Textatelier
BLOG vom: 15.12.2007

Glanzkohle: Die Geschichte vom beseelten Wunderstein

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Auch Steine leben und wachsen. Niemand soll behaupten, dass Steine – ob edel oder nicht – kein Eigenleben haben. Aus nichts wird nichts – das gilt auch für Steine. Wer daran zweifelt, besuche eine Tropfsteinhöhle: Der Stalaktit wächst von der Höhlendecke, der Stalagmit vom Grund auf. Die Webseite www.steinwelt.de bebildert und beschreibt wundersame und sammelwürdige Steine, vom Bergkristall bis zum Tigerauge, von der Wüstenrose bis zu Heilsteinen. Die Steinzeitmenschen wussten, was es mit Steinen auf sich hat. Soweit das Vorwort zu meiner „Geschichte vom beseelten Wunderstein“.
*
Diesen Wunderstein entdeckte ein Polarforscher in der Antarktis, an einer Stelle, wo schon viel Eis weggeschmolzen war, und er verschwieg seinen Fund. Zuerst dachte er, dass dieser Stein, hochpoliert und fast so gross wie ein Straussenei, ein Klumpen Anthrazit sein könnte – also ein Stück pechschwarze Glanzkohle. Wenn nicht das Ei des Kolumbus, so hatte er vielleicht eine riesige Anthrazitmine direkt unter seinen Füssen entdeckt. Wie gut, dass seine Kollegen anderweitig beschäftigt waren. Er holte seinen Eispickel und begann, so gut es ging, nach mehr Anthrazit zu pickeln, doch umsonst. Ein einziges Stück Kohle nur hatte er gefunden und trug es als Andenken ins Zelt, wickelte es in ein Tuch und steckte den Steinknollen in seinen Rucksack.
 
Wieder zu Hause, erinnerte sich James McDermid erst Monate später an seinen Fund. Wie hart mochte der Stein sein? Weder Ahle und Feile noch Hammer und Bohrer hinterliessen die geringste Spur auf dem Glanzstein. Härter noch als ein Diamant, folgerte er. Auch Laugen aller Art griffen den Stein nicht an; er glänzte unversehrt weiter. Vielleicht war es das versteinerte Ei eines längst ausgestorbenen Riesenpinguins?
 
Schlicht und einfach versagte McDermids Talent als Naturforscher. Der Stein behielt sein Geheimnis. Er legte ihn auf den Teppich neben seinem Sessel und taufte ihn, denn er war ein gebildeter Mensch, „Lapus philosophorum“ – Stein des Weisen – und liess es dabei bewenden. Warum aber machte seine pechschwarze Katze „Blackie“ einen so grossen Bogen um den Stein, wiewohl sie sonst gerne entweder zu seinen Füssen oder neben ihm auf dem Sessel hockte? McDermid setzte den Stein neben ihrem Schlafkorb ab. Die Katze mied ihren Schlafkorb. Desgleichen ihre Futterschale. Hätte er sich ihrer nicht erbarmt, wäre sie lieber verhungert als sich der mit leckerem Katzenfutter gefüllten Schale zu nähern. „Schwarz auf Schwarz“ – dagegen hat sie wohl etwas, mutmasste McDermid. Vielleicht hält der Stein Diebe vom Haus, dachte der keineswegs abergläubische McDermid und setzte den Stein neben die Haustüre.
 
Eines Tages stiess sein Fuss gegen den Stein. „Autsch!“ entfuhr es ihm diesmal aus seiner Kehle. Nicht ihm, sondern dem Stein war dieser Schmerzenslaut entrutscht. Er versetzte dem Stein einen Fusstritt und kriegte wiederum ein „Autsch“ zu hören. „Mal sehen, was jetzt geschieht“, brummte der arg verwirrte McDermid, hob den Stein hoch und liess ihn fallen. „AUTSCH! " entfuhr ihm diesmal aus seiner Kehle. Der Stein hatte sich gerächt – er war wuchtig mitten auf seinen Fussrücken geplumpst. Er liess vom 2. Versuch ab und humpelte in die Küche und braute sich nach britischer Art einen starken Schwarztee.
 
Ein analytisch denkender Mensch wie McDermid lässt sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen. „Causes and consequences“ hatte ihm sein Studium eingeschärft. „Nur die Ruhe kann es bringen“, beruhigte er sich und beschloss, diesmal früh zu schlafen, nicht ohne zuvor einen doppelten Malzwhisky zu genehmigen.
 
Der Schlaf kam und mit ihm sein Traum. Er hörte Seufzer und ging den Lauten nach und fand die Ursache beim Stein am Hauseingang. Er bückte sich und traute seinen Augen nicht: Der Stein hatte eben Junge geworfen, 4 kleine Kügelchen, die der Mutter glichen, nicht grösser als Ziegenbohnen. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du schwanger bist? Wenn ich das gewusst hätte“, fügte er reumütig hinzu, „hätte ich dir keinen Tritt versetzt.“ Besorgt um den Nachwuchs, holte McDermid einen Wattebausch und bettete die Kügelchen darauf.
 
Als guter Christ beschloss er, die Kieselchen zu taufen. Im Mineralienlexikon fand er die Namen: Amethyse, Carnelia, Dalmatine und Godwana. „Bist du damit einverstanden?“ fragte er den Lapus philosophorum. So angesprochen, errötete der zur stolzen Mutter verwandelte Wunderstein vor Freude. Und wie er jedes Kieselchen taufte und mit Wasser besprenkelte, verloren sie flugs ihr glänzendes Schwarz und wurden kunterbunt. Die Welt ist halt doch am Schönsten bunt, befand McDermid zutiefst gerührt.
 
Im Schlaf grübelte McDermid lange nach der Moral seines Traums und kam zum Schluss: … In diesem Augenblick erwachte McDermid und sein Traum verflog augenblicklich.
*
PS: Mir fällt es nicht ein, diese Geschichte in eine Moral zu fassen, denn diese liegt ja auf der Hand.
 
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