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BLOG vom 20.09.2007


US-Leitzinssenkung: Kauft, Leute! Kauft wieder auf Pump!
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Man gestatte mir bitte, manchmal die Welt nicht mehr zu verstehen.
 
Mein persönliches Unverständnis stellte sich diesmal aufgrund dieser folgenden Zusammenhänge ein: Die Amerikaner kauften vorfabrizierte Hütten (so genannte Eigenheime) zusammen, die, spekulationsbedingt, an Wert zulegten. Die Hausbesitzer benützten die hinterlegte „Sicherheit“, um Geld zu pumpen, noch und nöcher. Sie lebten auf grossem Fuss auf Kredit, und die Wirtschaft blühte.
 
Schon als die Spekulationsblase zu platzen begann, die Hypothekarzinsen kaum noch aufzubringen waren und der Handel mit faulen Hypotheken ins Schlingern kam, schrieb ich darüber – das war schon am 27. März 2007: Dubioser US-Immobilienmarkt: Alles Faule kommt von drüben. Aber bereits damals war die Sache nicht mehr ganz taufrisch.
 
Die in den Finanzmärkten tätigen Experten merkten mit mindestens 5-monatiger Verzögerung (faktisch war diese viel länger) endlich, endlich ebenfalls, wie es um die zweit- und wohl drittklassigen Hypotheken bestellt war, und an den Aktienmärkten kam es binnen weniger Tage zur grossen Krise, die als solche schon längst fällig gewesen war. Ganze Banken krachten zusammen, auch ausserhalb von Amerika, weil jede Bank, die etwas auf sich hält, jeden US-Nonsens mitmacht beziehungsweise glaubt, unbedingt mitmachen zu müssen. Die Aktienkurse der Finanzinstitute inkl. Zubehör tauchten überall.
 
In Deutschland geriet etwa die WestLB („Bank der neuen Antworten“) in den Strudel des Hypothekendesasters, nachdem es geheissen hatte, ihre US-Tochter Brightwater habe sich halt am amerikanischen Immobilienmarkt verspekuliert. Nur dank Milliardenstützungen vonseiten der KfW-Bankengruppe (Förderbank der deutschen Wirtschaft) und von Privatbanken konnte die Mittelstandsbank IKB (Deutsche Industriebank AG) vor einer Pleite und damit vor der „schlimmsten Finanzkrise seit 1931“ (so Bafin-Chef Jochen Sanio) bewahrt werden. In England geriet alsdann der fünftgrösste Hypothekenfinanzierer Northern Rock in Schieflage und musste von der Bank of England (BoE) finanziell gestützt werden. Die Anleger bildeten tagelang Schlangen vor den Schaltern, um ihre Pfunde ins Trockene zu bringen. So weit einige wenige Beispiele. Weitere Hiobsbotschaften sind wahrscheinlich.
 
Erstaunlich, wie die Finanzexperten in den Tag hinein gelebt hatten und einmal mehr weniger als das allgemeine Publikum wahrzunehmen schienen, das heisst wie sie erst mit grosser Verzögerung reagierten, als die Schäden bereits da waren. Die Finanzgurus wachen aus ihrer Trance in der Regel erst dann auf und erkennen die Krankheit des Patienten erst, wenn die Leichenwagen bereits zur Rückfahrt starten.
 
In einem neuen Buch hat der amerikanische Finanzprofessor Nicholas Taleb soeben dieses branchenübliche, grandiose Versagen der Finanzexperten beschrieben. Er nennt es das „Problem des schwarzen Schwans“: Wer ausschliesslich weisse Schwäne kennt, wird nicht an die Existenz eines schwarzen Tieres glauben. Die seltene Begegnung ist für ihn dann ein Schock. Da haben wir es in der Schweiz besser: Auf Plakaten wurden wir kürzlich im Hinblick auf die Parlamentswahlen vom 21. Oktober 2007 freundlicherweise von der Schweizerischen Volkspartei SVP darauf aufmerksam gemacht, dass es neben den weissen auch schwarze Schafe gibt, eine Schock-Prävention sozusagen.
 
Was sich wegen der aus Verantwortungslosigkeit herausgewachsenen US-Immobilienkrise abspielte, war eine Katharsis, ein fälliger Reinigungsprozess, der auf Kosten der globalisierten Welt ging, die ja für die Dummheiten aus den USA immer geradezustehen hat. Der Dollar schmilzt kontinuierlich ungefähr so wie unsere Gletscher unter dem Dreck, den grösstenteils die energie-verschwenderischen Amerikaner in die Luft blasen. Aktienmärkte brachen weltweit ein (auch sie folgen den US-Vorgängen blindlings). Notenbanken vieler Länder schossen Geld ins System ein. Und am Dienstagabend, 18. September 2007, folgte der Hammerschlag: Die US-Notenbank senkte den Leitzins-Tagessatz (Fed Funds Rate) um 50 Basispunkte auf 4,75 %. Jubelschreie gingen durch die verwundete Finanzwelt, an den Börsen wurden Feuerwerke gezündet, die Aktienkurse explodierten. Denn Kredite sind jetzt wieder wohlfeiler zu haben, und die hemmungslosen US-Verbraucher können wieder (auf Kosten der Mit-Globalisierten) zuschlagen und sich verschulden – bis zum nächsten Einbruch. Es ist, als ob man einem Menschen, der mit dem Geld nicht umgehen kann, die Preise ermässigen und sagen würde, er solle nur wieder aus Leibeskräften kaufen.
 
Diesbezüglich verhielt sich die Schweizerische Nationalbank als Währungshüterin verantwortungsbewusster: Sie erhöhte am 13. September 2007 ihren Leitzins-Dreimonats-Libor um 0,25 Prozentpunkte auf 2,75 %. Nur nahm niemand Kenntnis davon, weil es ja keine US-Bank ist.
 
Die neoliberale Wirtschaft ist auf ein ewiges Wachstum ausgerichtet, und sonst bricht sie zusammen. Und weil so etwas auf der begrenzten Welt nicht funktionieren kann, ist der Zusammenbruch programmiert. Passiert etwas im Finanzsektor, hat das Auswirkungen auf alle Geschäfte, und das muss mit Kunstgriffen verhindert werden. Das läuft bereits: Überall müssen anstehende Pleiten künstlich verhindert werden. Es ist wie bei einem brüchig gewordenen Staudamm, der überall mit ein paar Heftpflästerchen notdürftig geflickt wird, ohne das Grundübel zu beseitigen. Die Wirtschaft agiert auf vollkommen falschen Prämissen.
 
Ins Bild von der Inkompetenz der Finanzexperten passt, dass nun offensichtlich angenommen wird, die Leitzinssenkung sei die Lösung auf Dauer. Die emporschnellenden Aktienkurse belegen das. In Tat und Wahrheit ist die über Erwarten grosse Leitzinssenkung ein deutliches Warnsignal, das offenbart, wie dramatisch die Weltwirtschaftslage wegen dieses liederlichen, verantwortungslosen Amerikas bereits geworden ist. Die schwarzen Schwäne sind längst in der Überzahl, und doch sieht man wieder nur den letzten, hinterbliebenen weissen Schwan.
 
Noch schlimmer: Der Leitzinsentscheid ist indirekt eine Aufforderung, das Verhalten, das die US-Immobilienkrise mit ihren weltweiten Schäden ausgelöst hat, munter weiterzuführen: Kauft, Amerikaner, kauft auf Pump, zerstört mit Euerem verschwenderischen Verhalten die Umwelt, wenn ihr nur kauft! Wir freuen uns, wenn wir am Ende den Schaden tragen und reparieren dürfen, wie immer, wenn Ihr auf der Welt mit Eueren Bomben etwas zertrümmert und den Terrorismus gefördert habt. Wir lieben Euch! Bleibt Euch treu! Wir tun es auch.
 
Unsere Freunde von drüben erstrahlen alle in blütenreinem Weiss. Und falls ein böser schwarzer Schwan auftauchen sollte, reicht ihr riesiges Waffenarsenal aus, das sie bei jeder Gelegenheit und auch vorbeugend einsetzen, diesen zu killen. Da kann also nichts passieren.
 
Neue Antworten werden nicht ausbleiben.
 
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