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BLOG vom 22.09.2007


Besuch bei Starbucks Aarau: Neophyt auch im Kaffee-Sektor
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Danke für die Nachfrage. Es geht mir heute wieder glänzend.
 
Für ein paar Einkäufe war ich gestern, am späten Nachmittag, in Aarau, einer lebenswerten Kleinstadt im schweizerischen Mittelland, 6 km von meinem Wohnort entfernt. Im Kasinogarten studierte ich eine in einen Glaskerker eingesperrte Ambrosia-Pflanze, der hierzulande gerade der Kampf angesagt ist. Man kann das mit Fremdenfeindlichkeit abtun; denn die Ambrosia ist ein Neophyt, also eine eingewanderte fremde Pflanze. Doch hat das währschafte Gründe. Die Ambrosia verursacht Beschwerden, wie das schweizerische Bundesamt für Gesundheit (BAG, im Bulletin 2005-30) mitteilt: „Der sehr allergene Pollen kann Symptome ähnlich der Gräserallergie verursachen: triefende, juckende Nase; tränende, geschwollene Augen; kann Asthma auslösen (bei 25 % der Allergiker); kann Nesselfieber auslösen. Pollen kann tief in die Lunge eindringen und dort eine Entzündung oder Schwellung der Bronchialschleimhaut bewirken.“ Als Neophyten bezeichnet man, wenn man dem Wikipedia Glauben schenken darf, „Pflanzen, die bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt vom Menschen nach 1492, dem Jahr der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkamen. Damit gehören sie zu den so genannten hemerochoren Pflanzen“. Ja, viele Neophyten konkurrenzieren einheimische Gewächse (Parallelen gibts auch bei den Tieren; man spricht dort von Neozoen). Die Globalisierung hat zu einer eigentlichen Neophytenseuche geführt.
 
Ich habe mich schon oft gefragt, wieso uns Kolumbus das alles antun musste. Was hatte er nur gegen Europa? Tatsächlich stammt auch die Ambrósia artemisiifólia (Familie: Asteraceae), die auch Aufrechtes Traubenkraut genannt wird, aus Nordamerika. Diese Amerikanerin wird 20–90 cm hoch; ihre Stängel sind abstehend behaart, die Blätter doppelt fliederschichtig gestielt, und sie machten bei der an Aarau an den Pranger gestellten Pflanze einen etwas schlappen Eindruck, dem Verdorren nahe. Die Blütenköpfchen sind klein, eingeschlechtig und in einjährigen Trauben. In meinem eigenen Garten habe ich die Ambrosia noch nie angetroffen; auch öffentliche Ambrosia-Jäger wurden bei mir nicht fündig.
 
Ganz in der Nähe des Ambrosia-Schaukastens im Kasino-Allzweckgarten in Aarau ist seit dem 5. April 2006 das Starbucks-Coffeehouse installiert, das ich ebenfalls zu den Neophyten zähle, weil das den thematischen Übergang erleichtert. Starbucks ist so etwas wie der McDonalds’s des Kaffees, also eine weltumspannende Kette, die für einen global vereinheitlichten Geschmack besorgt ist, diesmal eben im Kaffeesektor. Ich erlaubte mir, erstmals in meinem Leben, ausnahmsweise ein Starbucks-House zu besuchen, obschon ich sonst US-Produkte strikte meide. Wer meine Blogs liest, wird dafür mehr als Verständnis aufbringen können. Die Ausnahme gestattete ich mir, um kompetent mitreden zu können.
 
Das Kaffeehaus ist in einem pavillonartigen Gebäude untergebracht; innen sind 35 Plätze und im Freien weitere 95 Loungesitzplätze auf einem Holzboden; alles wirkt offen, ja einladend. Etwas unbeholfen schaute ich mich im Inneren um und ging, dem Beispiel anderer Kaffeeliebhaber folgend, zuerst zur Kasse. Eine ausnehmend freundliche und auch hübsche junge Schweizerin fragte mich nach meinem Wunsch. Nun war mir natürlich bekannt, dass es viele Sorten und Arten von Kaffee gibt, und ich erkundigte mich mit gebotener Höflichkeit, was denn da angeboten werde. „Alles!“ tönte es fröhlich und im Brustton der Überzeugung hinter der Kasse hervor, „bei uns können Sie alles haben.“ Ich fragte mich nach einer Spezialität durch. Wir einigten uns schliesslich nach längeren Sondierungsgesprächen auf einen Caffè Mocha, also einen Espresso mit Mokka, heisser Milch und geschlagenem Rahm. Dann brauchte ich bloss noch eine Art Bierhumpen aus dickem Steingut zu wählen, von denen 3 Grössen neben der Kasse aufgereiht waren: gross (tall), grösser (grande) oder sehr gross (venti). Der grösste tendierte gegen 1 Liter. Dummerweise entschied ich mich für die mittlere Grösse und bezahlte die CHF 7.60. Ich sammelte auf einem Tischchen ganz in der Nähe die Prospekte ein, die dort aufgereiht waren, und bevor ich das Sortiment beisammen hatte, rief eine männliche Stimme im Befehlston: „Mokka gross“, womit nur ich gemeint sein konnte. Ich nahm den Humpen, der auf einer Abstellfläche neben dem Kassenbereich stand, zusammen mit einem überlangen Kaffeelöffel in Empfang und zirkulierte zu einem freien runden Tischchen.
 
Auf dem schweren Humpen thronte in eine Spitze zulaufende Haube aus luftigem Schlagrahm. Ich begann sogleich, mich durch diesen durchzuarbeiten, um zum Kaffee zu gelangen, Löffel um Löffel, eine richtig amerikanische Portion. Mit solch einem Rahmberg, der mich an den Mount Washington in der Nähe der Zuckerahornplantagen in New Hampshire erinnerte, hatte ich bei meiner Bescheidenheit nicht gerechnet. Der Rahm schmeckte richtig süss, wie man es üblicherweise nur mit der Süsskraft eines Glucosesirups hinkriegt.
 
Nach einiger Zeit des Löffelns hatte ich die Übergangszone zwischen Rahm und Kaffee endlich erreicht, erfreulicherweise. Die oberste, noch mit Rahm durchsetzte Kaffeeschicht war noch etwas verdünnt und zu süss, doch das konnte nur noch besser werden. Ich trug die Mischzone sorgfältig ab und erreichte dann eine milchkaffeebraune Gegend, in der die Milch das Kaffeearoma in Mitleidenschaft zog. Ich vermisste die kaffeebetonte geschmackliche Abrundung, und trank, des Löffelns müde, im Bierkonsumationsstil aus dem Humpen in der Hoffnung, allmählich den Boden zu erreichen. Als ich mich den Tiefen näherte, zu denen sich früher nur die Kaffeesatzleser vorgewagt hatten, stellte ich fest, dass ich es unterlassen hatte, mit dem langen Löffel rechtzeitig tüchtig zu rühren, denn dort unten lag als Bodensatz so eine Art Schokoladepulver herum, das ich noch mit dem letzten halben Deziliter der beschriebenen Flüssigkeit in eine kreisende Bewegung (rechtszirkulierend) brachte, wobei ich mich nicht scheute, am Boden zu kratzen, um alles in eine Emulsion zu versetzen. Dann trank ich das Schokoladewasser in einem letzten Zug aus.
 
Geschafft. Zur Erholung studierte ich noch die eingesammelten kaffeebraunen Prospekte, mich weiterbildend. Im Kapitel „Espresso-Getränke“ ging es um aufgeschäumte Milch: „Macchiato heisst ,markiert’ auf italienisch – ein Espresso, der mit einer kleinen Menge aufgeschäumter Milch ‚markiert’ wird.“ War damit wohl der Schäumchentrick gemeint? Der Cappucino sei ein „Espresso-Shot“, las ich weiter, „der mit aufgedampfter Milch vermischt und mit einer dicken Haube aus cremigem Milchschaum versehen wird.“ Selbst beim Caffè Latte (Milchkaffee) pflegen die Amerikaner zu schiessen: „Aufgedampfte Milch, gemischt mit einem starken, vollmundigen Espresso-Shot (= Schuss) mit aufgeschäumter Milch dekoriert.“ Wahrscheinlich für schnell schiessende Jäger, Krieger und Söldner ist der „Espresso-Shot“ bestimmt: „Ein Espresso-Shot besteht aus 3 Schichten: der aromatischen Crème, dem Körper und dem dichten Abgang. Geniessen Sie ihn unmittelbar, solange der vergängliche Geschmack am Höhepunkt ist.“
 
Was mich weit mehr als diese Expressschiessereien begeisterte, war der Prospekt „Starbucks und Fair Trade“, dem ich entnahm, dass Starbucks Kaffee mit dem Max-Havelaar-Gütesiegel verwendet und sich dafür einsetzt, dass die Lebensumstände der im Allgemeinen ausgebeuteten Kaffeebauern verbessert wird, indem sie einen fairen Preis für ihre Ernte erhalten. In dieser globalisierten Welt, wo Raubzüge die bestimmenden Elemente sind, ist das schon etwas, und meine Sympathie zu Starkbucks wuchs ins Unermessliche. Ich las in einem Prospekt „Soziale Verantwortung“ dazu noch: „Starbucks stellte 2006 insgesamt 1,7 Millionen USD für Investitionen in kaffeeanbauenden Gemeinden bereit, wodurch 44 Projekte unterstützt wurden, die ca. 130 000 Menschen zu Gute kamen.“
 
Ich machte mich wohlgenährt auf den Heimweg, an der eingekerkerten Ambrosia vorbei. Das geschah im Gefühl, etwas zu einer besseren Welt beigetragen zu haben. Doch in meinem Organismus begann der Caffè Mocha aus Espresso, Mokka, heisser Milch und Schlagrahm zu wirken. Irgendwie schien es mir, ob die Schlagrahmbildung noch nicht ganz abgeschlossen sei. Jedenfalls fühlte ich mich auf dem Gang zur Bushaltestelle bei der alten Post fürchterlich aufgebläht, es stellten sich Rülpser und dergleichen ein, die mir jeweils für eine begrenzte Zeitspanne Erleichterung verschafften.
 
Selbstverständlich möchte ich nicht Starbucks für meinen bedenklichen Zustand verantwortlich machen, gleichgültig ob die Mokka/Schokolade-Kombination oder irgendein Rahmversteifungsmittel, aufgeschossene uperisierte Milch oder was immer meinen gegen Industriekost rebellierenden Organismus auf dem falschen Fuss erwischten. Was für Milchschüsse verwendet werden, ob Ultrahocherhitzungen und im Interesse der Rahmsteifheit irgendwelche Chemikalien wie Distickstoffmonoxid (Lachgas) im Spiele waren, kann ich mit dem besten Willen nicht sagen, da sich meine Unterlagen darüber ausschweigen. Und Starbucks kann schliesslich nichts dafür, dass sich mein auf Naturprodukte wie handgeschlagenen Frischrahm ausgerichtetes Verdauungssystem höchst beleidigt fühlt, wenn ich ihm Industrieprodukte zuführe. Ich habe mich ein einziges Mal in meinem Leben dazu hinreissen lassen, heimlich eine Schmerztablette zu schlucken (bis heute hat noch niemand davon erfahren). Der Magen hat diese unverzüglich wieder zurückgeschleudert. Sie landete auf direktem Wege im Abwasser, und noch heute fühle ich mich wegen dieser gedankenlosen Gewässerverschmutzerei schlecht und möchte mich nachträglich noch bei allen hinterbliebenen Aare- und Rheinfischen entschuldigen.
 
Daheim angekommen, tat ich Eva kund, ich brauche nichts zu Abend, ich brauche nur einen Cognac Napoléon. Sie sei froh, nicht kochen zu müssen, antwortete es aus dem Abwurf in die Waschküche, dann könne sie gleich an der Wäsche weiterarbeiten. Starbucks habe schon seine Vorzüge. Ich brauchte dann noch einen zweiten Weinbrand. Aber dann ging es mir wirklich wieder viel besser. Ich bin sicher, keine bleibenden Schäden davongetragen zu haben.
 
Ich esse bereits heute wieder normal.
 
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