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BLOG vom 29.09.2007


Malcantone (1): Als die Zeit für den Kastanienregen reif war
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Das Malcantone, das etwa 7 km westlich von Lugano bzw. 4 km westlich des Tessiner Haupttals (dort heisst dieses Val d’Agno) liegt, macht den Eindruck einer einsamen Welt. Ein Katzensprung (bzw. Kastaniensprung) von dem berühmten grossen Fremdenort Lugano und von den grossen Nord-Süd-Verkehrsströmen genügt, um sich in eine um Jahrhunderte gealterte Kulturlandschaft zu versetzen, die durch eine Gebirgswand aus Monte Croce, Monte Lema, Pne di Breno, Monte Magno, Monte Gradiccioli und Monte Tamaro gegen Italien abgeschlossen wird. Die kompakten Dörfer kleben beidseitig an den Hängen oberhalb des kleinen Flusses Magliasina, von der sogar eine Traubensorte den Namen erhalten hat. Die Magliasina sammelt das Wasser einiger Bergbäche und liefert dieses zwischen Magliaso und Caslano dem Luganersee (Lago di Lugano) ab.
 
Liegt der Luganersee 271 m ü. M., bringt es die höchstgelegene Gemeinde des Malcantone, Arosio, auf 859 m. Die Höhendifferenz spürt man bei der Fahrt von Manno bzw. Gravesano, von wo eine gewundene, steile und eher enge Passstrasse hinauf nach Arosio führt. Von grossen Kastanienbäumen regneten gerade die Kastanien auf den Asphalt herab, als wir am sonnigen 21. September 2007 diese Strecke hinauf fuhren.
 
Der Kastanienweg
Das war die passende Einstimmung aufs Malcantone, wo die Kastanien in mehrfacher Hinsicht eine bedeutsame Rolle spielen. Und dementsprechend wurde dort ein Kastanienweg (Sentiero del castagno) eingerichtet, dem unsere zweitägige Exkursion galt. Traditionell war die Kastanie im Tessin das Grundnahrungsmittel, vor allem für die Wintermonate, und ganz besonders dürfte das auf das Malcantone zutreffen, wo es grosse Kastanienwälder gibt, in denen uralte Baumriesen von der Ernährungsgeschichte vor der Ankunft von Kartoffeln und Mais zu erzählen wissen. Die Kastanien wurden im Kaminfeuerrauch getrocknet und dabei auch desinfiziert. Innewohnenden Maden wurde das Überleben erschwert. Das Kastanienmehl verarbeitete man zu Brotfladen, allerhand Teigwaren und Suppen, oder aber man briet die auf der gewölbten Seite eingeschnittenen Kastanienfrüche auf der glühenden Kastanienholzkohle. Jedenfalls hat das Malcantone, das „Land zwischen Sopraceneri und Sottoceneri“ (sopra = über, sotto = unter), in den letzten Jahren seine touristische Identität auch als Kastanienland gefunden, und es enttäuscht seine Besucher in dieser Hinsicht nicht, macht dem neuen Namen alle Ehre.
 
Selbst die wichtigste Strasse, die durchs Malcantone führt, und die Verbindungen zwischen den Talseiten (zwischen Breno und Cademario) sind schmal und kurvig, und das mittelgrosse Postauto, das für recht gute Verbindungen sorgt, findet zwischen den Steinhäuserreihen der Dörfer gerade genug Platz. Als am Samstag, 22. September, die Hauptstrasse durchs Dorf Mugena wegen Belagsarbeiten für den Durchfahrtsverkehr gesperrt war, führte dies zu einer abenteuerlichen Umfahrung hinunter zum Weiler Caroggio (694 m) und wieder hinauf nach Vezio, genau über die Strecke, die wir am Vortag zu Fuss bewältigt hatten.
 
Die Dörfer gleichen sich alle, was Grösse, Geschlossenheit, Bauweise und selbst was die Kirchen anbelangt. Sie sind harmonisch, von einem ausgesporchenen Empfinden für Proportionen geprägt – Gesamtkunstwerke sind es samt und sonders. Sie alle sind vom liebenswerten Tessiner Charakter und den dort vorkommenden Baumaterialien gezeichnet, suchen hinter hohen Naturstein- oder Ziegelmauern Schatten und wohl auch Schutz. Es sind fast kleine Festungen, die den Besuchern aber gern offen stehen, wenn sie in freundlicher Absicht zu den freundlichen Menschen kommen.
 
Zeitzeichen in Arosio
In Arosio gibt es im unteren Dorfteil (beim Kindergarten) ausreichend Parkplätze. Man begegnet dort unwillkürlich den Wanderwegweisern mit einer symbolisierten aufgesprungenen Kastanie – weil es sich beim Kastanienweg um einen Rundweg handelt, zeigen sie in beide Richtungen. Wir wählten den Kastanienweg hinauf zur Kirche und dann nach Westen gegen Mugena. Hätten wir die andere Richtung eingeschlagen, wären wir im schattigen Wald bei Arosio am Grotto Sgambada vorbeigekommen.
 
Arosio leistet sich den Luxus, über 2 Ortskerne zu verfügen, die durch die mittelalterliche Kirche San Michele verbunden sind, auch wenn im Ort total nur etwa 250 Personen residieren. Die romanische Kirche, 1217 erstmals erwähnt, wurde im 17. Jahrhundert umgebaut – meines unmassgeblichen Erachtens hätte man alle romanischen Kirchen in ihrer herben Schlichtheit niemals abändern dürfen. An der Kirchenfassade sind die Bauetappen abzulesen. Das Innere ist wegen der von Antonio da Tradate im Jahr 1508 geschaffenen Fresken bekannt. Der rechteckige Turm mit der Zwiebelbekrönung (1769) zeigt die Glocken und die dazugehörende Mechanik, wie dies im Tessin guter und auch ein schöner Brauch ist. Sie ruhen oder schwingen zwischen Fensternischen an Rädern.
 
Die italienische und die babylonische Zeit
Das Informationsbüro „Malcantone Turismo“ in CH-6987 Caslano (www.malcantone.ch) hatte mir freundlicherweise den Prospekt „Il pericorso del sole“ (Auf Entdeckung der Sonnenuhren im Malcantone) zugestellt. Dieser informativen Broschüre, die von Luciano Dall’Ara verfasst worden ist, sind einige der nachfolgenden Angaben entnommen.
 
Zeitmesser, die mit der Sonne zusammenarbeiten, trifft man im Malcantone auf Schritt und Tritt. Bei der Pfarrkirche San Michele in Arosio haben sie sich in grosser Zahl versammelt; sie bilden insgesamt eine Art gnomonische (nicht winkeltreue) Beobachtungsstation. Eine Sonnenuhr an der Kirchenwand beispielsweise zeigt die italienischen Stunden, die inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Die italienischen unterscheiden sich von unseren gebräuchlichen (und immer viel zu kurzen) astronomischen Stunden (auch deutsche oder französische Stunden genannt) dadurch, dass der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt, obschon Tagesbeginn und -ende mit der Zahl 24 (Mitternacht) zusammenfallen. Der Unterschied besteht darin, dass die Stundenzählung tatsächlich einfach bei Sonnenuntergang beginnt. Dieses System war im Tessin bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Gebrauch.
 
Eine geradezu babylonische Zeitverwirrung kann sich ergeben, wenn die babylonischen Stunden angezeigt werden. Sie entsprechen eigentlich den italienischen Stunden; doch der Unterschied besteht darin, dass die Stundenzählung nach der Art der Babylonier (zwischen den heutigen zerbombten Bagdad und dem Persischen Golf) mit dem Sonnenaufgang einsetzt. Im Tessin waren früher beide Systeme nebeneinander in Gebrauch, und ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere Tessiner manchmal einige Stunden zu früh oder zu spät zu einem Termin erschienen ist ...
 
Vor der Arkadenhalle der Kirche in Arosio sind mehrere originelle Sonnenuhren in einen Würfel aus Kalkstein eingeritzt, der auf einer Halbsäule ruht. Dabei handelt es sich um 3 vertikale und 1 horizontale Sonnenuhr. Die Zifferblätter dieser Uhren sind genau auf den Meridian (Nord-Süd-Linie) ausgerichtet. Die beiden Uhren auf der Ost- und Westseite gehören zum seltenen Typ der „polaren Sonnenuhren“. Hier verlaufen die Stundenlinien parallel zueinander wie die Sprossen einer Leiter, und der ebenfalls parallel verlaufende Schattenstab ragt wie ein Steg aus der Zifferblattfläche heraus. Das nach Süden gerichtete Zifferblatt seinerseits weist das gewohnte, fächerartige Liniennetz auf. Der Polstab hat einen Neigungswinkel von 44 °. Auf diesem Zifferblatt sind neben der Mittagslinie mit römischen Zahlen bezeichnete Linien zu sehen, aus denen die wahre Sonnenzeit hervorgeht. Die übrigen Linien geben ebenfalls die wahre Zonenzeit an; das heisst, dass darin die Differenz von 24 Minuten berücksichtigt ist, die sich für die spezielle geografische Länge von Arosio im Vergleich zum Zeitmeridian unserer Zeitzone (MEZ) ergibt – jeder Punkt auf dieser Erdoberfläche hat ja seine spezielle Lage und im Prinzip seine eigene Zeit. Sogar auf der waagrechten Würfelfläche (oben) ist noch eine Sonnenuhr untergebracht, deren Schattenstab in Übereinstimmung mit der geographischen Breite von Arosio um 46 ° geneigt ist. Die horizontale Sonnenuhr funktioniert während des ganzen Tages (d. h. wenn immer die Sonne scheint, was im Tessin häufig vorkommen soll).
 
Weitere Sonnenuhren gibt es an der Pfarrkirche von Mugena, an der Hammerschmiede von Aranno, am Kirchturm von Miglieglia, am Museum des Malcantone in Curio (2), 6 Stück finden sich in Bedigliora, 2 in Banco di Bedigliora, eine an einem Tessiner Haus in Beredino di Sessa (eine weitere ist noch als Schattenstab im Zerfall vorhanden). Weitere sind in den Dörfern Sessa, in Persico di Monteggio, in Busino, Crogio, Pura, Magliaso, Agno und Bioggio anzutreffen. Ich habe den kleinsten Teil davon gesehen.
 
Astono kann auch mit berühmten Baumeistern aufwarten. Einer von ihnen war Domenico Trezzini, der 107 vom Zaren Peter der Grosse nach Russland berufen wurde, um die Bauten der neuen Residenzstadt, aus der dann Leningrad und 1991 schliesslich Sankt Petersburg wurde, zu planen und zu überwachen. Von Trezzini stammen dort das Alexander-Newski-Kloster mit der blauen Fassade und die Peter-und-Paul-Kathedrale. Auch andere Malcantoneser Baumeister waren im Ausland erfolgreich, so etwa der ebenfalls aus Arosio stammende Francesco Boffa, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Odessa tätig war, und Luigi Rusca aus Mondonico bei Agno, der am Hof von Katharina der Grossen wirkte.
 
Von Kastanie zu Kastanie
Es ergeht mir bei Exkursionen immer so: Ich komme nicht vorwärts; überall scheinen Bremsen eingebaut zu sein, die mich am Weitergehen hindern, selbst wenn es Uhren sind, die gnadenlos den Zeitenlauf mitmachen. Aber ich zwang mich dann doch auf den Kastanienweg.
 
In südlicher Richtung wanderten wir zügigen Schritts auf einem Asphaltsträsschen, das bald einmal ohne Teerung auskommt und in einem lichten Wald verschwindet, den der Herbst gerade einzufärben begann. Obschon beim Ristorante San Michele zahlreiche Bildhauerarbeiten lockten, schritten wir tapfer weiter und warfen noch einen Blick hinunter zum Ristorante Il Castagno mit einem Weiher davor, in dem ein Baum aus Schmiedeisen steht – beide Häuser merkte ich mir für den Abend vor.
 
Mugena: Wo der Tag am Abend beginnt
Dann waren wir sogleich in Mugena, wo es eine Sonnenuhr mit den italienischen Stunden gibt, wobei die 24-Stunden-Linie allerdings nicht mit dem Sonnenuntergang zusammenfällt, sondern um eine halbe Stunde zurückversetzt ist – zum Ave-Maria-Läuten, das einst die Abenddämmerung ankündigte. Wahrscheinlich ist der Brauch, der früher im Sottoceneri verbreitet war, den neuen Tag mit der Abenddämmerung einzuläuten, der Grund dafür, dass viele Tessiner erst am Abend so richtig aufzublühen beginnen. Jedenfalls werden in den Ristoranti und Grotti die warmen Speisen frühestens um 19 Uhr serviert. Ich habe immer das Gefühl, das Leben beginne im Tessin, wenn wir Nordländer müde sind und erste Träume vom warmen Bett auftauchen. Es könnte sein, dass das südlichere, wärmere Klima diesen besonderen Rhythmus als der sinnvollere vorgibt. Ich habe jedenfalls das unbestimmte Gefühl, mich dem Verständnis der Tessiner Lebensart wieder ein Stück weit angenähert zu haben.
 
Nach unserer mitteleuropäischen Zeitrechnung war es allerdings erst etwa 13 Uhr (Sommerzeit) und recht warm. Auf unsere eingefleischte Nordschweizer Weise quälten wir uns ab, unser Programm zu erfüllen. Das war immerhin sehr angenehm. Denn die Luft ist sauerstoffreich, die grüne Landschaft meist weich und phantasievoll geformt. Die meistens nahe beieinander liegenden Dörfer sind in die Naturlandschaft eingebettete Aquarelle, so auch Mugena, das die Heimat der Mercoli war, eine Familie von Malern und Graveuren (Kupferstechern). Einer von ihnen war der Maler Bernardino Mercoli (1682–1746), weitere hiessen Giacomo Mercoli, sein Sohn war  – vielversprechend – Michelangelo Mercoli, und auch sein Enkel (noch einmal) Giacomo. Sie trugen zur Berühmtheit von Mugena bei. In solchen Abgeschiedenheiten in Tälern und an Hügellagen können künstlerische Talente offensichtlich hervorragend gedeihen.
 
Am Dorfeingang verpflegte sich eine vierköpfige Deutschschweizer Rentner-Wandergruppe mit Äpfeln (die Damen) und Würsten (die Herren). Sie waren schon lange in entgegengesetzter Richtung auf dem Kastanienweg unterwegs und hatten sich gewisse Abkürzungen erlaubt. Doch wir aber entschieden uns fürs Kastanienweg-Vollprogramm zum an sich nahen Vezio. Die kürzeste Verbindung ist die Hauptstrasse – etwa 1 km. Der Kastanienweg aber schweift nord- bzw. hangaufwärts aus und vollführt serpentinenartige Kapriolen.
 
Darüber werde ich im nächsten Blog berichten, um dem Leser eine gewisse Verschnaufpause zu geben und sich inzwischen beim nächsten Maronibrater mit den herrlichen, süsslichen Früchten einzudecken.
 
Hinweis auf ein weiteres Kastanien-Blog
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
(Reproduktionsfähige Fotos zu all diesen Beschreibungen können beim Textatelier.com bezogen werden.)
 
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