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BLOG vom 15.11.2007


Abschiedsfeier in Zermatt: Macht des Worts und der Lieder
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Dorthin, wo alles begonnen habe, sei er nun zurückgekehrt – nach Zermatt im Wallis. Sein langer Weg habe nun sein Ende gefunden. Hannes Taugwalder-Hochuli (97), hatte dies noch kurz vor seinem Tod geschrieben. „Nichts hält die Gesetzmässigkeit des Verwelkens auf.“ Das war sein letzter Gruss an die Teilnehmer der Trauerfeier in der Dorfkirche St. Mauritius mit dem barocken Hochaltar in Zermatt VS (der heilig gesprochene Mauritius starb um 320 als Märtyrer in St-Maurice).
 
Die deutsche Schauspielerin Renate Kohn las die Botschaft vor, lieh dem Verstorbenen ihre angenehme, unaufdringliche Stimme. „Ich bin nicht von Euch, sondern vor Euch gegangen.“ Hannes Taugwalder schaute in seinem letzten Text kurz auf sein Leben zurück, auf das, was ihm wichtig war: seine Eltern, die ihm Mut und Frohsinn vererbten, die Mutter, die Liebe verströmte. Er kam aus Zermatt über Umwege nach Aarau, fand seinen Kristall, Elsie Hochuli, die seine treue, umsorgende Lebensgefährtin wurde, nicht in den Bergen, sondern drunten im Unterland, wo er den grössten Teil seiner Jahre verbrachte. Elsie schenkte ihm 2 Söhne und 2 Töchter. Sein Suchen und sein Glaube hatten mit der Natur zu tun, die ihm Lehrmeisterin war.
 
Die Gedenkfeier war vom Walliser Brauchtum geprägt, auch von Bläsern und Orgel, von Gesang, grösstenteils vertonte Gedichte des Verstorbenen. Die Bläser intonierten eine Melodie, die dem Verstorbenen im Traum eingefallen war, die er am anderen Morgen noch wiedergeben konnte und von einem Musiker, Ruredi Debrunner, aufzeichnen lassen hatte. Das war ein besonders eindrücklicher Moment. Lisette Steiner war die richtige Interpretin der Lieder, füllte mit ihrer glasklaren Stimme den Raum, sang in der Walliser Mundart von Liebe, vom Matterhorn; die Töne schwelgten, widerhallten, schienen bleiben zu wollen. Den Text habe ich nicht vollständig verstehen können, aber es war zu spüren, was da ausgedrückt wurde. Es kam von Herzen und ging zu Herzen.
 
4 kräftige Träger, der jüngste Sohn von Hannes und 3 Enkel, hatten den Sarg, bedeckt mit einer Wolke aus Rosen, hereingetragen, und davor stellte eine Enkelin ein Foto auf – Hannes Taugwalder im handgestrickten Pullover beim Schreiben mit gütigem, nicht mahnendem, leicht melancholischem Blick. Die jüngste Tochter Gaby hatte das schlichte Holzkreuz mitgebracht. Vereinsdelegationen von der Musikgesellschaft Matterhorn bis zum Theaterverein Obergoms schwenkten die Fahne zum Gruss über dem Sarg, wie es bei ähnlichen Begebenheiten der Brauch ist. Der Oberwalliser Volksliederchor stellte sich in den Festtagstrachten auf: die Männer mit ihren schwarzen Hüten mit dem auffallend niedrigen Gupf, den Kreshüten, unter denen markante, fast holzschnittartige, vom harten Leben gezeichnete Gesichter die Walliser Authentizität bestätigten; die Frauen mit den Schultertüchern und weissen Schürzen über der dunkelroten Festtagstracht und den weissen Strümpfen. Das friedliche Volk von Zermatt, wie es Hannes beschrieben hat, ein Volk auch, das mit besonderer Inbrunst und Intensität zu feiern versteht, wie er immer wieder erfahren durfte.
 
Eine feinsinnige Einlage war die Laudatio von Renate Kohn, der Schauspielerin und Sprecherin, welche in der Kriminalfilmserie „Ein Fall für Zwei“ die Kanzleisekretärin  Helga spielt. Sie machte ihren Freund Hannes zu einem Fall – zu einem Glücksfall – für alle, würdigte seine Güte, seine Offenheit und seinen Kampf gegen Engstirnigkeit und Ungerechtigkeit, die einen oft beinahe zu Boden drücke. Die Freundschaft mit Hannes sei ihr ein Geschenk, das sie hüten wolle.
 
So kam Wärme in den sakralen Raum – die Sonne sandte ebenfalls ein paar Strahlen durchs Glasfenster, wo der biblische Josef mit seinem Sohn abgebildet ist, bevor der Zermatter Himmel an jenem Dienstag gegen Mittag zunehmend grauer wurde. Und es ist einige Stunden später ziemlich genau so herausgekommen, wie es Hannes im Kapitel 61 seines autobiografischen Romans „Auf-Bruch“ beschrieben hat, als seine Mutter gestorben war: „Im Spätnachmittag (…) dann drehte der Wind, und es fing zu schneien an. Am Morgen lag eine frische Schneeschicht auf den Dächern und den Gassen des Dorfes.“ Aber jetzt, um die Mittagszeit des 13. November 2007, waren die Feierstunden im opulent ausstaffierten Kirchenraum noch lange nicht beendet.
 
Der 2. Teil der Abdankung wurde nach streng katholischem Ritual mit Messgesängen und einer Predigt über das „Wort“ im biblischen Sinne zelebriert. Der einheimische Pfarrer Stefan Roth, der sie hinter dem Ambo (Lektionar) mit den nach oben weisenden tiefen Kerben hielt, kannte den Verstorbenen persönlich. Unsere Welt und alles Lebendige seien Ausdruck dieses Worts, sagte der Zermatter Hirte. Hannes Taugwalder sei „ein Mann des geschriebenen Worts“ gewesen, das er entdeckt, gepflegt und kultiviert habe. Und auch in den Phasen der Dunkelheit zähle das Wort; es bestehe über den Zerfall des menschlichen Fleisches hinaus. Und im Wort könne man Antworten finden.
 
Es folgten Gebete, Verherrlichungsgesänge zu den Klängen der mechanischen Orgel – „Das ist der Tag, den Gott gemacht“, das Ritual mit dem konsekrierten (liturgisch geweihten) Wein für die Pfarrherren und Brot fürs Volk. Hannes liess so viel Religiosität geduldig über sich ergehen; der Walliser katholischen Kirchentradition wurde Genüge getan. So muss es hier sein. Das mag ihn versöhnlich gestimmt haben.
 
Ein langer Trauerzug hinter dem Sarg aus hellem Holz begab sich nach der kirchlichen Feier auf den bekannten Zermatter Bergsteigerfriedhof unterhalb der Kirche bei eisiger Kälte; sogar ein wenig Schnee war auf den vereisten Strassen und Pfaden noch da. Auf diesem Gottesacker sind viele Verunglückte begraben, denen das Matterhorn zum Verhängnis wurde, in der Erde. Ein grosses Denkmal mit Matterhorn-Blick erinnert die Opfer des leicht von Wolkennebel verschleierten Bergs, der Zermatt aber auch zu einer positiven Berühmtheit verholfen hat.
 
Die Trauernden nahmen von Hannes, der gern Bergführer geworden wäre, Abschied, sprühten Wasser auf den Sarg. Sie taten es auf individuelle Weise und gingen alsdann in Gedanken versunken ihres Wegs.
 
Hannes Taugwalder zum Gedenken
Ansprache von Franz Straub in Aarau
 
Am Samstag, 17. November 2007, schloss sich der Beerdigung in Zermatt in der Kirche Peter und Paul in Aarau eine weitere Gedenkfeier an. Dabei würdigte Dr. Franz Straub, ein Freund des Verstorbenen und ehemaliger Chefredaktor des „Aargauer Tagblatts“, Hannes Taugwalder mit prägnanten, wie in Stein gemeisselten Kernsätzen. Franz Straub, mit dem ich viele Jahre in freundschaftlicher Verbundenheit bei jener Zeitung zusammenarbeiten durfte, hat uns seinen Text auf meine Bitte hin in verdankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. Sie wird hier im Wortlaut wiedergegeben.
wh.
Liebe Elsie, liebe Angehörige, liebe Freunde und Bekannte von Hannes Taugwalder
 
Wir sind hier versammelt, um eines Menschen zu gedenken, der alle, die ihm begegnen durften, beeindruckt hat.
 
Jeder Mensch ist einmalig und einzigartig. Hannes Taugwalder ist es ganz speziell gewesen.
 
Schon durch seine hochgewachsene Gestalt, seine Grandezza, ist er sofort aufgefallen: Walliser Urgestein und Grandseigneur zugleich.
 
Er hatte etwas Aristokratisches, etwas britisch Distinguiertes an sich.
 
Aber er war alles andere als ein cooler, distanzierter Mensch. Er war auch ein Charmeur du coeur. Mit seinem offenen, gewinnenden Wesen ist er auf die Menschen, sein Gegenüber zugegangen.
 
Und man hat sofort gespürt: Da ist einer, der die Menschen gern hat. Der sich als Teil der menschlichen Gemeinschaft fühlt, solidarisch und mitverantwortlich.
 
Die Menschheit als Schicksalsgemeinschaft einer Schöpfung, die stets ein grosses Geheimnis bleiben wird und den denkenden, mündigen Menschen herausfordert.
 
Und ein solcher Mensch war Hannes Taugwalder.
 
Ein selbständiger, kritischer, nie aber hochmütiger Geist. Ein Denkender und Suchender bis an sein Ende, ein Philosoph. Den Geheimnissen des Lebens, der Schöpfung, dem Geheimnisvollen und Unfassbaren auf der Spur. Mit dem Kopf, aber auch mit den Gefühlen, dem Einfühlen, dem Gespür.
 
Vom sensiblen Kompass der Seele (ein Ausdruck von ihm und auch Titel eines seiner rund 30 Bücher), von diesem Kompass der Seele liess er sich duchs Leben leiten.
 
Als Rationalist durch und durch auf der einen Seite, der mit vielem der katholischen Kirche, in der er aufgewachsen war, mit etlichen ihrer Dogmen zusehends Mühe bekam und dies auch sagte und schrieb, so dass er für die offizielle Kirche sozusagen zum Ketzer wurde, als Rationalist also auf der einen Seite wusste er auf der anderen Seite doch um die Begrenztheit menschlichen Erkennens.
 
Das führte ihn zur Demut, zum kindlichen Staunen ob all der Wunder der Natur, einem Staunen, das er nie verlor. In der Schöpfung, in der grandiosen Walliser Bergwelt, in der prachtvollen Blumenwiese seines Gartens, in der im Winter einsam blühenden Rose vor seinem Stubenfenster ahnte er Gott, das Unfassbare, das grosse Geheimnis.
 
Trotz all seiner Vorbehalte zur Kirche war Hannes Taugwalder ein tiefreligiöser Mensch. Nicht gottesfürchtig, sondern gottvertrauend.
 
So sehr er dem Kosmos zugewandt war, so sehr war er auch dem Irdischen, den Lebensfreuden zugetan.
 
Er liebte, mehr noch: er verehrte die Frauen. Frauen faszinierten ihn, vielleicht auch, weil sie der Schöpfung durch ihre Natur näher stehen als die Männer.
 
Er liebte die Geselligkeit, das Beisammensein mit befreundeten Menschen. Legendär sind die Raclette-Abende in seinem und Elsies gastfreundlichen Heim am Geissfluhweg. Stundenlang strich Hannes geduldig geschmolzenen Käse auf die Teller, bis der Letzte in der heiteren Runde gesättigt war.
 
Er liebte das feine, eher noch mehr aber auch das einfache Leben, konnte eine Lasagne im schlichten Restaurant neben dem Sportplatz Brügglifeld mit fast ehrfürchtigem Hochgenuss verzehren.
 
Überhaupt das Brügglifeld: Wie konnte er, der Walliser, da mit seinem FC Aarau mitfiebern! Wie konnte er, der sonst so Gelassene, da aus sich herausgehen bei geglückten Torschüssen seiner Aarauer oder skandalösen Schiedsrichter-Fehlentscheiden! Wie kam da ein anderer, ein geradezu vulkanischer Hannes zum Vorschein.
 
Bis zuletzt lag ihm das Wohl seines FCA am Herzen. Der letzte seiner zahlreichen Leserbriefe, wenige Wochen vor seinem Tod im Spital verfasst, galt ihm. „Lasst den FC Aarau nicht sterben“, appellierte er an die Aarauerinnen und Aarauer, dem neuen Stadion zuzustimmen.
 
Überhaupt war er ein engagierter und couragierter Zeitgenosse. Wenn weltpolitische Ereignisse ihm Sorge bereiteten, konnte er auch einmal dem Papst, dem amerikanischen Präsidenten und der schweizerischen Aussenministerin schreiben. Und auch im Kreml ist Post aus Aarau eingetroffen.
 
Dieses aus innerem Engagement erwachsene Mitteilungs- und Wirkungsbedürfnis war es wohl, das Hannes Taugwalder, den erfolgreichen Kaufmann und Unternehmer, auch zum Schriftsteller werden liess. Ein eindrückliches Werk ist entstanden, buchstäblich über Gott und die Welt, vor allem auch über seine ursprüngliche Welt, das Wallis. Dass ihm das offizielle Wallis die verdiente Würdigung nie zuteil kommen liess, hat ihn beschäftigt, auch wenn er es nie gesagt hat. Umso mehr freuten ihn die Briefe dankbarerer Leser und vor allem Leserinnen aus dem deutschsprachigen Raum. Bis wenige Tage vor seinem Lebensende hat er geschrieben, Gedichte waren es. Und gerade als Lyriker sind ihm, dem feinfühligen und empfindsamen, immer wieder unerhörte Formulierungen und Bilder gelungen.
 
Nun ist Hannes Taugwalder zurückgekehrt, in den Kosmos, gestorben „in die Ruhe, in Gott hinein“, wie er das Sterben in seinen „Erfahrungen mit dem Unfassbaren“ und auch im letzten, ein halbes Jahr vor seinem Tod verfassten Buch „Vielleicht ist irgendwo ein Licht?“ umschrieben hat. Aufrecht im Geist und gefasst hat er nach langem und erfülltem Leben Abschied genommen von seiner Frau, seiner Familie, die er über alles liebte, von uns. Zurück bleiben Erinnerungen an einen liebenswürdigen Menschen, an eine facettenreiche, faszinierende Persönlichkeit, an einen väterlichen Freund, Dankbarkeit auch, ihm begegnet sein zu dürfen. Wir sind traurig und vermissen ihn, sind aber auch zuversichtlich, dass er nun das Licht gefunden hat.
 
„Der Tod ist der erlösende Gast der müde gewordenen Reife“, hat er in seinen „Erfahrungen mit dem Unfassbaren“  geschrieben. Und so hat er ihn letztendlich angenommen.
 
Ruhe in Frieden, lieber Hannes.
Adieu.
 
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