Eine Dokumentation über das Rheinmuseum Istein. Herausgegeben mit Unterstützung des Landesnaturschutzverbandes, 1991.
Heimann-Schwarzweber, Annemarie (Text), Geiges, Leif (Fotos): „Kunstführer Markgräflerland“, Verlag Brandt, Mannheim 1986.
 
Führungen
Ortsvorsteher Franz Kiefer bietet auch Führungen an. Anmeldungen über die Ortsverwaltung Istein, Telefon: +49 (0)7628 351 oder über die Tourist-Information Efringen-Kirchen; Telefon: +49 (0) 7628 8060.
 
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