Textatelier
BLOG vom: 23.12.2007

Abgase müssen sein: Der Führer duldet keinen Umweltschutz

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wer in der globalisierenden Zivilisationsgesellschaft, die mit brachialer Wucht ohne Unterbruch der Verblödung entgegengetrieben wird, nach dummen Regierungsentscheidungen sucht, wird für seine Mühen in einem überreichen Masse belohnt. Die Ernte ist gewaltig. So müssen beispielsweise die Schulkinder in Pakistan, wo die USA (wie unzähligen anderen Ländern auch) ihre Militärbasen unterhalten, eine spezielle Ode an Präsident George W. Bush auswendig lernen, denn schliesslich wird die legalisierte Nuklearmacht Pakistan (direkt neben der ebenfalls anerkannten Atommacht Indien) mit Hunderten von USD-Millionen bestochen, damit auch dieser strategische Verbündete bei der US-Stange bleibt. Das Verhältnis ist im Moment, seit der Verhängung des Ausnahmezustands in Pakistan Anfang November 2007, allerdings etwas angespannt, und die Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer können sich in diesem Land, das ihnen als Rückzugsgebiet dient, wohl wieder etwas freier bewegen. Pakistan ist eben nicht so ganz einfach unter Kontrolle zu halten.
 
Wie dem Buch „Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan“ von Susanne Koelbl und Olaf Ihlau (Siedler 2007) zu entnehmen ist, hat sich die erwähnte Ode, getarnt als harmloses Gedicht mit dem geschichtsträchtigen Titel „The Leader“ (deutsch: „Der Führer“) ins pakistanische „Textbuch for English“ eingeschlichen. Auf 20 Verszeilen werden die Eigenschaften eines herzensguten Staatsmanns gepriesen: Er gebe niemals klein bei, lasse sich durch nichts beirren, habe keine Angst vor dem Krieg, bete für den Frieden, und er benutze seine Kraft, um gegen das Böse anzukämpfen (…). Die Anfangsbuchstaben der Zeilen ergeben, wenn man sie hintereinander liest: PRÄSIDENT GEORGE W. BUSH.
 
An diese unbeschreibliche Grösse des präsidialen Unbeirrbaren, der nicht genug verherrlicht werden kann, habe ich denken müssen, als ich am 21. Dezember 2007 aus einigen Medien erfahren durfte, dass dieser allmächtige Kämpfer gegen das Böse einem Land vorsteht, dessen nationale, also ihm unterstellte Umweltbehörde (EPA) Kalifornien und 16 weitere US-Bundesstaaten (darunter New York, New Jersey, Massachusetts und Pennsylvania) zurückgepfiffen habe, die strengere Abgasnormen für die Autos, die in den USA als regelrechte Dreckschleudern konzipiert werden, einführen wollten. So etwas kann in der mit Abstand grössten Umweltverschmutzernation nicht toleriert werden.
 
Die Regierung wolle eine „nationale Lösung“ (… die sie nach Belieben hinauszögern kann…) „und keinen Flickenteppich von einzelstaatlichen Regelungen“, hiess es zu den vereinzelten Bemühungen um etwas bessere Luft. Für mich ist das eine Bestätigung meiner schon seit Jahren verkündeten Auffassung, dass der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen Umweltschutz der Einheitswelt so tief unten ist, dass er nichts mehr bewirken kann. An ständigen Bestätigungen fehlt es nicht. Damit hat sich all das Pro-Globalisierungsgeplapper, wonach verschmutzte Luft und verschmutztes Wasser nicht an Landesgrenzen Halt machen und deshalb zwingend globalisierte Anstrengungen erfolgen müssten, als grandioser Blödsinn erwiesen, mag es logisch noch so sehr einleuchten.
 
In meinem 2005 erschienenen Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“ hielt ich in diesem Sinne fest: „Wenn zahlreiche Einheiten wie Staaten im Verbund die gleiche Aufgabe auf ihrem Gebiet erfüllen müssen, kommt man bestenfalls zu einer durchschnittlichen Lösung. Meistens aber trifft man sich beim pitoyablen gleichnamigen Nenner, der sich sehr tief oder ganz unten befindet. Und auch dort unten hapert es beim Vollzug. Selbst die EU vollzieht das Umweltrecht höchstens teilweise, oder sie verhindert den Schutz der Biosphäre geradezu aktiv, dem US-Beispiel folgend; das Bush-Regime ist dabei, den Naturschutz vollständig abzuschaffen.“
 
Ich führte in meinem Buch (auf Seite 25) dazu ein Beispiel an, das vieles mit der Verhinderung des Klimaschutzes in den USA gemeinsam hat: „Die EU-Mitgliedländer haben sich Mitte Oktober 2004 auf eine Verordnung geeinigt, mit der die in Österreich seit längerem verbotenen Treibhausgase wieder legalisiert wurden. Das heisst, Österreich musste seine vernünftigen Naturschutzstandards zwangsweise absenken und die im Lande verbotenen Treibhausgase wieder legalisieren. Fluorierte Treibhausgase, wie sie in Feuerlöschern, Autoreifen oder Fenstern vorkommen, mussten wieder zugelassen werden. Die neue Verordnung erlaubte auch, das Schwefelhexafluorid (SF6) wieder einzusetzen, das etwa 4000-mal so treibhauswirksam ist wie Kohlendioxid (CO2).“
 
Statt heilsamer hat die Globalisierung (Neoliberalisierung) vielmehr verheerende Wirkungen im Bereich des Umweltschutzes, genau wie in sämtlichen anderen Sektoren, auch in Bezug auf das soziale Gefälle: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr, was zu Unzufriedenheiten am Arbeitsplatz, immer mehr Streiks mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen und zu einem Anstieg auch der Kleinkriminalität führt. Die philosophische Begleitmusik, die zu einer verqueren ethischen Grundlage geworden ist, sind Gewaltverherrlichungen (woraus sich das hohe Ansehen der Kriegsmacht USA ergibt), und dazu gehört auch die zum Vorbild gewordene Wiedereinführung der Folter made in USA, die zuvor nur in geächteten (aber oft von den USA gestützten) Diktaturen vor allem in Südamerika üblich war und die laut Amnesty International heute wieder in 110 Staaten praktiziert wird: China, Russland, Ägypten, Afghanistan, Syrien, Marokko, Nigeria, Paraguay, Pakistan, Sri Lanka, Togo, Türkei und im heutigen Irak und so weiter. Die Sitten verrohen auf allen Ebenen. Die Bush-Administration kann es sich erlauben, nicht nur den Umweltschutz zu bekämpfen, sondern auch „harsche Methoden“ bei CIA-Verhören zu billigen – „fortgeschrittene Vernehmungstechniken“, heisst das. Der faule Trick besteht darin, dass man die Foltermethoden mit beschönigenden Namen versieht. Die von den Medien gedankenlos kolportierten PR-Machenschaften erleichtern und ermöglichen solche Verdrehungen.
 
Die von Geschäftemachern, die sich auch in die Politik vorgearbeitet haben, häufig gelobte Globalisierung ist zweifellos das Verhängnisvollste, was dieser Erde passieren konnte. Im dunklen Schatten bzw. der Stinkluft der Uniformierung können umwelt- und wirtschaftskriminelle Gestalten legal ihr Unwesen ausleben und blockieren, was ihr kurzfristiges Gewinnstreben beeinträchtigen könnte.
 
In der Schweiz, die sich dank des Einsatzes der Schweizerischen Volkspartei SVP noch von einer Einbindung in die EU und damit in die organisierte Globalisierung schützen konnte, ist der praktizierte Umweltschutz entsprechend erfolgreich. Laut einer Mitteilung des economiesuisse (Verband der Schweizer Unternehmer www.aktiver-klimaschutz.ch ) verursacht die Schweiz weltweit die geringsten CO2-Emissionen pro Kopf. Wir sind also in einer prädestinierten Lage: Es gibt für uns keine übergeordnete Organisation, die uns verbieten könnte, im Umweltschutz aktiv zu werden. Und viele schweizerische Unternehmen nützen diese nicht mehr selbstverständliche Chance auf freiwilliger Basis.
 
In den USA wäre das ein höchst kriminelles Verhalten. Uns aber braucht das Verhalten und Entscheiden des grossen Führers nicht zu kümmern.
 
Buchhinweis
Hess, Walter: Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7.
 
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