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BLOG vom 25.11.2007


Verdoppelte Naturkatastrophen: Vertreibung von den Küsten
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Ein verheerendes Unwetter suchte am 15.11.2007 eines der ärmsten Länder dieser Erde, Bangladesch, erneut heim – schon wieder. Über 3400 Opfer hat der Zyklon „Sidr“ gefordert, und Hunderte werden noch vermisst. Mehr als 3,3 Millionen Menschen sind von Schäden betroffen. Mit Spitzengeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern wurden grosse Landstriche an der Südküste verwüstet. Die Überschwemmungen haben sich wegen der durch den Menschen massiv beeinflussten Klimaänderungen dramatisch gehäuft. Die zu kleinen, zu niedrigen Deiche halten im ehemaligen Ostpakistan diesen ständigen Hochwassern nicht stand.
 
Man fühlt sich an die Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 erinnert, die, ausgelöst durch ein Seebeben, geradezu apokalyptische Schäden verursachte. Die kanadische Schriftstellerin Naomi Klein, die vor allem durch ihr Werk „No Logo!“ bekannt geworden ist, hat sich in ihrem neuen, 2007 bei S. Fischer erschienenen Buch „Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“ mit der Katastrophen-Bewältigung befasst. Diese ist mancherorts zu einem 2. schweren Unglück für die überlebende Bevölkerung geworden, wenn ihr überhaupt Hilfe zuteil wurde.
 
Im indischen Tamil Nadu wurden Tsunami-Überlebende in ihrer Mittellosigkeit so allein gelassen, dass bis zu 150 Frauen gezwungen waren, eine Niere zu verkaufen, um Geld für Lebensmittel zu beschaffen. In Sri Lanka, Thailand, auf den Malediven und in Indonesien wurde die grosse Flut dazu missbraucht, die Menschen aus dem Küstenbereich, ihrem angestammten Lebensraum, zu vertreiben. Denn laut einem Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der in der britischen Zeitung „The Guardian“ zitiert wurde, würde es eine Provinzregierung lieber sehen, „dass die Küste für den Bau von Hotels genutzt würde, doch das Ergebnis sind verzweifelte Menschen“. So legten alle vom Tsunami betroffenen Länder „Pufferzonen“ fest, um den Wiederaufbau von Stranddörfern zu verhindern und die begehrten Flächen für höherwertige Erschliessungsmassnahmen freizumachen. Hier bestätigt sich die Erfahrungsweisheit, wonach ein Unglück selten allein kommt. In der indonesischen Provinz Aceh war die Pufferzone ursprünglich 2 km breit; doch musste die Regierung die entsprechende Verordnung wieder zurücknehmen.
 
Wörtlich heisst es im erwähnten Buch: „Ein Jahr nach dem Tsunami veröffentlichte die angesehe NGO ActionAid, die überwacht, wie Hilfsgelder ausgegeben werden, die Ergebnisse einer breit angelegten Studie zur Situation von 50 000 Tsunami-Überlebenden in 5 Ländern. Überall zeigten sich gleichartige Verlaufsmuster: Dorfbewohner wurden daran gehindert, ihre Häuser wieder aufzubauen, dafür wurden Hotelbetreiber mit Investitionsanreizen geködert. Als Auffanglager bezeichnete Einrichtungen waren in Wirklichkeit militärisch bewachte Elendsquartiere; fast nirgendwo war mit dem Wiederaufbau permanenter Siedlungen begonnen worden. Ganze Wirtschafts- und Lebensweisen waren ausgelöscht. Der Bericht stellt fest, man könne diese Versäumnisse nicht den üblichen Gründen wie Verständigungsproblemen, Geldmangel oder Korruption anlasten. Die Probleme seien strukturbedingt und gewollt: ,Die Regierungen haben ihre Pflicht, Grund und Boden für permanente Ansiedlungen zur Verfügung zu stellen, zum grossen Teil versäumt’, hiess im Fazit. ,Sie haben zugeschaut oder mitgewirkt, als zum Nutzen kommerzieller Interessengruppen Grund und Boden enteignet und küstennahe Lebensgemeinschaften beiseite geschoben wurden.’“
 
Besonders auf den Malediven (rund 200 bewohnte Inseln) soll die Situation besonders brutal ausgenützt worden sein: „Die Regierung begnügte sich dort nicht damit, die arme Bevölkerung aus den küstennahen Siedlungen zu vertreiben, sondern nutzte den Tsunami, um ihre Bürger von grossen Teilen der bewohnbaren Zonen fernzuhalten.“ Damit hat die Regierung sich den Freiraum erzwungen, noch mehr reine Ferieninseln für Wohlhabende auf Kosten der darbenden Einheimischen zu schaffen.
 
Der Turbo-Kapitalismus (neoliberale Globalisierung) als moderne Weltreligion unter Leitung des Vorbeters George W. Bush zeigt immer hässlichere Seiten und dies selbst dort, wo man es nie erwarten würde. Das von den USA vorgegebene Muster der Profitmacherei um jeden Preis, das wie eine Seuche um sich greift, geht vor allem auf Kosten der armen und in reicheren Ländern auf Kosten der werktätigen Bevölkerung, der vielerorts fast nur noch der Streik bleibt, um sich gegen die zunehmenden sozialen Ungerechtigkeiten zu wehren. Dass daraus zunehmend grössere wirtschaftliche Schäden entstehen, scheint ins Kalkül einbezogen zu sein. In der Schweiz fördern die sozialdemokratischen Anführer auf der einen Seite die Globalisierung (sie möchten noch immer der EU beitreten!), und auf der anderen Seite versuchen sie ihre Position durch die Bekämpfung der Globalisierungsfolgen zu stärken, ein unfaires Doppelspiel zulasten ihrer Mitglieder, die dafür noch zahlen müssen. Wahlschlappen sind programmiert, und ein wirkungsvoller Beistand bleibt den Ausgenützten und Benützten versagt.
 
Die kleinen Leute wurden schon immer ausgenommen. Einst war das Zusammenspiel von Kirche und weltlichen Machthaber der Garant für eine flächendeckende Ausbeutung des Proletariats. Heute ist das Gewebe umfassender und komplizierter. Wer sich einbinden lässt und sein Hosianna auf den „Sankt Markt“ im einstimmigen Chor mitsingt, wird belohnt. Recht und Gerechtigkeit sind zur Farce verkommen. Die schändlichen Mauern in Israel und in den USA (gegen Mexiko) sind Symbole dafür; Erinnerungen an die ehemalige Berliner Mauer und „Sankt Marx“ sind so abwegig auch wieder nicht. Selbst das US-Finanzgenie (Investmentbanker) George Soros, Ehrendoktor der Universität Oxford, hat das eingesehen: „Der wichtigste Feind der offenen Gesellschaft ist nicht länger die kommunistische, sondern die kapitalistische Bedrohung“ (in „Die Zeit“, 17.01.1997). Es gibt heute kein Ereignis mehr, das nicht in den Dienst der Ausbeutung und der Profitmaximierung gestellt wird. Sogar Wasserkatastrophen dienen dieser grausamen neuen Form von Monotheismus, dessen Seele der Profit in den Tempeln des angeblich freien Markts als Bestandteil des Überwachungsstaats ist.
 
Man hatte sich das Wassermannzeitalter wohl etwas anders vorgestellt.
 
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