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BLOG vom 30.12.2007


Benazir Bhutto: Weltbedrohendes Chaos im labilen Atomstaat
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Bei den Medien ist es üblich, die Jahresrückblicke lange im Voraus zu produzieren, so dass man es an den letzten Tagen im Jahr etwas gemütlicher nehmen und einander zuprosten kann, weil die Rubriken ja gefüllt sind. Aus den komprimierten Fassungen spürt der Zuschauer, Hörer oder Leser, wie viel Zeit und Platz für Unwesentliches das Jahr über vertrödelt worden ist – aber auch, was an grundlegenden Informationen gar nie in die Medien Einlass gefunden hat.
 
In diesem ablaufenden Jahr 2007 ist eines der bedeutendsten, im Sinne von weittragendsten Ereignisse kurz vor Torschluss am 27. Dezember passiert: Die Ermordung der trotz mehrfacher Todesdrohungen praktisch ungeschützten Benazir Bhutto in der Garnisonsstadt Rawalpindi (Provinz Punjab). Zwar sind in Pakistan folgenschwere Selbstmordattentate, die viele Menschen in den Tod reissen, an der Tagesordnung, und Bhutto bekleidete schliesslich noch kein Amt.
 
Die Bedeutung dieses Mords hat andere Ursachen: Pakistan ist die Heimat und das Biotop der Taliban, die während des Kalten Kriegs von der Kriegsmacht USA zusammen mit Pakistan zu Gotteskriegern ausgebildet worden sind, um sie auf die Sowjets im benachbarten Afghanistan loszulassen. Und zu ihnen sind inzwischen auch die so genannten Al-Qaida-Kämpfer gekommen, die durch eine haarsträubende US-Politik mit abenteuerlichen, hauptsächlich unbegründeten Festnahmen und Folterungen jenseits aller Menschenrechtsregeln unter dem Titel „Krieg gegen den Terror“ und dem unsäglichen, zerstörerischen Irak-Feldzug, eine einzige grosse Pleite mit enormen menschlichen, materiellen und politischen Verlusten, ebenfalls zu weiteren Taten animiert wurden – das war, nehmt alles nur in allem, eindeutig eine Förderung des Terrors.
 
Was dem Tod der in England (Universität Oxford) und in den USA (Harvard-Universität) ausgebildeten und auf die richtige Bahn gebrachte Politikerin Bhutto die überragende Bedeutung gibt, ist der Umstand, dass Pakistan eine Atommacht ist und sie als zukünftiger Stabilitätsfaktor auserkoren war. Nach verschiedenen Berichten sollen zwischen 23 und 50 atomare Sprengköpfe dort herumliegen. Diese bedrohlichen Waffen wurden entweder mit dem Segen oder zumindest mit der Billigung der USA in Stellung gebracht, vor allem um die benachbarte Atommacht Indien in Schach zu halten, ein schreckliches Gleichgewicht des Schreckens. Was wird aus diesen Mordwaffen, wenn sie in die Hände der Terroristen kommen?
 
Gleich jenseits der Grenze von Pakistan befindet sich Indien mit dem Ranthambore Nationalpark in Rajasthan, ein vielerorts urwaldähnliches Gebiet, das ich 1993 besucht habe und das für seine Tiger berühmt ist; allerdings macht sich der enorme Bevölkerungsdruck (zwar nicht unter den gefährdeten Tigern) auch dort bemerkbar. Und allein dieser birgt immer ein Gefahrenpotenzial in sich. Ich konnte mich noch frei bewegen, im Unterschied zu Assam im Nordosten des Landes, wo die Guerilla-Organisation „United Liberation Front of Assam“ (Ulfa) gerade von 3 indischen Divisionen bekämpft wurde. Man bat uns, auf der Fahrt durch die endlosen Ödlandgebiete mit den Dornbüschen, Tamarisken und Akazien wenn möglich nicht anzuhalten und auszusteigen. Und ich lernte auf diese Weise, dass nicht nur Pakistan, sondern auch Indien kein Hort der Sicherheit ist, wie er für die Hortung von Atomwaffen schon nötig wäre. Aber man wird mit Recht einwenden, dasselbe könne man auch über die Kriegsmacht USA sagen. Wer nicht aufrüstet, ist selber schuld.
 
Der Weg zur Atommacht Pakistan
In Pakistan begann der Aufbau des Atombombenarsenals Mitte der 1960er-Jahre mit der Installation mehrerer Atomforschungslaboratorien; die USA, Kanada und Westeuropa, die zugleich auch Indien unterstützten, trieben die Atombewaffnung merkwürdigerweise voran, ungeachtet der politischen Labilität und dem Hang zur Islamisierung in Pakistan, wie sie in diesem Land schon immer bestanden haben. 1966 wurde der indisch-pakistanische Krieg (mit dem Abkommen von Taschkent) beendet. 1984 hatte Pakistan mit internationaler Hilfe seine erste Atombombe zusammengebastelt, und die USA verkauften Pakistan 36 Kampfflugzeuge (F-16-Jets) mit grosser Reichweite. Business is business. Das A-Arsenal wurde inzwischen ständig ausgeweitet, denn wenn die USA schon durften, durften doch die anderen Geschäftemacher auch liefern.
 
Die Atombomben sind in Pakistan (und auch in Indien) so sicher wie die politische und militärische Führung. Viele Dollar-Milliarden – über 10 Milliarden sollen es laut Medienberichten seit 2001 gewesen sein – flossen in Musharrafs Kassen, weil die USA, geführt vom streng gläubigen und eifrig betenden George W. Bush, der zwar immer wieder gegen das 8. Gebot („Du sollst nichts Falsches gegen deinen Nächsten aussagen“) verstösst, in Pakistan ein Bollwerk in seinem ebenfalls unter anderem religiös motivierten Kampf gegen den islamischen Terrorismus sieht. Musharraf stellte der Geldgeberin USA freundlicherweise Aufmarschräume gegen die Taliban zur Verfügung und gab vor, beim Einfangen von Al-Qaida-Personal behilflich zu sein. Der pakistanische Machthaber Pervez Musharraf nahm das Geld gern entgegen, schaffte es aber selbstverständlich nicht, den Terrorismusbetrieb auch nur im Entferntesten unter Kontrolle zu bringen. Er schloss dafür 2006 mit militanten Stammesfürsten einen Friedensvertrag ab. Denn grosse Teile des Landes sind gesetzlose Gegenden, die sozusagen nahtlos nach Afghanistan übergehen, wo die USA mit ihrem Bombardement ein grandioses Chaos inszeniert und einen weiteren Krieg verloren haben.
 
Saaten und Staaten des Misserfolgs
Da der Autokrat Musharraf kein verlässlicher Partner ist und fast allen Rückhalt selbst in der eigenen Bevölkerung verloren hat (Bin Laden soll laut landesinternen Umfragen das bessere Ansehen als er haben), setzte der Westen auf Benazir Bhutto, die bildhübsche Frau mit dem weissen Kopftuch; die Amazone und US-Aussenministerin Condoleezza Rice sicherte der 54-jährigen, amerikafreundlichen Politikerin, die für eine säkuläre (weltliche) Ausrichtung des muslimischen Landes eintrat, ihre volle Unterstützung des Bush-Clans zu. Sie wurde von den USA ermutigt, den Atomstaat, allenfalls zusammen mit dem schwachen Musharraf, als Integrationsfigur unter Kontrolle zu halten. Wer auch immer hinter dem Attentat stehen mag – daraus wird nun nichts. Die USA sollen begonnen haben, die atomaren Sprengköpfe unter Kontrolle zu bringen – und kein Mensch traut den US-Politikern nach all den Erfahrungen eine vernünftige Handlung zu. Und auch Musharraf nicht, der sich nach dem Attentat wieder an die Terroristen-Ausrottung heranmachen will, wie gehabt.
 
So gesellt sich im erweiterten Mittleren Osten nach Afghanistan und dem Irak mit Pakistan noch ein Staat des Misserfolgs in die Sammlung der Scherbenhaufen einer katastrophalen USA-Politik, welche zwangsläufig in die Anarchie führt.
 
Man kann nicht Muslimen die Demokratie aufzwingen wollen und, wenn sie diese dann ausüben (wie in Palästina) und das Resultat nicht in den eigenen Kram passt, sie bestrafen und aushungern. Vielleicht müsste die westliche Politik endlich lernen, gewisse kulturelle Unterschiede in Rechnung zu stellen und zu akzeptieren.
 
Wie sagte doch der bayerische Komiker Urban Priol mit den zu Berge stehenden Haaren, der fleissig Witze von der weltpolitischen Bühne aufliest, in seinem etwas anderen Jahresrückblick 2007 (BR) so schön: „Wir werden nicht von Irren umzingelt. Wir werden von ihnen regiert.“
 
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