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BLOG vom 04.11.2007


Zurlindeninsel Aarau: Baustellen-Ansammlung an der Aare
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die alte Aare und der Unterwasserkanal zwischen den momentan 2 Zurlindeninseln in Aarau und dem Wissenbach-Quartier (dem westlichen Wohngebiet von Biberstein AG) sind Moment von Baustellen förmlich übersät. Das markanteste Ereignis baulicher Anstrengungen ist die schwungvolle Aarebrücke, welche zur Neuen Staffeleggstrasse gehört und aus dem ehemals idyllischen Horentäli zum Telliquartier von Aarau hinüber führt. Der Staffeleggstrassen-Neubau ist, nördlich anschliessend an die Brücke, zum Stillstand gekommen. Der Grund dafür ist das Wasser aus dem Hang des Fluhwalds, das unter grossem Druck steht (so genannter Bergdruck); es verhindert die Arbeiten am Tagbautunnel. Diese unerwartete Situation nach 20 Planungsjahren (!) zwingt zu einem abgeänderten Tunnelprojekt. Das Hangwasser wird jetzt in einer Grube gesammelt und in die Kanalisation gepumpt. So hat die Natur vorerst den Sieg über die Technik davongetragen. Aber am Ende werden die Strassenbauer gewinnen – wie immer.
 
Unterhalb dieser neuen Brücke (auf deren Ostseite, im Rohrer Schachen, Rohr AG) sind bauliche Massnahmen im Rahmen des Auenschutzparks Aarau–Wildegg im Gange. Man will der Aare im Stauraum des Kraftwerks Rupperswil-Auenstein mehr Raum zur Verfügung stellen. Der flussnahe Aareraum wird geöffnet und südlich davon ein neuer Damm geschüttet. Dann kann die Aare bei Hochwasser einige Hektaren Fläche überschwemmen, das heisst frei durchfliessen und gestalten. Mit den Jahren wird dort eine neue, aktive Aue entstehen. Das sind fürwahr naturfreundliche Massnahmen, die es auch an anderen Aargauer Flussabschnitten gibt. Ich wiederhole es mit stolzgeschwellter Brust: Der Aargau setzt in der Auenrenaturierung Massstäbe.
 
Rechtsufrig gegen Aarau
Der Wanderweg auf dieser Seite (aareaufwärts) ist ebenfalls sehenswert und abwechslungsreich. Die Laubbäume haben eine schöne Braun- bis Orangefärbung erhalten, die mir noch besser als das verbreitete Grün gefällt. Die Einmündung der Suhre hat, wie alle Gewässervereinigungen, die Ausstrahlung eines Kraftorts; die nahe Kläranlage mit ihrem sanften Parfüm hat man halt zu akzeptieren. Allerdings verhindert eine mächtige Betonplatte bis heute das Hineinschwimmen der Fische aus der Aare in die Suhre. Die Arbeiten an der Längsvernetzung von Suhre und Wyne aber sind im Gang.
 
Bei der Suhremündung ist man bereits auf der Höhe der Zurlindeninsel(n) angekommen. Im mittleren Bereich, wo die Insel schmal ist, befindet sich heute eine grosse Baustelle, nachdem das Hochwasser vom 8./9. August 2007 den Mittelteil dieser länglichen, manchmal breiteren, manchmal schmaleren Insel weggespült hatte. Damit hat das Wasser annähernd jenen Zustand der Insel wieder hergestellt, wie es ihn noch im 19. Jahrhundert gab. Aber den kann man nicht mehr „tolerieren“.
 
Im Buch „Landschaft in Menschenhand“ von Gerhard Ammann und Bruno Meier (Sauerländer Verlag, Aarau 1999), das grossenteils der Michaeliskarte gewidmet ist, findet sich auf Seite 38 eine andere Karte aus dem Jahr 1876 („Die neue Hauptstadt Aarau“, Blatt X, 1:25 000), die illustriert, dass die Zurlindeninsel noch damals zweigeteilt war. Ein schräger Durchbruch verband die beiden Aare-Arme. Doch kaum war das erwähnte Kartenblatt fertig gezeichnet, entstand 1882 ein Transmissionswerk für die Zementfabrik Zurlinden & Co., das dann kontinuierlich zum Kraftwerk Rüchlig (heutige Leistung: 9 MW, mittlere jährliche Stromproduktion: rund 55 Mio. kWh) ausgebaut wurde. Dieses Niederdruck-Laufkraftwerk steht wie eine gigantische Schuhschachtel mit Sichtfenster quer im Fluss und nutzt das Wassergefälle strom- und gewinnbringend (im Moment ruhen die 2 Propellerturbinen, die 3 Rohrturbinen und die Kaplanturbinen allerdings gerade). Die 340 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fliessen untätig durch die schlafende Anlage.
 
Warum denn muss die Inseldurchtrennung repariert werden?
Am Tag nach der Exkursion zwischen meinem Wohnort Biberstein und Aarau (28. Oktober 2007) habe ich mich mit dem Geografen Dr. Gerhard Ammann, Aarau, unterhalten. Er ist auch in meinen alten Tagen noch einer meiner wichtigen Lehrer, nachdem ich seinen Unterricht an der Kantonsschule Aarau früher sozusagen aus geografischen Gründen (ich wuchs in der Ostschweiz auf) leider nie geniessen konnte. Wenn immer ich am Ende meines erdkundlichen Lateins bin, rufe ich ihn an und erhalte eine spontane, massgeschneiderte Lektion. So geschah es auch diesmal.
 
Der Unterwasserkanal sei im Zusammenhang mit dem Rüchlig-Kraftwerkbau stark abgeteuft worden, sagte Gerhard Ammann. Dies geschah im Interesse einer grösseren Elektrizitätsproduktion, welche sich dank des erhöhten Gefälles einstellt. Die alte Aare auf der rechten Seite (aus der Fliessrichtung betrachtet) hatte also ein höher gelegenes Bett, was natürlich die Aufschüttung der natürlichen Lücke zwischen den beiden Inseln bedingte – Unterwasserkanal und Alte Aare mussten zwangsläufig getrennt werden, und sie müssen es auch bleiben. Und man hatte zugleich eine Deponiermöglichkeit für das Aushubmaterial (aus dem Unterwasserkanal).
 
Doch an jenem 8. August 2007 nützte die Aare die günstige Gelegenheit: Als aus den übervollen Jurarandseen (angeblich versehentlich ...) zu viel Wasser gen Solothurn und Aargau geschickt worden war, teilte sie die Zurlindeninsel unterhalb der Inselmitte auf einer Länge von knapp 200 m wieder entzwei, eine regelrechte Erosion. Sie spülte einen Teil der Insel dort fort, wo die Aare eine Rechtskurve macht. Mit anderen Worten: Sie drängte machtvoll geradeaus und schaffte es, wenig oberhalb des Abwasser-Dükerbauwerks der Gemeinden Erlinsbach, Küttigen, Biberstein und Aarau, wo sich auch die Trinkwasserleitung für die Wasserversorgung der Gemeinde Küttigen befindet, eine Bresche zu schlagen. Zudem war das Kraftwerk Rüchlig durch das Hochwasser überflutet (in Mitleidenschaft gezogen) worden.
 
Damit das bis zur Suhremündung unterschiedliche Gefälle wieder hergestellt werden kann, gab es anschliessend keine andere Lösung als die Wiederauffüllung des Insel-Durchbruchs durch das Hochwasser, auf dass aus den 2 wieder 1 Insel werde. Und weil weitere Erosionen befürchtet werden, eilte die Reparatur sehr, die dann einer Taskforce (Eingreiftruppe) aus Fachleuten der NOK, der Stadt Aarau, der Gemeinde Küttigen und den kantonal-aargauischen Fachstellen anvertraut wurde. Vor allem mussten die erwähnten Leitungen mit Baumstämmen, Baumfaschinen und einer Spundwand gerettet werden. Grosse Blocksteine sollen die neuen Ufer sichern.
 
Und jetzt wird durch den Menschen als Schöpfer die Insel in die vorherige Form zurückgebracht, damit auch das NOK-Kraftwerk wieder richtig funktioniert und die Alte Aare nicht weiterhin das Wasser im Unterwasserkanal stauen kann; denn dadurch werden ja das Nutzgefälle und die Stromproduktion reduziert. Zurzeit wird gerade ein Damm mitten in der Aare aufgeschüttet, der als Material-Zwischenlager für die Lückenschliessung dient. Das für die Aufschüttung nötige Kies – rund 25 000 m3 – kommt direkt aus dem Kraftwerkkanal, der nach dem Hochwasser ausgebaggert werden musste. Zur Verhinderung einer Durchsickerung wurde in den neuen Inselkern eine Spundwand gerammt, deren Oberkante nicht an die Oberfläche tritt.
 
So entstand also eine Grossbaustelle. Gewaltige Baumaschinen wie ein 100 Tonnen schwerer, flussgängiger Bagger, von Herbert Elsener dirigiert, und Lastwagen mussten Zugang erhalten. Deshalb wurde auf der Küttiger Seite der Aare – auf der Höhe der Aabach-Mündung im Areal der Gärtnerei Lehnert Erb AG eine direkte Zufahrt ab der Kantonsstrasse Rombach–Biberstein erstellt. Die Querung des Kraftwerkkanals (Unterwasserkanal) erfolgt über eine temporäre Baustellenbrücke, ihrerseits ein respektables Bauwerk aus runden Stahlrohren, die im Fluss stehen, Stahlträgern und einem Boden aus abgeflachten Baumstämmen.
 
Bei der ehemaligen Schokoladefabrik
Durchaus sehenswert ist auch, was gleich oberhalb, etwas südlich der Aare im Wald, das vorläufig letzte Hochwasser in der Nähe der ehemaligen Schokoladefabrik Frey bzw. der ehemaligen Baumwollfabrik in der Aarauer Telli angerichtet hat. Eine Holzbrücke für Fussgänger wie Spaziergänger und Wanderer (falls zwischen den beiden Spezies ein Unterschied besteht) sowie Jogger, Hundebegleiter und Velofahrer ist um etwa 2 m gratis und ohne spezielle Aufforderung bachab verschoben worden; die Betonpfeiler stehen etwas verlassen im Wasser des Freykanals. Und auch ein noch kleineres Holzbrüggli mit einer Abschrankung aus rohen Baumstämmen wurde in den Wald geschwemmt – es ist jetzt wieder am Ort und mit neuen Schrauben versehen.
 
Das Wasser des Frey-Kanals hat früher ein Wasserrad und dann Webstühle mit Lederriemen-Transmission angetrieben, und später wurde ein kleines privates Kraftwerk daraus. Ich habe über den Fischreichtum dieses kleinen Gewässers gestaunt. Peter Jean-Richard nimmt sich solch anscheinend unbedeutender Gewässer mit Herzblut an. Ihm und dem Aarauer Bachverein (www.bachverein.ch) ist es zu verdanken, dass aus der Telli ein vielseitiger und offensichtlich dynamischer Lebensraum werden konnte. Dort, bei der „Schoggi-Frey“, werden auch alte Kanäle reaktiviert – schon wieder Baustellen von der erfreulicheren Natur. Das „Fischunkraut“ (Fischersprache für nicht fangwürdige Grundeli und dergleichern) geniesst in jenem Wohn- und Naturgebiet Wertschätzung, und so sollte es auch sein.
 
Auf der Zurlindeninsel
Der obere Teil der Zurlindeninsel, wo sie wie ein Schiffsbug in die heranfliessende Aare ragt und wo auch die Fussgängerbrücken („Aaresteg“) sind, hat vom Hochwasser wenig abbekommen. Auch der Gedenkstein für den bärtigen Friedrich Rudolf Zurlinden (1851–1932) unter leuchtendem Ahornlaub und uralten Birken, der 1882 in Aarau die Zementfabrik Zurlinden & Co. gründete, blieb unversehrt. Zurlindens Werk uferte förmlich aus: Bereits 1891 wurde die Zementfabrik in Wildegg in Betrieb genommen. Die beiden Werke wurden 1897 in einer Aktiengesellschaft namens Jura-Cement-Fabriken zusammengefasst. Und wegen der Globalisierung gehören diese seit 2000 zur Cement Roadstone Holding, die in Dublin (Irland) sitzt. Auch im Industriebereich bleibt kein Stein mehr auf dem anderen.
 
So hat mir ein Spaziergang im Auslauf meines Wohnorts wieder einige Kapitel Natur- und Industriegeschichte erschlossen. Erkenntnis: Die Dynamik bleibt dem Aareraum und uns Aargauern offensichtlich erhalten.
 
Dank
Für die wertvollen Angaben und kritische Durchsicht danke ich Gerhard Ammann bestens. Er ist Autor des Buchs „Horentäli – Horenhof“ mit Bildern von Markus Zuber. (ISBN 3-9522612-0-3, Edition Castel 2002). In diesem Werk ist das Horentäli in Küttigen AG vor dem Bau des Neuen Staffeleggzubringers hervorragend dokumentiert.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
Reproduktionsfähige Fotos zu all diesen Beschreibungen können beim Textatelier.com bezogen werden.
 
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