Textatelier
BLOG vom: 23.09.2007

Deutsch und deutliche nachreformatorische Aufklärungsarbeit

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
An Übung im Schreiben und Lesen fehlt es mir keineswegs, und Übung, so sagt ein geflügeltes Wort, mache den Meister. Doch nach all den Konfusionen rund um die total missglückten Sprachreformen, für welche die Germanisten die schlechteste aller denkbaren Schulnoten verdient haben, wäre mir jedes Gefühl, ein Meister im schriftlichen Ausdruck zu sein, abhanden gekommen, hätte es überhaupt je existiert. Wie ein blutiger Anfänger muss ich seither immer wieder im neuesten „Duden“ („Rechtschreibung Stand 2006“) nachschauen, was denn gerade jetzt, nach der Reform der Reform der Reform, wieder gelte. Zwar habe ich die Reformen nie mitgemacht – auch die Zeitschrift „Natürlich“ blieb während der Zeit meiner Leitung von solchen Eskapaden vollkommen verschont, als einziges Publikationsorgan in den Häusern der AZ-Medien. Wir standen wie ein Fels in der reformatorischen Brandung, welche annähernd die gesamte angepasste Medienlandschaft überflutete und zu den Erosionsfolgen beitrug.
 
In der letzten Phase, d. h. während der letzten Monate vor meiner Pensionierung, durfte ich noch mit Alex Bieli zusammenarbeiten, der ein knapp zweijähriges Gastspiel auf der „Natürlich“-Redaktion gab, und ich glaube, dass wir uns gegenseitig geistig befruchtet haben. Wir mochten uns gut leiden, ergänzten uns. Alex erschien mir als der von Noblesse geprägte feine Herr, ich war demgegenüber eher der Holzhackertyp, der ohne Rücksicht auf Splitter und Späne agierte, und unsere Leser hatten den Spass daran. Ich habe mit Alex, der als Primar- und Bezirkslehrer ausgebildet war, oft über Aspekte der Sprache und der Ausbildung und der Bildung gesprochen und vieles von ihm gelernt, gerade auch hinsichtlich von Werbetexten, welche die potenziellen Kunden direkt ansprechen sollten. Und ich hoffe, dass ich ihm einen kleinen Teil meiner Erfahrung vermitteln konnte, auch wenn diese schwer in den Zusammenhang mit dem standardisierten Programm von Medienausbildungszentren zu bringen ist.
 
Kompaktwissenschaftliches
Wir haben die Kontakte nie abgebrochen, und Ende August 2007 brachte mir Alex sein neues Werk „Deutsch Kompaktwissen. Band 2“ ins Haus, das er zusammen mit dem Gymnasiallehrer Ruedi Fricker, der an der Handelsschule KV Aarau Sprachunterricht erteilt, verfasst hat. Auch den überarbeiteten Band 1 überreichte er mir. Der 1. Band deckt die wichtigsten Bereiche der formalen Sprachbetrachtung ab, und im Band 2 geht es um die Textproduktion, also ums Schreiben als solches. Derartige Angelegenheiten finden mein lebhaftes Interesse. Ich bin ein ewig Suchender, wobei selbstredend auch diese Ewigkeit begrenzt ist.
 
Ich bin heute nicht mehr so ganz sicher, ob man das Schreiben überhaupt erlernen kann; denn wenn ich zum Beispiel aus dem schulischen Theoriewissen über Nomen, Adjektive, Pronomen, Partikel (Präposition, Konjunktion, Adverb und Interjektion), in Zeitenfolgen verkrümmte Verben und den Gebrauch des Konjunktivs unter Einbezug der Satzlehre einen vernünftigen Satz zusammenschustern müsste, käme wahrscheinlich etwas durch und durch Unverständliches heraus. Das kann zwar auch sonst passieren. Ich habe das Gefühl, dass die erwähnten Autoren dies auch wissen, ansonsten sie im Vorwort zum Band 1 nicht dies an den Anfang gestellt hätten: „Die Sprache ist die Grundlage unserer kulturellen Entwicklung; ein faszinierendes, hoch komplexes System für den Austausch von Gedanken und Ideen unter uns Menschen. Nicht nur die schriftliche und mündliche Kommunikation, auch unser Denken geschieht sprachlich.“
 
Das bedeutet im Klartext, dass die Sprache, die wir übrigens auch den Tieren gegenüber anwenden („Barry! Platz!“), die natürlichste Sache der Welt ist. Jedes Kind beginnt ohne Weiteres (weiteres? – beide Formen sind wieder möglich) damit, sie anzuwenden. Es ahmt nach. Und die Resultate hängen unter anderem auch davon ab, wie viel Sprachtalent ihm in die Wiege gelegt worden ist. Wenn die Vorbilder selber verkümmerte Ausdrucksmöglichkeiten haben, gibt es allerdings nicht mehr viel Schlaues nachzuahmen, und das ist beim gegenwärtig auf tiefem Niveau fortschreitenden Bildungszerfall an der Tages- und Nachtordnung. Im Hinblick auf die Parlamentswahlen 2007 in der Schweiz ist mir keine Partei bekannt, welche die Bildungsförderung wenigstens zu einer Parole unter „ferner liefen“ hochstilisiert hätte.
 
Laut dem erwähnten Vorwort entscheidet heute die Sprachkompetenz oft über das gesellschaftliche Ansehen, und somit ergibt sich hier für die Schule ein wichtiges Betätigungsfeld. Wenn sie es gut macht, fördert sie dort, wo offensichtliche Defizite auszumachen sind, dann setzt sie dort an, wo aus dem praktischen Sprachgebrauch Fragen auftauchen. Es kann nicht schaden, wenn die Leute gegebenenfalls in der Lage sind, einen Tätigkeitsbericht, einen süffigen Text fürs Lokalblatt, ein Protokoll oder ein gelungenes Bewerbungsschreiben aufzusetzen. Auch gehört es zur Allgemeinbildung zu wissen, was Anglizismen (eigentlich Amerikanismen), der Konjunktiv (Möglichkeitsform: „Wenn ich Zeit hätte, würde ich das noch besser erklären“), ein Pleonasmus (Häufung sinngleicher Wörter: hoher Wolkenkratzer, weisser Schimmel) usf. sind. Der Band 2 ermöglicht, sich mit solchen Einzelthemen zu befassen und sich darin zu üben, Unsitten zu kurieren.
 
Im neuen, 2. Band habe ich mich zu Testzwecken mit besonderer Inbrunst ins Anglizismen-Kapitel vertieft, dieser wie jeder andere Blödsinn auch aus den USA importierten Unkultur, die ich im Bestreben um Präzision Amerikanismen-Seuche nenne, die z. B. mit folgenden Paradepferden operiert: Littering, Challenge, Cash, Flatrate, Speakerin. Überlagert man die deutsche (oder eine andere Sprache) mit solchen Importbrocken, die zudem oft aus wichtigtuerischen Gründen häufig falsch angewandt werden, verliert sie, die Sprache, ihre Identität. Hinzu kommen noch englisch klingende Wörter, die in vorauseilendem Gehorsam von Deutschsprachigen fürs Deutsche erfunden worden sind wie Wellness – man will damit die ganze Welt ansprechen, bloss die Engländer und die Amerikaner verstehen das Wort nicht ... Auch von einem Beamer, einem Dressman oder einem Handy haben sie noch nie etwas gehört – was wir Handy zu nennen pflegen, ist im angelsächsischen Raum ein mobile oder cell phone. Die Sprachlehrer Bieli/Fricker plädieren deshalb zu Recht für eine zurückhaltende Übernahme von englischsprachigen Ausdrücken in dem Fall, wo es kaum passende deutsche Wörter dafür gibt, wie etwa bei Software, eine vernünftige Haltung, die ich gecheckt habe ... Auch das Checken wird bei uns falsch angewandt: to check heisst kontrollieren, überprüfen, wir setzen es aber meistens als Synonym für verstehen.
 
Die Mainstreammedien (der Amerikanismus ist hier mehr als berechtigt), welche nach wie vor amerikanische Ideale orten bzw. erfinden, verherrlichen und damit vollkommen quer in der Landschaft herumstehen, sind die Wegbereiter der Anpassung des Denkens im Hinblick auf eine universelle Gleichmacherei und damit auf eine kulturelle Verblödung, die zusammen mit Marketingstrategien gleich zum Bestandteil ihrer Programme zu den Hauptsendezeiten wird. Das Ziel ist eine kritiklos konsumierende Fun-Gesellschaft.
 
Dementsprechend würdige ich die beiden „Kompaktwissen“-Deutschlehrgänge, die sich der Pflege der deutschen Sprache als bedeutendes Kulturelement verschrieben haben. Sie richten sich vor allem an Menschen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, eignen sich für den Klassenunterricht ebenso wie fürs Selbststudium. Die Autoren machen in angenehmer Art mit dem Wesen unserer Sprache vertraut, Naturheilkundigen nicht unähnlich, die ein gesundes Leben durch die Vermittlung von Fachwissen lehren, auf dass vermeidbare Krankheiten vermieden werden und die Seuchen eingedämmt werden.
 
Wie soll man schreiben?
Die Freude an der Sprache gewinnt man durch Lesen (und nicht durch den Reformen-Nonsens), und die Freude am schriftlichen Ausdruck stellt sich bei häufigem Schreiben ein. Besonders aufmunternd ist es, wenn man jemand findet, der die Sache auch liest. Aber wie soll man schreiben?
 
Für mich ist klar: Ich halte mich an vernünftige Regeln und nicht an regulatorischen Nonsens aus der Zeit, als die Umwertung aller Werte in Mode war beziehungsweise noch ist. Wer schreibt, sollte den Leser vor Augen haben und sich so ausdrücken, dass der Leser das Geschriebene leicht verstehen kann. Das gilt auch für Journalisten, die in der Ausbildung nicht einfach in Schemata gepresst und um alle ihre Entfaltungsmöglichkeiten geprellt werden sollten. Wer etwa nach der niederschmetternden 4-W-Devise (Wer? Wann? Warum? Wie?) seine Berichte herunterhaspeln muss, wird nie mehr einen lesbaren Artikel im persönlichen Stil schreiben können. Das journalistenschülerhafte WWWW mag bei einer Unfallmeldung noch angehen, sonst aber wird mit solchen Regeln, die unbedarfte Journalisten als Gedächtnisstütze dienen sollen, auf dass die Unbedarften nichts vergessen, jede Kreativität schon beim allfälligen Keimen abgewürgt.
 
Die Wahl der richtigen Zeiten und Vorzeiten („Um 6 Uhr werde ich vom Bahnhof weggegangen sein“ = Vorzukunft, Futur II), der richtigen, gliedernden Interpunktionen usw. sind wertvolle Orientierungshilfen. Dazu verhelfen auch das angeborene oder durch häufiges Lesen erworbene Sprachgefühl und die Ordnung der Gedanken. Wer chaotisch denkt, wird chaotisch schreiben.
 
Wenn Sie Ihre Ideen ordnen und auf ein sprachliches Fundament bauen, können Sie sich auf einem weiten Spielraum tummeln. Sie können erreichen, „dass Sie zukünftig sprachlich auf sicheren Füssen stehen“, wie es im Vorwort zu Band 1 heisst, eine Abwandlung des Sprachbilds „auf wackeligen/unsicheren Füssen stehen“. Offenbar sind selbst leichte Zerrbilder erlaubt. Und auch sie bringen Farbe in die Sache.
 
Buchhinweise
Bieli, Fricker, Lyrén: „Deutsch. Kompaktwissen“, Band 1. h.e.p. verlag, Bern 2007. ISBN 978-3-03905-354-4 (plus Lösungsbuch).
Bieli, Fricker: „Deutsch. Kompaktwissen“, Band 2, h.e.p. verlag, Bern 2007. ISBN 978-3-03905-359-9 (plus Lösungsbuch).
 
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