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BLOG vom 27.08.2007


Wo selbst der alte Bahnhof zum Bleiben einlädt: Richterswil
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die beiden reifen Damen, die in der Nähe des Gemeindehauses CH-8805 Richterswil ZH diskutierten, könnten mir sicher sagen, wo das Gottfried-Keller-Plätzli sei, dachte ich. Ich ging zu ihnen. Sie unterbrachen ihr lebhaftes Gespräch und waren ganz Ohr für mein Anliegen. Es stellte sich heraus, dass Frau Hanni Lehmann in der Nähe jenes Aussichtspunktes wohnt, und ich schlug vor, sie nach Hause, an die Reidholzstrasse 27, zu chauffieren. Sie musste aber noch eine Besorgung im Städtchen machen, und ihre Bekannte, Frau Edith Folini, anerbot sich spontan, uns das Zentrum von Richterswil kurz zu zeigen. Das sei das schönste Dorf am ganzen linken Zürichsee-Ufer, sagte sie überzeugt. Das lief ja wunderbar.
 
Gemeindeinformationen
Zuvor war ich im Gemeindehaus an der Seestrasse 19 gewesen, und nachdem ich erklärt hatte, ich interessiere mich für Richterswil und wolle einen Ortsplan kaufen, überreichte mir die nette Lehrtochter am Empfangsschalter gleich die ganze „Neuzuzügermappe“, in der zu lesen steht, Richterswil sei ein Ort, an dem man „dihei isch“ (daheim ist). Natürlich wollte ich nicht gleich meinen Wohnort wechseln, aber ich könnte mir vorstellen, dass es mir „z’ Richti“ (mundartliche Kurzform von Richterswil) schon gefallen würde. Denn bei schönem Wetter breitet sich dort, am südlichsten Rand des Kantons Zürich (25 km von der Stadt Zürich entfernt), wegen des blauen Sees eine Ferienstimmung aus. In der Mappe mit den ortskundlichen Dokumenten liest man unter „Richterswil als Ferien- und Ausflugsort“: „Ein Spaziergang entlang des Zürichsees führt am Horn vorbei an der Bootsvermietung und am Schiffsteg zum Seebad“. Der Zürichsee-Zeitung habe ich entnommen, dass diese 50-jährige Anlage gerade auf die heurige Badesaison hin ein Facelifting erhalten habe; sie ist nun durch die Bahnunterführung direkt zu erreichen. Der Ausblick auf den See soll sich geöffnet haben; das alte Châlet auf dem Badeareal wurde abgebrochen und die Liegewiese entsprechend erweitert.
 
Die Seenutzung hat Tradition: Richterswil war früher die wichtigste Hafenstation für die Pilgerfahrt nach Einsiedeln und um 1800 auch ein bekannter Kurort. Die „Gesellschaft des Oberwassers“ brachte die Pilger von Zürich hierher oder nach Pfäffikon ZH, von wo aus es dann über die Schindellegi oder den Etzel zum berühmten Pilgerort weiterging. Das war offenbar ein gutes Geschäft für die Schiffsleute, welche die Pilger schon an Zürichs Toren abfingen und zur Schifffahrt überredeten; diese aufdringliche Werbung wurde im Sommer 1400 durch den Rat von Zürich verboten. Der Beförderungspreis wurde amtlich festgesetzt.
 
Aber folgen wir der amtlichen Informationsschrift: „Dann (nach dem Seebad) geht es direkt am Wasser weiter bis zur Kantonsgrenze (Schwyz), in Rufweite vorbei am gemeindeeigenen Inseli Schönenwirt. A propos Wasser: Auch der Berg ist von kleinen Seen und Weilern geprägt. Der Hüttensee – wo sich ebenfalls ein öffentliches Bad befindet – bietet sich als Ausflugsziel ebenso an wie der Sternen- oder Sennweidweiher sowie die gemeindeeigenen Eggwaldungen oberhalb von Hütten.“ Und auch Samstagern, oben auf dem Berg, gehört zur Gemeinde Richterswil – dort wohnen also die „Bergler, ein eigenes Völkchen“, wie man in der Mappe liest. Das gesamte Gemeindegebiet umfasst 754 Hektaren.
 
Stolz auf den dörflichen Charakter
Das erwähnte Inseli ziert das Umschlagblatt der Zuzügermappe, und es wird von der Gemeinde offenbar als Kennzeichen mit höherer Bedeutung empfunden: „Das Inseli Schönenwirt liegt in der Bucht zwischen Richterswil und Bach (SZ). Ein kleines Eiland, das durchaus Symbolcharakter hat: Inseln bedeuten eine starke Eigenständigkeit inmitten Fliessendem, Inseln haben  einen eigenen Wuchs’ inmitten der sie umgebenden Welt.“ So zeigt sich die Gemeinde denn auch trotz der ausufernden Grossstadt Zürich bestrebt, den eigenen Dorfcharakter zu bewahren, und das Einkaufen im Dorf ist hier noch immer möglich.
 
Der berühmte Bioladen Sunneblueme von Martha Barbon ist aus dem Dorf ins Grüenfeld 2 nach CH-8833 Samstagern umgezogen. Meine Tochter Anita, die eine Zeitlang in Richterswil wohnte, hat sich immer sehr begeistert über Marthas unkonventionelle Geschäftsführung geäussert und sich in diesem Verkaufsraum, in dem es selbst gebackenes Brot und anderes Gebäck gab, immer wohlgefühlt; statt Verkaufsprofessionalität war hier die Liebe zu guten Lebensmitteln zu spüren. Die Martha und ihr Ehemann waren bei meinem Abschiedsfest vom „Natürlich“ auf Schloss Wildegg (Mitte 2002) dabei – der Anlass war eine sympathische Geste des AZ-Unternehmens für besonders treue Leser.
 
Im Zentrum und drum herum
Kehren wir nach diesen Eskapaden zu Frau Folini zurück, die uns an jenem 27.07.2007 das Dorfzentrum von Richterswil zeigte – der Begriff „Dorf“ ist hier richtig; denn trotz der rund 11 500 Einwohner will Richterswil (Bezirk Horgen, Region Zimmerberg/Sihltal) keine Stadt sein; der Städterang (über 10 000 Einwohner) ist rein statistisch. Da macht man also die üblichen wiedererwachten Wachstumseuphorien nicht mit.
 
Wir wurden zuerst einmal zum wunderschönen, spätbarocken Fachwerkbau, dem ehemaligen Gasthof Bären von 1749, geführt. Eine doppelläufige Freitreppe führt zur Eingangstür dieses wahrhaft dekorativen Hauses mit den bemalten Fensterläden, in dem die Heimatkundliche Sammlung untergebracht ist und immer wieder Ausstellungen organisiert werden. Wenig hangwärts türmt sich die neugotische Reformierte Kirche, 1902–1905 von Jacques Kehrer anstelle der etwas weiter unten gelegenen Martinskirche (von 1265) erbaut. Sie erfüllt alle Vorschriften nach modelhafter Schlankheit und wirkt elegant. Und ganz in der Nähe ist das längliche Paracelsus-Spital, das wohl eher durch seine naturnahe, anthroposophisch ausgerichtete Art der Krankenbetreuung als durch die Architektur zu überzeugen vermag.
 
Im pittoresken Dorfzentrum, dessen Schönheit alle möglichen Preise einsammelt, sind viele schöne, typische Riegelbauten, die aufgeblüht sind, nachdem 1985 die Seestrasse (Umfahrungsstrasse) den Durchgangsverkehr übernommen hat. Richterswil hat noch viele weitere berühmte Bauten, so die „Alte Sagi“ (alte Sägerei) von 1656 in Samstagern, die als Zeugnis alter Handwerkskunst gilt. Sie ist auch wegen der integrierten Knochenstampfi (Knochenpulverisierung) bekannt, ein grosses mechanisches Mörserwerk mit 6 Stösseln, und auch wegen der Werkstatt eines Rechenmachers. Zudem ist die Heimatwerkschule in der ehemaligen Mühle zu nennen, die aus den Jahren 1271 beziehungsweise 1578 stammt, wo heute handwerklicher Unterricht erteilt wird, von Maurer- bis zu Schreinerkünsten. Meine Schwägerin Greti von Känel zeigte sich mir gegenüber einmal ganz begeistert von einem Schreinerkurs, den sie als Holzhausbewohnerin im Berner Oberland dort besucht hat. Zudem gibt es noch, am Rand des Reidholzwalds, die Burgruine „Alt Wädenswil“ auf Richterswiler Boden, ein Refugium in der Natur, wo gern gebraten wird. Falls die Würste verkohlen, war wenigstens die Kulisse ein Erfolg.
 
Blick vom Gottfried-Keller-Plätzli
Frau Folini zeigte uns noch den Friedhof, in den Gärtner viel Farbe gebracht haben, und übergab uns dann an Frau Hanni Lehmann, mit der zusammen wir bergauf fuhren. Wir konnten das Auto vor ihrem Haus an der Freiherrenstrasse 9 parkieren und gingen dann zu Fuss wenige Hundert Meter zum Gottfried-Keller-Plätzli, nahe bei der Südostbahn-Station Burghalden (Linie Wädenswil–Einsiedeln, die 1877 eröffnet worden ist und auch Samstagern erschliesst).
 
2 Platanen, eine Sitzgelegenheit und eine Panoramatafel sind dort – und der Ausblick über Richterswil nach Wollerau, das wie eine Tsunamiwelle den Hang hinauf brandet, über den oberen Zürichsee und zum Zürcher Oberland ist fabelhaft. Man nimmt hier zur Kenntnis, dass Richterswil baulich eigentlich voll ist; das Grünland gegen Wädenswil wird ja wohl kaum der Überbauung geopfert werden. Gegen Osten schliesst sich Bäch SZ an, wo neben anderen Berühmtheiten auch unser Tennis-Grossmeister Roger Federer wohnt. Insgesamt überblickt man eine dichte und verdichtete Kulturlandschaft, welcher wenigstens der Zürichsee mit den vielen Booten klare Grenzen setzt, und aus der sich die Industrie weitgehend zurückziehen musste, weil ihrem Expansionsdrang klare räumliche Grenzen gesetzt wurden. Handwerk- und Gewerbebetriebe überlebten noch. Im Hintergrund treten der Speer und der Federspitz besonders markant in Erscheinung, ebenso Planggenstock und Mürtschenstock, Chöpfenberg und Etzel sowie die Glarner Alpen mit dem vergletscherten Glärnisch.
 
Dieser Aussichtspunkt scheint in Richterswil und Umgebung eher unbekannt zu sein; doch soll schon Gottfried Keller (1819–1890) den Blick von hier aus genossen haben. Er war nicht nur Dichter („Die Leute von Seldwyla“, „Der Grüne Heinrich“), Staatsschreiber der Republik Zürich und Politiker, sondern betätigte sich auch als Landschaftsmaler und hatte, wie man daraus schliessen darf, gewiss einen Sinn für landschaftliche Schönheiten als Inspirationsquelle für poetische Formulierungen. Hier wie beim Eintauchen seiner Feder ins Tintenfass fand er seine innere Ruhe.
 
Frau Lehmann zeigte uns vor der Verabschiedung noch ihr schönes Haus mit dem grossen, luftigen Wintergarten, der sich zu Blumenrabatten rund um einen Rasen öffnet, von wo aus ennet dem See an der „Goldküste“ (dem rechten Zürichseeufer) Stäfa zu sehen ist, die Inseln Ufenau und Lützelau sowieso.
 
Der alte Bahnhof
Wir kehrten zum See zurück, wo ich unbedingt noch kurz den alten, schön erhaltenen und denkmalgeschützten Bahnhof Richterswil aus dem Jahr 1885 sehen wollte: ein Stück einfühlsam restaurierter Romantik mit einem Wartsaal, der einen in eine andere Zeit entführt. Und selbst der Güterschuppen ist neben dem Bahnhof-Antiquariat noch eine Sehenswürdigkeit.
 
Der Bahnhof wurde 1992 mit dem internationalen Brunel Award in der Kategorie For outstanding visual design in public railway transport ausgezeichnet. Der Preis geht auf Isambard Kingdom Brunel (1806–1859) zurück, der als berühmter britischer Ingenieur mit Sinn für Stil, der sich unter anderem den Bau der Great Western Railway (GWR) von London bis Südwales und verschiedener Dampfschiffe einen Namen (und auch ein Vermögen) gemacht hat. Der Bahnhof ist ein gefühlvoll ausgearbeiteter und ebenso renovierter Zweckbau, vor dem wie ein Türsteher die alte Bahnhofglocke Haltung zeigt; sie war einst das auch beim Rattern der Züge vernehmbare Kommunikationssystem.
 
Die Züge vor den Drei Königen
Für uns war es Zeit zur Teilnahme an einer Geburtstagsfeier im gemeindeeigenen Hotel Drei Könige (neben dem „Weissen Haus“ ...), das nur von Strasse und Bahn vom See getrennt ist. Wo einst Pilger nächtigten, genossen wir unter anderem in Butter gebratene Eglifilets aus dem Zürichsee und setzten uns zu später Stunde dann auf den Balkon in der ersten Etage dieses altehrwürdigen Hotels. Wir nahmen die Parade der Eisenbahnzüge ab: Leise moderne Personenzüge und zum alten Bahnhof passende, lärmige Güterzüge mit ausgeleiertem Rollmaterial, und in einem Fall hatte ich das Gefühl, ein Güterwagen habe 8-eckige Räder. Von Zürich her fuhren mit Baumstämmen beladene Züge Richtung Bündnerland, und von Osten kamen Züge mit deutschen Autos. Ich verstand die Welt des Transports nicht mehr, diskutierte das mit eingeborenen Festteilnehmern. Sie führten dieses Hin und Her von Gütern auf die EU zurück, die zum internationalen Herumfahren animiert, weil dann immer wieder Subventionen abgeholt werden können. Die Güter werden in den einzelnen Ländern mit billigen Arbeitskräften vielleicht etwas weiter der Vollendung entgegengetrieben, bis sie nach vielen Irrfahrten endlich fertig und für den Produzenten fast gratis sind und zum Weltbild des neoliberalen Monetarismus passen.
*
Spätabends hatten wir das Gefühl, einen kleinen und trotz aller Flüchtigkeit doch bleibenden Eindruck von Richterswil erhalten zu haben, und pilgerten motorisiert heimzu, dem von Lichtpunkt-Bändern eingefassten Zürichsee entlang, der Stadt Zürich und dem Aargau entgegen. Und wir stellten fest, dass es begrüssenwert ist, wenn einem ein gütiges Schicksal gelegentlich an einen Ort führt, den man bisher nur vom Hörensagen her kannte. Wahrscheinlich hat jede Gemeinde ihre attraktiven Seiten. Im gastfreundlichen Richterswil mit seinen selbstlosen Begleiterinnen durch die Ortschaft scheinen sie besonders ausgeprägt zu sein. Meine Auffassung, dass der Lebensraum die Menschen prägt, bestätigte sich hier aufs Neue.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
(Reproduktionsfähige Fotos können zu all diesen Beschreibungen beim Textatelier.com bezogen werden.)
 
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