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BLOG vom 30.10.2007


Geldadel vor! Schloss-Verschleuderungen im Kanton Bern
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Globalisierung, mit der eine Unterordnung des Staats unter wirtschaftliche Interessen einhergeht, treibt immer neue Blüten, selbst während der Vegetationsruhe zur Winterszeit: Jetzt soll historisch wertvolle Bausubstanz im Kanton Bern an die Meistbietenden verschleudert werden. Schlössern und andere denkmalgeschützte Bauwerke, in die Millionenbeträge aus öffentlichen Geldern gesteckt worden und einigermassen professionell unterhalten worden sind, sollen ausverkauft, kommerzialisiert werden. Genau wie während Jahrzehnten gewachsene Firmen unter dem Modestichwort „Kerngeschäft“ portioniert Einzelteile abstossen, um im Zeichen der substanziellen Verarmung Bilanzen aufzubessern, trennen sich nun auch Öffentliche Hände von ihrem Tafelsilber, um ein paar Franken zu lösen und vom Aufwand für Silberputzmittel befreit zu sein. Selbst den Schweizer Goldvorräten setzt dieses Schicksal zu. Das kurzsichtige Denken feiert unter der gedankenlosen Globalisierungsmanie seine Hochkonjunktur.
 
Das Elend rund um die denkmalgeschützte Bausubstanz in der Schweiz hat mit dem von Bundesrat Pascal Couchepin initiierten Entscheid, weitere Mittel im Bereich Heimatschutz und Denkmalpflege ab 2008 zu streichen, seinen Anfang genommen – möglicherweise war es einfach eine akzentuierte Fortsetzung. Damit wird das bewährte Finanzierungssystem zwischen Privaten, Gemeinden, Kanton und Bund durchlöchert. Die Gemeinden (vor allem die grossen Städte) kommen zu mehr als der Hälfte für die Kulturförderung auf, zu der auch Heimatschutz und Denkmalpflege gehören. Und der Bund unterstützt nach dem Subsidiaritätsprinzip die Kulturförderung der Kantone und Gemeinden. Das bedeutet mit anderen Worten, dass dem Bund bei der Kulturgüter-Erhaltung eine bedeutende Funktion zukommt. Die NIKE (Nationale Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung) begründete deren Notwendigkeit so: „Denkmäler sind ein einzigartiger Erinnerungsschatz, ein Teil unseres geschichtlichen Erbes und Lebensraums. Sie sind gebaute Heimat, die Schutz und stete Pflege benötigen.“ Allerdings sollte man dies ja nicht noch speziell betonen müssen.
 
Im Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) ist das sehr wohl bekannt. Es hat am 29. Mai 2007 die Publikation „Leitsätze zur Denkmalpflege in der Schweiz“ den Medien vorgestellt: Das viersprachige Werk enthält die Grundsätze zum Umgang mit dem baulichen Erbe, welche die Kommission als schweizerische „Unité de doctrine“ entwickelt hat und ihren Gutachten und Stellungnahmen zu Grunde legt. Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (EKD) wendet sich damit sowohl an Fachleute als auch an Bauherren, Architekten, Politiker und interessierte Laien. Sie fördert das Verständnis für das Wesen von Denkmälern und historischen Stätten und stellt die geeigneten Massnahmen für deren langfristige Erhaltung vor. Und Bundesrat Couchepin („oberster Schweizer Denkmalschützer“) hat diese Schrift persönlich der Öffentlichkeit übergeben und war um grosse, staatsmännische Sprüche nicht verlegen: „Die Baudenkmäler müssen leben.“
 
Doch in der praktischen Wirklichkeit trägt er vor allem zu ihrem Untergang bei, indem er ihren Atem zunehmend abklemmt: In Couchepins Amtszeit sind die Bundesbeiträge für den Denkmalschutz massiv gekürzt worden. Während der Bund Ende der 90er-Jahre noch jährlich 40 Millionen Franken für Restaurierungen aufwendete, sind es heute noch rund 20 Mio., und ab 2008 sollen es bloss noch 16 Mio. CHF sein.
 
Die Folgen dieser im neoliberalen Sinne rein kommerziell orientierten Politik des Sparens am falschen Ort sind besonders im Kanton Bern offensichtlich, wo auch noch eine Art Staats-Verschlankung hinzu kommt, die „Reform der dezentralen Verwaltung“. Bei diesem Abspecken im Denkmalschutzsektor, zu dem wohl auch das Dahinschmelzen der Bundessubventionen beigetragen hat, will der mit historischem Erbe reich gesegnete Kanton Bern 9 seiner Schlösser und einige weitere Liegenschaften abstossen. Die Schlossverkäufe sollen jämmerliche 50 Mio. CHF einbringen und die Berner Staatskasse jährlich um 1,2 Mio. CHF (Unterhaltskosten) entlasten. Dies sind ja wirklich verhältnismässig kleine Beträge, nachdem der Kanton Bern in den letzten Jahrzehnten viele Millionen in die baulichen Prunkstücke investiert hat. Die Desorientierung geht so weit, dass der Berner Regierungsrat sogar noch 730 000 CHF bewilligt hat, nur um die Umtriebe für den Verkauf abzugelten ... Unglaublich, aber leider wahr.
 
Direkt auf den freien Markt kommen unter anderem Objekte wie das Schloss Aarwangen und die Schlösser in Schwarzenburg und Schlosswil. Auch das Wohnhaus an der Rubigenstrasse 16 in Belp ist zu haben. Auf Objekten wie beispielsweise dem Amtshaus Erlach, dem Schloss Blankenburg in Zweisimmen oder dem Amtshaus Wimmis haben die Gemeinden ein Vorkaufsrecht. Immerhin sollen wenigstens Alleen und Pärke öffentlich zugänglich bleiben. Den Standortgemeinden direkt angeboten wurden der Käfigturm Belp und die Schlösser Burgdorf, Büren a. A., Laupen und Trachselwald. Diese Liegenschaften werden auch öffentlich ausgeschrieben. Es sind dies im Weiteren: Schloss Belp, Amtshaus Erlach, Gebäude Grand’Rue 2 La Neuveville und das Amtshaus Meiringen. Das Schloss Thun ist bereits für 3,4 Mio. CHF an die Stadt Thun verkauft worden, was als Glücksfall zu bezeichnen ist.
 
Im Fernsehen hat sich der Denkmalpfleger des Kantons Bern, Dr. Jürg Schweizer, engagiert gegen die Verschleuderungsaktion von einzigartigen Kulturgütern ausgesprochen, sichtlich verärgert. Die Öffentlichkeit hat riesige Beträge investiert und soll in Zukunft nur noch marginal daran beteiligt sein. Das dürfte auch vielen anderen Bernern sauer aufstossen.
 
Wahrscheinlich wird das Beispiel Schule machen, und der Geldadel kann sich auf neue Repräsentationsmöglichkeiten freuen. Hoffentlich kommen die historischen Bauten wenigstens in verantwortungsbewusste Hände. Wenn die Bundesbehörden dieses Verantwortungsbewusstsein schon vermissen lassen, muss man bald froh sein, wenn weitsichtige und vermögende Privatpersonen dem Kulturgut wenigstens so lange über die Runden helfen, bis die Vernunft den globalisierten Terror der Ökonomie ins Verlies einer wohlfeilen Burganlage versenkt hat. Und dann kann die Öffentlichkeit wieder zurückkaufen und sanieren ... zu retten versuchen, was allenfalls noch zu retten ist. Denn jede Menge Restaurationen ertragen alte Bauten nun einmal nicht.
 
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