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BLOG vom 19.10.2007


Das versteckte Wasser, das die versteckten Mühlen antrieb
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Versteckspiele gehören zu den Launen der Natur und des Menschen gleichermassen; aber meistens stehen Zweckmässigkeitsüberlegungen dahinter.
 
Durch poröses Gestein abfliessendes Wasser schafft im Untergrund Höhlen und Grotten, und diese Hohlräume im Versteck können beispielsweise als Unterkunft für Mühlen dienen. Im Col des Roches ist das geschehen.
 
Wie das Brévinetal, so ist auch das Tal von Le Locle NE eines ohne sichtbaren Abfluss. Ab dem Crêt-du-Locle (zwischen La Chaux-de-Fonds und Le Locle) ist die sich gegen unten vertiefende Mulde zwischen dem Pouillerel im Norden und dem Sommartel (dem Mont-Cornu) im Süden von 2 Sätteln flankiert. In einer solchen Mulde würde man logischerweise einen See erwarten, denn die Niederschläge fallen schliesslich nicht allein dort an, wo ein oberirdischer Fluss für die Wasserableitung besorgt ist. Einen kleinen Bach, den Bied, gibt es schon. In Le Locle ist er unter die Erde verlegt, und weiter unten weiss er nicht mehr so richtig, wie es weitergehen soll. Bei starken Niederschlägen bildet sich denn auch oft in der Talsohle ein See, und wenn ein Ort ein Lied von Überschwemmungen singen konnte, war es das alte Le Locle. Eine gewisse Wassermenge verschwand bis ins Jahr 1805 im natürlichen, porösen (kieseligen) Kalksteinbecken der Col-des-Roches, aber diese Schluckkapazität reichte bei Regenwetter oft nicht aus. Le Locle verdankt diesem Abtauchen des Wassers sogar den Namen: Lochcle bedeutet im Keltischen „verstecktes Wasser“.
 
Die Lage verbesserte sich, nachdem auf Veranlassung von Jean-Jacques Huguenin zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Kanal durch die Roches-Voumard gebohrt worden war, der einen Teil des Wassers über einen 90 m hohen Wasserfall ins Tal von La Rançonnière wirft. Damit war das Abflussproblem verbessert, aber noch nicht zufriedenstellend gelöst. Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass Le Locle nie unter Wassermangel litt, und dieser Wasserreichtum reicht sogar zum Betrieb des Kraftwerks La Rançonnière, bevor das Wasser zur Vergrösserung des Doubs beiträgt. Zwischendurch (nach dem Austritt aus den Karsthöhlen) heisst Le Bied dann La Rançonnière. Dieser Bach bildet südlich von Les Brenets ein kleines Sumpfgebiet („Les Goudebas“), bevor er im Lac des Brenets (und damit im Doubs) aufgeht.
 
Nach unserer Exkursion zum Doubs-Sprung (Saut-du-Doubs) am 8. Oktober 2007 wurden wir mit einem Kleinbus von der Anlegestelle Les Brenets zum Col-des-Roches chauffiert. Die Reise führte einer Felswand entgegen und hinauf über eine Passstrasse, die auch vor Tunnels nicht zurückschreckt, zum Col (=Gebirgspass) hinauf; ursprünglich soll der Name Cul de roches (=Felsenarsch) gelautet haben ... Von Norden betrachtet, handelt es sich bei ihm um einen V-förmigen Einschnitt im Fels, als ob ein Riesenkeil hineingetrieben worden wäre.
 
Wo seit Jahrhunderten gemahlen wird
Auf der Südseite spielte sich während Jahrhunderten eine bemerkenswerte Mühlengeschichte ab, die ihresgleichen sucht. Sie soll schon 1549 begonnen haben, als Pierre und Jacques Descombes am unteren Bied-Lauf eine Getreide- und Dreschmühle bauten, was an sich nichts Besonderes war. Auch der Umstand, dass sie ihre Anlage in natürliche Kalksteinbecken in den Felswänden erstellten, mag niemanden vom Stuhl zu werfen; das Vorbild wurde am Lac des Taillères, in Cerneux-Péquignot und in La Ronde bei La Chaux-de-Fonds übernommen. War meistens nur das Räderwerk unterirdisch, verschwand aber im Falle der Mühlen beim Col-des-Roches die gesamte Anlage im Untergrund. Innerhalb der Kalksteinbecken des Col-des-Roches war die Wasserströmung gross genug, um Mahlwerke der insgesamt 5 übereinander liegenden Mühlen zu betreiben, wobei das grösste Wasserrad ganz unten war. Die ausgeklügelte Technik verdient das Prädikat „genial“, wie die kundige und gleichermassen liebenswürdige Führerin Verena Gander sagte. Sie musste zuerst einmal einen Hustenanfall überwinden – eine bei diesem feuchten und kühlen Klima, wegen dem das Wasser rauschte und manchmal von den Wänden tropfte, verständliche Begleiterscheinung.
 
Das Wasser war als Antriebsenergie unerlässlich. Bei einer konstanten Lufttemperatur von etwa 7 °C im Untergrund war es jahreszeitlichen Schwankungen entzogen, das heisst die Mühlen konnten rund ums Jahr betrieben werden. Aber in seiner Version als Luftfeuchtigkeit war das Wasser eine schwere Belastung. Das Getreide, ob als Körner oder als Mehl, beginnt unter solchen klimatischen Bedingungen nach kurzer Zeit schimmlig zu werden. Also mussten die 100 bis 120 kg schweren Getreidesäcke herein getragen, ihr Inhalt sofort vermahlen und das Mehl unverzüglich wieder aus der Müllereianlage geschleppt werden. Die Bauern brachten die Körner, nahmen das Mehl mit und verarbeiteten es möglichst zu Brot, das sich, zweckmässig gelagert, einige Wochen hielt.
 
Die Mühle sollte in dieser ausgesprochen feuchten Atmosphäre bald zerfallen. Die Anlage blühte erst wieder auf, als Daniel Sandoz aus den Montagnes de Valangin, eine ausgesprochene Unternehmerpersönlichkeit, ab 1660 das Zepter über den gesamten unteren Bied-Lauf übernahm und die verlotternden Mühlen instand stellte. Doch reichte sein Geld nicht für alle seine Unternehmungen, wozu auch ein Eisenwerk in Noiraigue gehörte, und es folgten mehrere Besitzerwechsel. 1751 setzte Hochwasser den Einrichtungen arg zu.
 
Ab 1772 gehörten die unterirdischen Mühlen Daniel Huguenin-Virchaux und ab 1780 dann 17 Jahre lang Abraham-Louis Matthey. In seiner Zeit wurden sie zu einem Reiseziel, ein willkommener Zusatznutzen. Mit dem Abflussstollenbau war das Überschwemmungsrisiko zurückgegangen, wie gesagt, doch 1812 richtete wieder ein Hochwasser grossen Schaden an. Und die Ungewissheiten über den Weiterbetrieb dauerten bis 1842. Damals kaufte der Württemberger Jean-Georges Eberlé die Anlage und industrialisierte sie mit Gründlichkeit. Eine Turbine sowie ein Wasserrad wurden ersetzt, ein Gebäude für die Behandlung der Mahlsteine erbaut und sogar eine unterirdische Sägerei eingefügt. Das Bearbeiten eines stumpf gewordenen Mahlsteins dauerte etwa 3 Tage und war auserlesenen Spezialisten vorbehalten.
 
In „La Suisse historique et pittoresque“ (1857) las man über die Konstruktion der Mühlenserie: „Das Wasser, welches das erste Rad zum Drehen bringt, fällt auf das zweite und bringt es in Bewegung und so weiter bis zum letzten. Dann verschwindet es im Abgrund eines Schlunds, eine Art natürliches Abflussbecken, das man hier in der Gegend ,Chaudière’ (Dampfkessel) nennt.“
 
Im Jahr 1835 besuchte der dänische Märchenerzähler Hans Christian Andersen die Mühlen. Er berichtete darüber wie folgt: „Wir steigen die Treppe hinab, nach dem Keller. Hier stehen Säcke und Kisten mit Mehl. Unter dem Boden vernimmt man ein wunderbares Gebrause; noch einige Stufen hinab, und wir müssen die Lampe anzünden, denn hier ist es dunkel. Wir befinden uns in einer grossen Wassermühle, einer unterirdischen Mühle. Tief unter der Erde brauset ein Fluss; oberhalb träumt niemand von demselben; das Wasser stürzt mehrere Klafter über die rauschenden Räder hinab, die unsere Kleider zu ergreifen und uns im Kreise mit sich herumzuwirbeln drohen. Die Stufen, auf denen wir stehen, sind schlüpfrig; die steinerne Mauer trieft vor Wasser, und keinen Schritt weiter scheint die Tiefe bodenlos! O, Du wirst diese Mühle lieben, wie ich sie liebe!“
 
Im Detail ist die Mühlen-Geschichte in der ausgezeichneten Broschüre „Die unterirdischen Mühlen des Col-des-Roches“ von Caroline Calame und Orlando Orlandini aufgezeichnet, dem viele Angaben für dieses Tagebuchblatt entnommen sind. Ich beschränke mich hier hinsichtlich des weiteren Geschehens auf die Angabe, dass die Mühlenanlage am 12. Juli 1884 vom Gemeinderat Le Locle für 78 500 Franken von Eberlés Erben ersteigert worden sind. Die Gemeinde war vor allem an der Konzession für den Wasserlauf interessiert. Denn der Bied diente ja als Hauptzufluss und Antriebskraft des Werks, und er sollte ab 1890 auf die Turbinen des Elektrizitätswerks an der Rançonnière umgeleitet werden, was die Mühlengeschichte beendete. Das Wasser diente nun neuen Zwecken.
 
Schlachthaus-Szenen
1989 beschlossen die Behörden von Le Locle, die Mühlen zu einem Grenzschlachthaus umzubauen; der Standort in der Nähe der neuen schweizerisch-französischen Bahnlinie war günstig. Auf Veranlassung des Eidgenössischen Landwirtschaftsdepartements wurden hier nun die Kontrollen an importiertem Vieh durchgeführt. Es gab zu jener Zeit viele Tierseuchen, vor allem die Maul- und Klauenseuche, und das kranke Rindvieh musste geschlachtet werden. Es wurden Warteställe und Schlachthallen eingerichtet. Doch herrschten offenbar fürchterliche Zustände, worunter wahrscheinlich vor allem die Tiere litten. Zudem wurde die Mühlen-Höhle als Abfallgrube für Tierkadaver und Schlachtabfälle benützt und zum Teil aufgefüllt, bis dann das Schlachthaus am 22. Februar 1966 definitiv geschlossen wurde. Zu all dem hier versammelten stinkenden Zeug kamen die Abwässer von einer Autowaschanlage, die während etwa 10 Jahren hier betrieben wurde.
 
Wiederauferstehung
Während fast 70 Jahren (1890–1960) waren Fleischabfälle und Abwässer bedenkenlos in der Höhle versenkt worden. Frau Gander sprach von Zuständen, die man gar nicht beschreiben könne. Ich könnte mir vorstellen, dass sich ein reiches Maden-Leben entwickelte, und am Schluss war so etwas wie ein Dünger vorhanden. Die Mühlen wurden verschmutzt, verschüttet, unter stinkenden Exkrementen begraben.
 
Einige Personen aus Le Locle, Geschichtsfreunde und Höhlenforscher, wollten diesen Zustand nicht auf sich beruhen lassen. So beschlossen am 21. Juni 1973 6 Personen, die Grotten auszuräumen und wieder zugänglich zu machen: Karoly Favre, Marcel Garin, Orlando Orlandini, Elio Peruccio, André Röthlin und Henri Schindelholz, zu denen sich später noch Francis Boss und weitere Persönlichkeiten gesellten, die während 15 Jahren unentgeltliche, harte Einsätze leisteten. Diese „Confrérie des Meuniers“ vollbrachte eine unglaubliche Leistung, und übergab das Werk dann der Öffentlichkeit.
 
In jahrelangen Arbeiten hatten die Freiwilligen die verschlammten, stinkenden Müllgruben freigelegt: 3 Schächte, Aquädukte (Wasserleitungen), Zugänge und die in die Felsen gehauenen schmalen Treppen. Der abfallende Stollen zur Sägerei wurde ebenfalls freigeräumt und diente als Kanal für den Abfall-Abtransport; das teilweise als Dünger eingesetzt wurde. Die Fronarbeiter reinigten alles und richteten alles wieder her, eine ausserordentliche Leistung. Und anschliessend wurden die einstigen Zustände mit Unterstützung der öffentlichen Hände wieder einigermassen hergestellt. Das Gesamtprojekt (Gebäudesanierung und Museographie) kam auf 3,82 Mio. CHF zu stehen. Viele Sponsoren trugen ihr Scherflein bei.
 
Ein Besuch in dieser jetzt in jeder Beziehung gepflegten Anlage ist ein faszinierendes Erlebnis und lohnt sich unbedingt. Eine vorgelagerte Ausstellung gibt Einblicke in die Herstellung des Brots, aber auch in die lokale Industriegeschichte bis zur Klaus-Schokolade (Le Locle). Sie ist für kulturhistorisch und technisch Interessierte wirklich bemerkenswert.
 
Ich habe schon vieles über die Brot-Geschichte gelesen und kann dieser nun ein ausserordentliches Kapitel anfügen, das mir bisher unbekannt gewesen war.
 
Quellen
Calame, Caroline, und Orlandini, Orlando: „Die unterirdischen Mühlen des Col-des-Roches“, herausgegeben von der Fondation des Moulins souterrains du Col-des-Roches. Diese Schrift liegt auch in französischer Sprache vor.
Calame, Caroline: „Les Moulin souterrains du Col-des-Roches“, Édition Gilles Attinger, Hauterive NE, 2005.
 
Beide Schriften sind am Empfang des Museums erhältlich.
 
Hier sind auch die Öffnungszeiten angegeben.
 
Adresse
Fondation des Moulins souterrains du Col-des-Roches,
Col 23
CH-2400 Le Locle
 
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
Reproduktionsfähige Fotos zu all diesen Beschreibungen können beim Textatelier.com bezogen werden.
 
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