Textatelier
BLOG vom: 28.09.2007

Erlebnisse im Kantonsspital Aarau (2): Was heisst „gelöst“?

Autor: Heiner Keller, Ökologe, Oberzeihen CH (ANL AG, Aarau)
 
Möglichst schonend bereite ich die Information meiner Büro- und Geschäftspartner vor. Am Unverfänglichsten schienen mir dosiert verbreitete E-Mails:
 
„Reduzierte Verfügbarkeit von Heiner Keller.
Verschiedene Unpässlichkeiten brachten mich in die Mühlen medizinischer Abklärungen mit immer weiteren Ergebnissen. Ärzte verbreiten Hoffnung und raten zu raschen Operationen. Ich werde deshalb meine Aktivitäten in der nächsten Zeit (September 2007) einschränken und konzentrieren müssen. Die Stellvertretung in der ANL AG wird von Erwin Leupi und Mara Schaller (info@anl.ch) übernommen. Ich danke Ihnen für das Verständnis und grüsse Sie freundlich.“
 
Viele Leute sind in den Ferien. Ich empfinde das als wohltuend. Ich gewinne Zeit, und die Abwesenden müssen nicht sofort reagieren. Umso heftiger ist die Reaktion im Büro: Ist der Tumor bös- oder gutartig? Eine Frage, die ich in persönlichen Gesprächen noch oft spontan gestellt bekomme und die ich überhaupt nicht verstehe. Die Entscheidung für eine Operation ist gefallen, weil niemand erkennen kann, was der Tumor vor hat. Damit ist doch völlig obsolet, ob das Ding gut oder böse ist. Was heisst das überhaupt?
 
Ich spüre das weit verbreitete Entsetzen vieler Menschen auf das Stichwort Tumor. Sofort kommen eine grosse Angst und eine Hilflosigkeit vor Krebs auf. Diese wird moralisch gemildert durch die stete Hoffnung auf Gutartigkeit und Heilbarkeit. Ich will mich solchen Spekulationen und Volksweisheiten nicht stellen. Das Leben ist mir viel zu schade, um es mit Jammern und dem Kultivieren von Ängsten zu verbringen. Ich reagiere ironisch, schroff oder unverständlich gehässig. Ich bemühe mich um die Weiterführung meines gewohnten Lebens.
 
Meine Büropartner drängen mich: Jetzt müssen wir noch Deine Projekte übergeben und regeln. Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass es in dieser Situation etwas Besonderes zu regeln gibt. Jetzt arbeiten wir seit Jahren zusammen, finden keine Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen, die mich entlasten können, und jetzt, in der angeblichen Not meiner befristeten Abwesenheit, glaubt jemand im Ernst, an dieser Situation etwas ändern zu können. Das ist nicht meine Art des Lebens. Ich lebe jetzt, hier und heute und glaube, mit mir im Reinen zu sein. Ich weigere mich, besondere organisatorische Übungen zu inszenieren. Auf die nicht endende Fragerei hin werde ich deutlich: Wenn alles wie geplant verläuft, bin ich innert Monatsfrist zumindest reduziert wieder verfügbar. Reduziert deshalb, weil ich noch viele Wochen Ferien zu Gute habe und davon noch etwas profitieren möchte. Für den Fall, dass es schief geht, habe ich meine Kündigung geschrieben. Dann müsst Ihr selber schauen, wie Ihr weiterkommt.
 
Ich vermute, dass das keine konventionelle Art ist, Menschen zu führen und Projekte zu lösen. Vielleicht fühle ich mich gerade deswegen so gut und so sicher. Sind wir denn nicht alles erwachsene Menschen, die nach 20 Jahren Ausbildung auch ein wenig selber auf sich aufpassen können? Und den kreativen, den anspruchsvollen Teil meiner Projekte sehe ich als gelöst an. Was heisst denn gelöst? Wenn das Ziel und der Weg zum Ziel klar, überlegt und unwiderruflich sind, ist das Problem gelöst. Jetzt gilt es nur noch, am Ziel festzuhalten und beharrlich Stein um Stein auf dem Weg wegzuräumen. Zu schreiben und zu erläutern sind die vielen erforderlichen Berichte und Begründungen. Das ist nicht mehr so schwierig, wenn man sich nicht immer wieder vom Weg abbringen lässt.
 
Ich bin allen Leuten dankbar, die mich in dieser Zeit normal behandelten und mich in der getroffenen Entscheidung bestärkten: „Machen Sie das! Ich erlebte einen Nachbarn, bei dem man den Tumor erst entdeckte, als er Beschwerden hatte. Von Tag zu Tag musste man seinen Zerfall konstatieren. Ich wünsche Ihnen Glück und alles Gute.“
 
Fortsetzung folgt.
 
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