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BLOG vom 21.08.2007


Zeit zum Schauen: In Mathon GR, wo Tumasch Dolf lebte
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Der Ort Mathon gehört zur Region Schamserberg in Graubünden und liegt auf 1527 Metern Höhe ü. M. Wir erreichten ihn mit der Bahn über Chur und Thusis und mit dem Postauto über Zillis. Ab Zillis werden 500 Höhenmeter innerhalb einer halben Stunde überwunden (bitte beachten Sie dazu auch die im Anhang verlinkten Blogs von Walter Hess). Mit uns reisten Felicitas, unsere ältere Tochter, und ihre beiden Kinder. Übers Wochenende besuchte uns Letizia und vervollständigte unsere Familie.
 
Mathon ist, was wir vermuteten, ein Geheimtipp, ein unverfälschter Ort in der Schweiz. 57 Einwohner und etliche Feriengäste beleben ihn. Er verzeichnet pro Jahr ungefähr 5000 Logiernächte. 8 Bauernbetriebe sorgen sich um die eindrückliche Landschaft und halten sie gesund. Hier gibt es sogar noch eine Post und einen VOLG-Lebensmittelladen.
 
Hier oben waren wir auf Du mit Bergen und Alpen, erlebten unzählige Modulationen von Nebel und Licht. Es machte Spass, den Nebelbänken zuzuschauen, wie sie sich vorwärts bewegten und den Bergmassiven entlang schlichen. Manchmal befanden wir uns selbst in der Wolke, was vor allem der 5-jährigen Mena gefiel. Meist aber beobachteten wir die Stimmung und die Alpen mit ihren vielen „Dahinter“ von unserem von der Natur geschaffenen Balkon aus. Hier oben wurde einem nicht bang. Der Raum zwischen den Bergen ist weit. Unten im Tal führt die Strasse zum San Bernardino. Kein Tag präsentierte sein Licht und seine Farben wie der vorangegangene. Wir hatten Zeit zum Schauen, fühlten uns wohl und beschenkt. Der zeitweilige Regen störte uns nicht. Auch er gehörte zum Geschehen.
 
In Mathon wuchs der rätoromanische Liederkomponist, Lehrer und Erzähler Tumasch Dolf auf. Sein aussergewöhnliches Elternhaus fiel mir schon am ersten Tag auf. In Mathon sind zudem mehrere prächtige Scheunen in der Blockbau-Art zu bewundern. Einige tragen Braun, ganz alte Grau. Ihr Silber strahlt aus und symbolisiert das Alter in Würde. Ich fragte mich immer wieder, wie die Bauleute diese prächtigen Baumstämme ohne technische Hilfsmittel aufeinander schichten konnten. Es müssen Bärenkräfte vorhanden gewesen sein.
 
Eine Gedenktafel am Geburtsthaus von Tumasch Dolf verweist in surselvischem Romanisch auf die Herkunft des Mathoner Künstlers. Es heisst da in deutscher Übersetzung, die ich seinem kleinen Erzählband „Meine Geige“ entnehme:
 
Elternhaus von
Tumasch Dolf
1889–1963
Komponist und romanischer Schriftsteller
Sammler von Volksliedern
 
Die schlichten Erzählungen seiner Kindheit öffneten mir sogleich den Zugang zu diesem Ort, seinem Wesen und den Blick rückwärts in eine Zeit, in der von allen viel körperliche Leistung und ein übergrosser Durchhaltewille gefordert wurden. Tumasch berichtet da beispielsweise von seinem ersten Gang nach Thusis. 7- oder 8-jährig muss er gewesen sein, als er den Vater dorthin begleiten durfte. Die Kuh Bregna wurde verkauft und sollte abgeliefert werden. Man stelle sich vor: Die beiden machten sich vor dem Morgengrauen auf den Weg, die Kuh an ihrer Seite, führten diese zum Käufer nach Thusis und kamen am selben Tag, in tiefer Nacht, auch wieder zu Fuss, zurück. Kein Wunder, dass der Bub total erschöpft war und auf dem letzten Wegstück mit seinen 500 Metern Steigung nicht mehr weitergehen wollte.
 
Eine andere Geschichte behandelt die Weihnachtsfeier in Plambi (heute nennt sich der Ort Lohn). Da sah der Erzähler erstmals einen Christbaum. Er war innerhalb einer Schar Schüler und Schülerinnen aus Mathon zur Feier in die Kirche gekommen. Sie trafen viel zu früh ein, klopften wegen der grossen Kälte bei einem alten Geschwisterpaar an, das sie aufnahm und ihnen von ihrem Wenigen, das sie besassen, austeilte. Eine Schnitte Brot, bestrichen mit Kastanienhonig. Tumasch sinniert beim Erzählen, dass die beiden Alten vielleicht nur dieses eine Brot und nur diesen Honig besassen und ihnen trotzdem grossmütig verteilten. Solche Haltung kenne ich auch von meinen Vorfahren und darum bin ich in innersten Schichten angesprochen. Wer solche wahre Geschichten mag, dem sei das folgende Taschenbuch empfohlen:
 
Tumasch Dolf:  „Meine Geige“, Erzählungen, Pano Verlag Zürich
ISBN 3-907576-71-3.
 
In weiteren Beiträgen werde ich wieder von Mathon berichten.
 
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