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BLOG vom 05.11.2007


EU-Blödsinn: Brüsseler Salat rund um den Namen Apfelwein
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D 
„Ob grosses oder kleines Amt:
Gehorsam sind wir allesamt.
Die Mienen ernst, die Scheitel licht,
tun wir laut Vorschrift unsre Pflicht.“
(Weinheber, Beamter)
„Früher litten wir an Verbrechen, heute an Gesetzen (EU-Verordnungen).“
(Tacitus, Annalen 3,25)
*
„Hätte die Natur so viele Gesetze (EU-Verordnungen) wie der Staat (EU), Gott selbst könnte sie nicht regieren.“
(Ludwig Börne)
*
Anmerkung: Die EU wurde von mir eingefügt. Die Sprüche würden auch auf die EU zutreffen.
*
Vor einigen Tagen ging ein Aufschrei durch das deutsche Land. Insbesondere fühlten sich die Hessen auf den Schlips getreten. Schuld an diesen Ausbrüchen der Wut war die Meldung, dass die Europäische Kommission die Begriffe „Apfelwein“ und andere Fruchtweinsorten, wie Brombeer-, Kirsch-, Erdbeer-, Holunderweine, aber auch den Honigwein (Met), verbieten will. So schlug der Amtsschimmel in Brüssler Stuben also gewaltig zu. Weine sollen in Zukunft nur als Weine deklariert werden, die aus Weintrauben und Traubenmost gewonnen werden.
 
Der Apfelwein – er wird meist aus mehreren Apfelsorten gekeltert – wird in Hessen Äppelwoi (Ebbelwoi, Äbbelwoi, Öbbelwoi, Ebbelwei) genannt. Andere Bezeichnungen sind Apfelmost, Viez (an der Mosel, in der Eifel, im Hunsrück, an der Saar und in Luxemburg), Saurer Most, Äppler, Ebbler und Stöffche. In der Schweiz kennen wir das Getränk als Most.
 
Die Bezeichnung Apfelwein und ihre mundartlichen Aussprachen sind schon seit Jahrhunderten üblich (Infos unter http://de.wikipedia.org/wiki/apfelwein).
 
Der hessische Ministerpräsident Roland Koch und auch die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti wollen gegen eine solche Verordnung vorgehen. „Die geplante Regelung ist vollkommen unnötig, inakzeptabel und ausserordentlich schädlich. Sie ist eine Missachtung deutscher und hessischer Tradition“, sagte Koch am 1.11.2007. Koch will auch den Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Horst Seehofer, sensibilisieren, und er hofft, dass dieser in Brüssel seinen Einfluss spielen lässt.
 
Ich finde es ausgezeichnet, wenn Roland Koch verbal seine Muskeln spielen lässt. Solche Männer braucht das Land, um gegen die EU- Bürokraten vorzugehen.
 
Auch die Grünen und die hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien wollen sich mit aller Macht gegen das Vorhaben der EU stemmen. Der FDP-Landesvorsitzende Jörg-Uwe-Hahn äusserte sich in der Online-Ausgabe der FAZ (www.faz.de) vom 2.11.2007 wie folgt: „Wenn die EU-Bürokraten nicht bald wieder nüchtern werden, wird an den Stammtischen spätestens nach dem 5. Äppler gefordert: Hessen raus aus der EU.“
 
Die Kommentare aus der Leserschaft waren dementsprechend gepfeffert. Hans Chr. Riedelbauch sagte: „Bevor sich die Frankfurter totlachen oder anderer Schaden entsteht, sollte man die Kommissionsmitglieder zu Hessens grösster Apfelweinkellerei einladen und dort in das grösste vorhandene Fass eintauchen und das solange, bis sie – und sei es mit dem letzten Atemzug – bekennen, dass man nicht nur aus Trauben, sondern auch aus Äpfeln Wein machen kann.“
 
Uwe Bussenius betonte, man solle sich nicht einem Parlament unterordnen, das nur Schwachsinn produziere. „Dieses EU-Parlament besteht überwiegend aus abgehalfterten Politikern, die man mit einem Aufgeld aus nationalen Parlamenten nach Brüssel abgeschoben hat. Die Brüssler 3. Liga sozusagen will 1. Geige spielen und produziert nur noch Misstöne, daher sollten wir das Konzert verlassen“, so der erwähnte Schreiber.
 
Auch in meinem Bekannten- und Freundeskreis haben die EU-Politiker einen denkbar schlechten Ruf. Ich bin überzeugt, dass sie verzweifelt mit aller Macht nach solchen Beschäftigungen suchen, um ihre Existenz zu untermauern. Die Regelungswut kennt keine Grenzen. In der Vergangenheit wurde ja schon viel Blödsinn produziert. So wurde beispielsweise der Mindestdurchmesser von Äpfeln und anderem Obst in verschiedenen Klassen oder der Krümmungsgrad von Bananen festgelegt. Man könnte aber auch den Krümmungsgrad von Gurken gesetzlich vorschreiben, dann haben Krumme keine Chance mehr. Dem Verbraucher dürfte es egal sein, ob ein Apfel klein oder gross oder eine Banane zu krumm ist. Wichtig sind die Qualität und der Geschmack.
 
Ein Kommentator schlug der EU-Kommission vor, sie sollte in Zukunft auch die Bezeichnungen „Alsterwasser“ oder „Radler“ unter die Lupe nehmen. Denn unter dem „Alsterwasser“ versteht man kein Wasser aus dem Hamburger Fluss oder im „Radler“ sei kein Drahtesellenker (Velofahrer bzw. Radfahrer) drin. „Alsterwasser“ ist übrigens ein Biermischgetränk (mehr Bier als Cola und Limonade). „Radler“ besteht aus Bier und Zitronenlimonade.
 
Aber bringen wir die EU-Kommissäre nicht auf solche Gedanken, denn es könnte sonst sein, dass sie weiter die Regulierungskeule schwingen und auch diese Bezeichnungen tatsächlich verbieten! Silvia Bremer brachte es auf den Punkt. Sie schrieb: „Der ganze Irrsinn der propagierten Europa-Ideologie. Mit Steuergeldern finanziert.“
 
Hier noch einige Höhepunkte aus dem Regulierungswahnsinn der Brüssler:
 
Wütende Winzer
Auch den Winzern werden Knüppel zwischen die Beine geworfen. Die EU plant nämlich auch eine Reform des Weinmarkts. Die EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer-Boel arbeitet an einer neuen Marktorganisation für den europäischen Wein. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Winzer in Europa zu verbessern und ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen. So dürfen dann deutsche Winzer den Weinen nicht mehr etwas Rübenzucker zusetzen. Geplant sind auch neue Etikettierungsvorschriften. Die Winzer befürchten, dass jede traditionsreiche Lagebezeichnung teuer neu geschützt werden müsste. Zurzeit laufen zähe Verhandlungen mit der Agrarkommissarin Fischer-Boel. Die Winzer hoffen auf einen Kompromiss und damit auf schlauere Verordnungen.
 
Oben-Ohne-Verbot für Bauarbeiter
Die Phantasie der EU-Bürokraten kennt keine Grenzen. So wurde in der Vergangenheit vorgeschlagen, die Glühbirnen zu verbieten und durch Sparlampen zu ersetzen. Hier wird es jedoch erst in einigen Jahren zu einem Beschluss kommen, weil vieles noch untersucht werden muss.
 
Für grossen Wirbel sorgte ein Gesetzes-Vorschlag der EU, der ein „Oben-Ohne-Verbot“ für Bauarbeiter vorsieht. Auch Kellnerinnen sollten vor den schädlichen Sonnenstrahlen geschützt werden. Es gab einen Aufschrei in Bayern und Österreich, da man auch ein Dirndl-Verbot befürchtete. Das wäre grosser Unsinn. Die Kellnerinnen bedienen hauptsächlich in schattigen Biergärten oder in Bierzelten. Wer trotzdem unter gleissendem Sonnenlicht arbeitet, der könnte ja Sonnencreme benutzen.
 
„Das ist der blanke Wahnsinn. Wahrscheinlich muss man als Arbeitgeber demnächst auch noch die Wassertemperatur der Klospülung messen“, empört sich der Wiener Gastronom Mario Plachutta in der Online-Ausgabe der Kronenzeitung (http://wcm.krone.at) und vermutet, dass die Verantwortlichen in Brüssel „zu viel Sonne abbekommen haben“.
 
Inzwischen glätteten die Bürokraten die Wogen. Sie hätten nie an ein Dirndl-Verbot gedacht. Die vorwitzige Presse sei es gewesen, die alles „hochgekocht“ habe. Nun hat die Presse den Schwarzen Peter. Aber vielleicht kommt doch alles anders. Die Bürokraten in Brüssel sind immer für eine Überraschung gut.
 
Ich finde, es wird höchste Zeit, den EU-Bürokraten klar zu machen, dass solche merkwürdigen Vorschläge beim Volk nur ein Kopfschütteln verursachen. Gegen sinnvolle Massnahmen und Mindestvorschriften zum Schutz der Arbeitnehmer und der Verbraucher (Qualitätssicherung, Rückverfolgbarkeit, Hygiene-Verordnungen, Bio-Label für Lebensmittel) ist nichts einzuwenden. Von landestypischen Bezeichnungen, die schon Jahrhunderte lang benutzt werden, sollten die Bürokraten die Finger lassen. Wenn die Beamten trotzdem daran etwas ändern wollen, werden sie den Zorn des Volkes zu spüren bekommen.
 
Nachtrag vom 6. November 2007
Am Tag nach dem Erscheinen dieses Blogs lenkte die EU-Kommission ein: Die Bezeichnung Apfelwein darf bestehen bleiben. Der Fall lässt erkennen, mit was für Nonsens man sich in Brüssel die Zeit zu vertreiben pflegt.
 
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